Jazz

Beim Moers Festival treten Bands mit „Miss Unimoers“ auf

Tim Isfort, Musiker und künstlerischer Leiter des Moers Festivals, musste improvisieren.

Tim Isfort, Musiker und künstlerischer Leiter des Moers Festivals, musste improvisieren.

Foto: Ulla Michels / FFs

Moers.  Das Moers Festival findet Pfingsten statt, aber ganz anders. Die Bands spielen in der Halle, das Publikum sitzt daheim und steuert den Applaus.

Während die allermeisten Festivals mindestens bis Ende August abgesagt sind, soll das Moers Festival für improvisierte Musik, 1972 als Moerser Jazz-Festival gegründet, stattfinden -- nicht wie gewohnt, sondern als „Hybrid“, als „analoges Online-Festival“, wie dessen Chef Tim Isfort (53) es sagt: Es gibt Live-Konzerte, sie werden auf der Homepage www.moers-festival.de übertragen – doch das ist nicht alles, wie Tim Isfort im Gespräche mit Jens Dirksen verriet.

Herr Isfort, sind Sie verrückt geworden, in Corona-Zeiten ein Konzert nach dem anderen als Moers Festival stattfinden zu lassen?

Tim Isfort: Nun, es gab tatsächlich Leute, die wollten, dass wir es absagen – um dann nächstes Jahr so tun zu können, als wäre nichts gewesen. Aber ich bin sicher, die Welt wird nach diesem Meeresungeheuer Corona, wie ich es gern nenne, nicht mehr dieselbe sein. Die Veränderung wird ähnlich gravierend für Veranstaltungen wie unsere sein wie die nach der Loveparade-Katastrophe. Das wird auch unsere Konzertformate verändern.

Und deshalb üben Sie schon dieses Jahr zu Pfingsten dafür?

Wer, wenn nicht das Moers Festival für improvisierte Musik muss so etwas können? Wir wollten allerdings auch ein Zeichen setzen, gegen das Meeresungeheuer, dem wir nicht ganz machtlos gegenüberstehen. Aber auch für die Musiker, von denen ja viele eine Absage nach der anderen bekamen und von jetzt auf gleich vor dem Nichts standen. Selbst bei den Rettungspaketen sind ja viele als Solo-Selbstständige erst einmal durchs Raster gefallen und leer ausgegangen. Und wer soll eigentlich die ganzen Konzerte gucken, die jetzt in den Herbst verschoben worden sind? Das läuft doch auf ein Überangebot hinaus!

Waren Ihre Sponsoren nicht dafür, es abzusagen? Sie hätten ja viel Geld sparen können…

Wir haben mit allen unseren Sponsoren gesprochen, also mit der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien Monika Grütters, mit dem Land sowie der Kunststiftung NRW, mit der Stadt Moers, der Sparkassenstiftung und natürlich unseren Medienpartnern Arte Concert und WDR Fernsehen und WDR Hörfunk. Da schlug uns tatsächlich Begeisterung entgegen, wir haben mehrmals zu hören bekommen: Endlich mal keine Absage! Bis zum endgültigen Verbot von Großveranstaltungen Mitte April hätten wir aus juristischen Gründen bei einer Komplettabsage sogar viel Geld verloren. Unsere Version war tatsächlich wirtschaftlicher!

Also: Sie lassen bis zu 12 Konzerte pro Tag in der Festivalhalle spielen, aber ohne Publikum, und übertragen das dann online – muss das nicht entsetzlich gespenstisch werden?

Nein, bloß die Live-Musik in der leeren Halle auszustrahlen, das wäre ja ein Bullshit-Stream. Aber: Wir behaupten den Ort der Pfingstfestspiele zu Moers. Wir versuchen, ein Höchstmaß an Interaktion mit dem Publikum hinzubekommen, ohne dass dieses in der Halle sein muss. Wir werden einen Tonkünstler in der Halle haben, der sämtliche Beifälle der letzten 48 Jahre Moers Festival zur Verfügung hat. Und die wird er abspielen, je nachdem, wie viele „Likes“ oder positive Reaktionen von den Online-Zuschauern reinkommen, auch über soziale Netzwerke.

Hm, ob das klappen kann?

Oh ja, der Mann ist auch selber ein guter Jazz-Musiker und weiß, wie er mit seinen Mitteln mit dem Bühnengeschehen interagieren kann. Und dann haben wir auch noch eine Kunstfigur entwickelt, „Miss Unimoers“, das ist so eine Art kollektives Gedächtnis auf zwei Beinen. „Miss Unimoers“, das sind letztlich wir alle, und sie weiß alles über das Festival seit 1972, sie weiß aber auch schon, wie das Festival 2046 gewesen sein wird – und kommentiert das Festivalgeschehen, agiert vor Ort, fiebert mit...

Das klingt recht experimentell…

Ja, die Festivalhalle wird ein großes Labor mit Sicherheitsabstand sein. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass etwa Arte Concert ganz froh darüber war, das herkömmliche Standardformat für Konzertübertragungen – Begrüßungsapplaus, Musik mit Applaus, Schlussapplaus – einmal verändern zu können. Vielleicht wird das einer dieser Zukunftsimpulse. Ich sage: Wir können das Meeresungeheuer nicht besiegen, aber wir können vielleicht Schwimmwesten und -flügelchen anreichen, die auch nächstes Jahr noch tragen.

Und wie sieht jetzt das Programm aus? Aus Übersee kommt ja niemand, Promis wie John Zorn oder Archie Shepp haben schon frühzeitig abgesagt…

… auch weil sie nicht wussten, ob sie wieder in die USA reingelassen werden, wenn sie nach Europa fliegen. Aber wir werden Musiker aus weit über 20 Nationen und allen Kontinenten in Moers haben, die alle in Deutschland leben, und auch Österreicher wie das Auner-Quartett aus Wien, das mit zwei weiteren Bands unseren Beethoven-Schwerpunkt gestalten wird. Ironischerweise werden ausgerechnet in Moers die aktuell einzigen Live-Konzerte zum Beethovenjahr stattfinden.

Wie viel fällt denn aus?

Wir hatten bis heute 27 Absagen, aber unsere derzeitige Reproduktionszahl liegt höher als 1 – wir haben die Ausfälle überkompensieren können und mehr Angebote, als wir annehmen können. So wird Heiner Goebbels erstmals seit Jahrzehnten wieder in Moers spielen.

Das heißt, am Programm wird noch laufend gearbeitet?

Ja, tagesaktuell, da können immer noch Veränderungen auftreten. Wir werden das endgültige Programm mit einem Countdown präsentieren, nächsten Montag stellen wir den Festival-Freitag vor, am Dienstag den Festival-Samstag und so weiter.

Und was wünschen Sie sich für Pfingsten?

Ich hoffe diesmal ausnahmsweise, dass das Wetter richtig schlecht wird, und zwar auf der ganzen Welt, damit alle gucken.

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