MOZART

Applaus für rasante „Hochzeit des Figaro“ an Wuppertals Oper

„Figaros Hochzeit“ in Wuppertal

„Figaros Hochzeit“ in Wuppertal

Foto: Bettina Stoess

Wuppertal.  Grandioser Abend: Mozarts „Le nozze di Figaro“ in Wuppertals Opernhaus. Die rasante Inszenierung kommt sogar ganz ohne Möbel und Requisite aus.

Versuchen Sie mal, freihändig die Handlung von Mozarts „Figaro“ zu erzählen: Spätestens im zweiten Akt fliegen selbst die Kundigen aus der Kurve! Umso staunenswerter das Kunststück, der voltenreichen Herzenskomödie – einst eine echte Skandaloper – auf komplett nackter Bühne derart klar, treffsicher, präzis Beine zu machen wie Sonntag in Wuppertal geschehen. Dieser Abend ist ein Ereignis, ein Coup, ein Geschenk!

Sänger zu führen wie Schauspieler, auf die ganze tradierte Rokoko-Folklore samt spanischer Wand, Lotterbett und Versteckspiel hinter Fauteuils zu verzichten: Dem Briten Joe Hill-Gibbins, reichlich Shakespeare-erfahren, glückt die Schürzenjagd mit einer spielerischen Leichtigkeit, die schon zur fiebrigen Ouvertüre verzaubert.

Graf und Gräfin im abgenutzten Ehegeschirr

Nichts braucht dieser Regisseur als den raumfüllend reinweißen Viertürer, den Altmeister Johannes Schütz zum einzigen Bühnenbild des gut dreistündigen Abends macht: Carte Blanche also für Mozarts Gefühls-Universum. Und wenn die sehnsüchtige Atemlosigkeit der Violinen zum ersten Mal von einem Orchesterschlag erschüttert wird, speit das Quartett der Türen eine Augenblicks-Miniatur nach der anderen aus, umweht vom drohenden „Recht der ersten Nacht“. Das Kabinett der Getriebenen steht klar vor uns. Graf und Gräfin Almaviva im abgenutzten Ehegeschirr, Figaro und seine Braut (zwei Domestiken als begnadete Strippenzieher), der kleine Draufgänger Cherubino und eine sehr wache Mitarbeiterriege (alle Choristen mit großem „A“ wie Almaviva am Revers), der kein Fehltritt bei Hofe entgeht...

Ein Filetstück reiner Fantasie

Was folgt, ist die lustvolle Kampfansage an Oper als Ausstattungsschinken. Joe Hill-Gibbins hält mit einem Filetstück reiner Fantasie dagegen: fein marmoriert von feinsten Seelenlinien, im Komödienstrang kross charaktersatt, innen aber auf dem zartrosa Punkt wechselgebadeter Emotion. Ohne jedes Requisit pulst dieser Abend. Alles andere (außer der Axt, die der Graf im Eifersuchtsschub zückt) wäre auch überflüssig. Wir sehen auch so, was die Menschen im gestylten Gegenwarts-Schick (Kostüme Astrid Klein) umtreibt: Sehnsucht allem voran. Wie die Gräfin und ihre Zofe Susanna (mit Anna Princeva und Ralitsa Ralinova die großartigsten Stimmen des Abends) gar nicht anders können, als zum „Voi che sapete“ des süßen Postpubertiers Cherubino zu swingen, das ist der flotteste Opern-Dreier, den man sich denken kann.

Doppelte Böden der schönsten Art gibt es reichlich. Wenn der weiße Kasten später in die Höhe schwebt, regiert unter ihm die Transparenz des Inszenierten: Ein Fenstersprung landet sauber auf der Matte, je nach Intrigenbedarf schraubt die Technik wacker die Hintertreppe für Rächer wie Erlöser an und ab. Wir sehen, was kommt – und sind doch immer neu überrascht von charmanten Facetten. Man schaut und staunt. Selbst unbestrittenen Längen des Werks (allzu blöden Verwicklungen geschuldet) hilft dieses Erzähltempo.

Prachtvolle Mozart-Sänger an der Wupper

Vom Titelhelden abgesehen, der mimisch brillant ist, vokal aber mit Sebastian Campione durchaus Bedarf an Volumen und Flexibilität hat, hört man an der Wupper prachtvolle Mozart-Sänger. Iris Marie Sojers Cherubino ist ein Flirtbolzen von Belcanto-Gnaden. Mehr als Geilheit von Adel: Simon Strickers Graf schenkt dem Schwerenöter feine Verführer-Farben. Selbst das (oft unterschätzte) Buffo-Paar Marcellina/Bartolo hat mit Joslyn Rechter und Nicolai Karnolsky) hochklassige Anwälte.

Zur Szene fügt sich Julia Jones’ Mozart-Verständnis. Gegen den Oberflächenglanz der Ohrwürmer setzt die Generalmusikdirektorin, historisch informiert, mit Wuppertals packend expressiv agierenden Sinfonikern auf Substanz. Das beleuchtet das Feingliedrige in Mozarts Seelenmalerei nicht weniger intensiv als es mit Lust auf die Testosteron-Pauke haut und die (glänzenden!) Hörner jedem Rock nachjagen. Extrabeifall für den pfeffrigen Witz, den William Shaw vom Hammerklavier beisteuert!

Fazit: Mozart-Freunden könnte kaum Besseres passieren – ein Abend, den man sich nicht entgehen lassen sollte!

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben