FILMFESTIVAL

Berlinale 2018 startet ohne einen erkennbaren roten Faden

Campierende Filmfans in den Arkaden am Potsdamer Platz: Hier ist der Kartenvorverkauf für die Berlinale angelaufen.

Campierende Filmfans in den Arkaden am Potsdamer Platz: Hier ist der Kartenvorverkauf für die Berlinale angelaufen.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin.   385 Filme, elf Tage: Am Donnerstag startet die Berlinale. Zum vorletzten Mal mit Dieter Kosslick, der „Seele“ des weltgrößten Publikumsfestivals.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Drei Tage vor dem Start der 68. Berlinale am Donnerstag belagerten die eingefleischten Fans des Filmfestivals mit Schlafsäcken und Isomatten die Arkaden am Potsdamer Platz – um nur nicht den Start des Vorverkaufs zu verpassen. Die Berlinale gilt mit mehr als 300.000 verkauften Karten (Standard-Preis: 12 Euro) als weltweit größtes Publikumsfestival seiner Art.

Eröffnet wird es in diesem Jahr mit dem neuen Animationsfilm des Kult-Regisseurs Wes Anderson „Isle of Dogs“ (Insel der Hunde). Bis zum 25. Februar gibt es insgesamt 385 Filme zu sehen, 24 Beiträge laufen im Wettbewerb, 19 konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären, die am 24. Februar vergeben werden.

„#MeToo“-Debatte auch in Berlin

Und auch für die Berlinale hatte die „#MeToo“-Missbrauchsdebatte Folgen. Festival-Direktor Dieter Kosslick hatte bereits zu Jahresbeginn im Interview mit dieser Zeitung gesagt, dass es Filme gebe, die zurückgezogen wurden und andere, „die wir einfach nicht mehr spielen können“. Vor diesem Hintergrund werden Diskussionen und Vorträge der Berlinale in diesem Jahr wichtiger denn je. Zudem werde es Beratungsangebote für alle Besucher geben, die Diskriminierung oder Belästigung erlebten oder beobachteten, hieß es.

Einen „roten Faden“ im Programm gibt es nach Aussage von Festival-Direktor Dieter Kosslick (69) nicht, aber Schwerpunkte wie Zivilcourage, Künstlerschicksale und Flüchtlingsgeschichten. Für den Mann mit dem roten Schal, der als Gastgeber von Angelina Jolie und Brad Pitt bis George Clooney, Pierce Brosnan, Meryl Streep und Jane Fonda schon reihenweise Promis auf dem roten Festival-Teppich begrüßte, ist es die vorletzte Berlinale als Chef. Der Vertrag von „Mr. Berlinale“ endet 2019 nach 18 Jahren. Im Herbst forderten 79 namhafte deutsche Filmemacher, dass die Suche nach seinem Nachfolger das Ziel haben müsse, „eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen“.

Zur Seele des Festivals aufgeschwungen

Ob Kosslick, der sich mit seiner Begabung fürs Vernetzen, schlechtes Englisch und gute Komik zur Seele des Festivals aufschwingen konnte, es auch auf Augenhöhe mit der Konkurrenz gebracht hat, bezweifeln nicht wenige Beobachter – aber weil schon seinem Vorgänger Moritz de Hadeln ähnliche Vorwürfe gemacht wurden, lässt Kosslick das an sich abperlen, zumindest äußerlich. Einen gleitenden Übergang als Doppelspitze mit seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger, der angedacht war, hat er aber nun ausgeschlossen.

Beim Berlinale-Wettbewerb um Goldene und Silberne Bären sind vier Filme aus Deutschland im Rennen: Christian Petzolds Verfilmung des Anna-Seghers-Romans „Transit“ etwa, in der die Weltkriegs-Geschichte über einen vor den Nazis nach Frankreich fliehenden Deutschen in die Gegenwart verlegt wird. „In den Gängen“ von Thomas Stuber handelt von der Arbeitswelt im Großmarkt. Philip Gröning zeigt „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ über die Hassliebe eines Zwillingspaars (siehe Seite „Leute“). Emily Atefs „3 Tage in Quibéron“ schildert Romy Schneiders Interview mit dem Journalisten Michael Jürgs 1981.

„Das schweigende Klassenzimmer“

US-Regisseur Gus Van Sant ist mit „Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot“ über den Zeichner John Callahan vertreten. Benoît Jacquot besetzte seinen im Schneesturm spielenden Psychothriller „Eva“ mit Isabelle Huppert. Unter den weiteren Filmen, die um die Bären konkurrieren, sind unter anderem das mexikanische Roadmovie „Museo“ mit Gael Garcia Bernal und die iranische Komödie „Khook“ (Schwein) von Mani Haghighi.

Premiere feiert auf der Berlinale auch „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“): Die Jugendlichen einer Schulklasse im brandenburgischen Storkow stehen wenige Jahre vor dem Bau der Mauer kurz vor dem Abitur, sind unternehmungslustig und informieren sich im West-Rundfunk über das, was in der Welt passiert. Als sie vom Aufstand gegen die KP-Diktatur in Ungarn hören, entschließen sie sich selbst zum Protest: Sie schweigen ein paar Minuten im Schulunterricht, mit ungeahnten Folgen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben