Kabarett-Geschichte im Revier

Ahnvater des Ruhrgebiets-Kabaretts: Fred Endrikat aus Eickel

Fred Endrikat (1890-1942)

Fred Endrikat (1890-1942)

Foto: Handout / Endrikat

Wanne-Eickel.  Er stand mit Wortkunst auf den Brettl-Bühnen der Weimarer Republik: Fred Endrikat in einer Ausstellung des Heimatmuseums „Unser Fritz“ in Herne.

Auch im Ruhrgebiet der qualmenden Schlote gab es in jedem Viertel so einen von der Sorte „Schräger Vogel“ mit großer Klappe und vorlauten Witz. Manche von ihnen schrieben auch kleine heitere Theaterstücke für Geburtstage oder Jubiläen, hielten witz- und zotenhaltige Reden. Aber nur einer unter ihnen wohnte am Ende seines kurzen Lebens am Starnberger See und war in ganz Deutschland bekannt: Fred Endrikat, der Ahnvater aller Kabarett-Größen aus dem Ruhrgebiet. Er ging seit den 20er-Jahren im rustikalen Münchner „Simpl“ an die Rampe, im Hamburger „Bronzekeller“, aber auch im „Alt-Bayern“ oder dem „Kabarett der Komiker“ in Berlin. Endrikat war in einer Liga und befreundet mit Karl Valentin und Joachim Ringelnatz, dem er als Hausdichter des „Simpl“ nachfolgte.

Bergmannssohn, Schlosserlehre

Der kleine Alfred Johann Georg, der 1890 zur Welt kam, wuchs im Eickeler Stadtteil Holsterhausen auf; sein Vater war Bergmann und baute sich an der Dorstener Straße ein Backstein-Haus. Die Architekten-Zeichnung zu diesem Kolonie-Haus ist nun im Wanne-Eickeler Heimatmuseum „Unser Fritz“ zu sehen, zusammen mit anderen Dokumenten zu Leben und Werk Fritz Endrikats, die im Stadtarchiv Herne lagern. Und die mitunter auch dunkle Seiten seiner Biografie spiegeln.

Der junge Fred schrieb schon früh Gedichte zu Schulfeiern und Kaisers- und Lehrer-Geburtstagen. Doch auf Wunsch seines Vaters geht er zunächst in eine Schlosserlehre – und als Pferdejunge unter Tage.

Aber er will da raus, im Ersten Weltkrieg landet er als Kabarettist bei der Truppenbetreuung. Die „roaring twenties“ spülen ihn nach oben, bis 1930 ist er stets auf Tournee und textet Witziges für Claire Wal­doff, den Volkssänger Charly Wittong, Hans Imhoff – und später auch das „Schiffsjungenlied“ für Lale Andersen. Plakate kündigen ihn als „Das Brettl-Genie Endrikat“ an und versprechen: „Enorm versaut. Nur für Erwachsene!“ 1937 gründet er mit der „Arche“ sein eigenes Kabarett.

Er verstand sich als „Verseschuster“, die Vierzeiler schienen seine natürliche Sprache. Endrikat war ein Improvisationstalent, er liebte Pannen auf der Bühne, weil er blitzschnell neue Witz-Funken daraus schlug: „Wenn wir einen Sketch zum ersten Mal spielen, dauert er acht bis zehn Minuten“, beschrieb seine Frau Irmgard einmal, und „nach zwei Wochen dauert derselbe Sketch eine halbe Stunde“.

Endrikats Satire ist federleicht, vor seinem Spott nichts sicher,. Sein „Endrikatechismus“ waren „Lustige Verse für Kind und Kegel“ – und manche wurden gar Stammgast im Volksmund: „Eine jede Krankheit ist kurierbar, / Einnehmbar, injektierbar, und schmierbar. / Ein jedes Leiden ist zu stillen. / Nur: Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen.“ Der Germanist Walter Gödden nennt Endrikat einen „Kabarettisten der kleinen Dinge und des Alltags“

Dunkel im Nationalsozialismus

Überhaupt: Der 1942 an Krebs gestorbene Hallodri hielt sich auch in der Nazi-Zeit gut über Wasser, „Der fröhliche Diogenes“ und anderes erschien hunderttausendfach als Feldpost-Ausgabe. Dabei sah Endrikat die Nazis kritisch, wie Texte belegen. Aber: Er schrieb im Krieg Hetztiraden gegen die Alliierten, mit antisemitischen Klischees. Der „Reichssender Köln“ hatte ab 1938 Endrikats Kabarett im Programm, die „Stuttgarter Illustrierte“ druckte 1941 ein skurriles „Foto-Interview“ Endrikats mit der Schauspielerin Hilde Krahl.

Die Dokumente aus dem Herner Stadtarchiv offenbaren Seiten eines komplexen Charakters, für eine fundierte Einschätzung von Endrikats Verhalten aber reicht die Überlieferung nicht aus. Vielleicht widmet sich ja eine(r) der Germanistik-Studierenden, die mit dem Germanisten Joachim Wittkowski von der Bochumer Ruhr-Universität liebevoll die Endrikat-Ausstellung in Wanne-Eickel zusammengetragen haben, einer Vertiefung. Der Mann, dessen Grab sich bis heute auf dem Münchner Waldfriedhof erhalten hat, hätte es verdient. Sein Werk erst recht.

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