Grimme-Ehrung

"Besondere Ehrung" - Besuch bei TV-Legende Heinrich Breloer

Heinrich Breloer hat Fernsehgeschichte geschrieben.

Heinrich Breloer hat Fernsehgeschichte geschrieben.

Foto: Michael Gottschalk / FUNKE Foto Services

Köln  2020 sollte Heinrich Breloer für sein Lebenswerk geehrt werden. Doch die Grimme-Gala fiel aus. Ein Besuch beim Erfinder des "Dokudrama"

Mit diesem Heinrich Breloer könnte man wohl jedes Thema der Welt beackern. Eigentlich soll es ums Lebenswerk gehen, aber wir sind vorerst beim Roggenbrot gelandet. „Ich kenn‘ das Beste von Köln, ich zeig’ Ihnen nachher den Laden“. Wir blicken über die Dächer der rheinischen Wahlheimat des Westfalen: vierte Etage, sanft modernisierter Altbau, sein Denkarium und immer der Anfang von allem.

„Hier auf dem Balkon“, sagt Breloer, „hab’ ich das erste Foto von Klaußner gemacht.“ Ein Test, ob der Schauspieler wirklich der Richtige war für den alten Brecht. War er, aber eigentlich hatte Heinrich Breloer das auch vorher schon gewusst. Breloers Besetzungen sind ja legendär - und nur einer von ungezählten Gründen, die dem Filmemacher in diesem Jahr einen Grimme-Preis (die anderen hat er vielfach eingeheimst) der ganz raren Sorte einbrachten: die „Besondere Ehrung“ des Deutschen Volkshochschulverbandes.

Heinrich Breloer sollte in der Grimme-Gala geehrt werden. Wegen Corona fiel alles aus

Die Gala, Laudatio und Dankesrede – alles Corona-Opfer. In Marl hätte er 2020 im Mittelpunkt gestanden. Da, wo auch für ihn alles anfing. Denn unter den vielen Filmgrößen, die den Preis für Qualitätsfernsehen seit 1964 hier abholten, war Breloer stets der Heimspieler. Marls feines Loemühle-Hotel: sein Elternhaus. Die „große Welt mit weißen Schals“ sah er, wenn die Gäste ihr Frühstück einnahmen. Peter Scholl-Latour, Georg Stefan Troller, Uwe Johnson („schwarze Lederjacke“), den der Student Heinrich um ein Autogramm bittet.

Student ja, aber keiner von der Medienhochschule. Breloer lernt das Filmemachen in der Praxis. Davor ist die Schule ein Leben, das im Krieg beginnt und sich in jenem Frieden fortsetzt, in dem ein junger Mann rasch zu fragen anfängt: „Wie konnten die so tun, als ob nichts gewesen wär?“ Als Knirps, da die britischen Besatzer das Hotel seiner Eltern zu ihrem Sitz machen, liegen ja Angst und Spiel nah beieinander. Die Soldaten nehmen den dreijährigen Heinrich mit auf ihrem Jeep, mit ihren Patronen lernte er auf Englisch zu zählen „One two three“, sagt Breloer und in seinem Lächeln steckt auch das Staunen über all die Widersprüche des Erlebten.

Aus dem Muff des Internat an die Spitze des deutschen Qualitätsfernsehens

Ehe er sich für Germanistik einschreibt, ist Breloers Heimat ein katholisches Internat. „Ich war eine Tabernakellaus“, lacht Breloer, der früh merkt, dass dieser Kokon ihm Schatten der Vergangenheit vorenthält. „Was ist wirklich gewesen, während ich noch nicht geboren war?“ fragt er sich. Später wird er mit „Speer und Er“ auf seine Weise davon erzählen. Das Internat: Hort und geistiges Gefängnis zugleich. Als Heinrich in einem Diavortrag über Rodin eine Nackte an die Wand wirft, kreischt die Kunstlehrerin: „Machen Sie das aus! Ziehen Sie den Stecker!“. „Das ist ein Schwein, dieser Brecht!“, sagt ein anderer Lehrer. Aber kriegen die Knaben ein Gedicht von ihm in die Finger, ist das wie eine Feile im Knast, „Lasst Euch nicht verführen“, zitiert Breloer, der heute 78-Jährige.

Aus diesem Internatsschüler wird einer der bedeutenden Fernsehfilmer der Bundesrepublik. Das hat viel mit seinem Markenzeichen zu tun: Für seine auf deutsche Geschichte blickenden Projekte erschafft Heinrich Breloer ein ehrgeizig austariertes Emulgat von Dokumentarfilm und Drama. Das irritiert manchen, der glaubt, die Vergangenheit über trockene Quellenstudien greifbar zu machen, um zur Wahrheit zu finden. Breloer aber wagt das Gegenteil der historischen Vorlesung, die kein Widerwort duldet: „Ich möchte kein Behauptungs-Fernsehen machen“, bekennt er. Widersprüche zu erhalten, das treibt ihn an. Und ob er auf Uwe Barschels Intrigenkosmos blickte oder Helmut Schmidts Krisenmanagement zu Zeiten der RAF („Todesspiel“), immer ist Breloers kunstvoll montierte, von kaum enden wollenden Recherchen genährte Arbeit ein: „So könnte es gewesen sein.“

Breloers Gespür für die Idealbesetzung ist legendär

Vielfach gelingen ihm Coups bei der Besetzung: Für sein Sippengemälde „Die Manns“ findet er Armin Mueller-Stahl, Hans Brenner spielt Hanns-Martin Schleyer, Sebastian Koch Andreas Baader… „Ich hab‘ sehr früh von Fassbinder gelernt: Die Hälfte ist das Casting.“ Da zeigt sich Breloer bis in kleinste Rollen auch als Heinrich der Listenreiche: Für die Mini-Rolle einer Servierdame der Mächtigen fragt er 1989 bei Inge Meysel an „Für dich mach‘ ich das“, lacht sie. Sie durchschaut amüsiert, was der stille Minuten-Auftritt dem Projekt bringt: Die fast 80-jährige Meysel! Eine halbe Hundertschaft Journalisten reist an! Aber nicht nur deshalb wird aus der Barschel-Betrachtung „Die Staatskanzlei“ ein Riesenerfolg.

Mitunter trifft man Breloer auf dem Fußboden an, wenn er auf der Zielgeraden der Besetzung ist,

gerade bei Familien. Da hockt er mit Fotos und schaut, ob die Zuschauer das auch glauben können. „Das Gelege muss stimmen“, nennt Breloer das. Solche Geschichten eines Akribischen könnte man dutzendfach erzählen: Der Zigarrenkurs für Tom Schilling (Brecht, der junge) wäre eine davon.

Seine Arbeit beim Dreh gilt als Gegenteil von Getöse. Breloer bereitet extrem gut vor, wiederholt kaum. „Ausgelaugt wie ein Teesieb“ seien Schauspieler doch, die man wieder und wieder quäle. „Das rohe Ei, das Heiligtum“, nennt er den Mimen. Läuft es gut, verschwinde alles um den Darsteller herum, die Kamera, der Ton und natürlich er selbst, Heinrich Breloer.

Mit seinen großen Filmen wollte Heinrich Breloer auch sein Land kennenlernen

Alle seine Filme drehen sich um Deutschland. „Ich habe das alles auch gemacht, weil ich mein Land kennenlernen wollte“, sagt er. Und so traf er das unfassbare Grauen und die hohe Kunst, das Deutschland von Hitler und Thomas Mann, die Heimat von Bert Brecht, dem Opportunisten, und Herbert Wehner, dem Kämpfer an wechselnden Fronten. „Anthropologe der Bundesrepublik“ hat ihn ein Kollege genannt. Breloer mag die Berufsbezeichnung. Der Reiz dieser Erforschung ließ nie nach, denn alles, was er finde, das Schöne wie das Abgründige „ist ja auch in mir drin“. Massenhaft produziert hat er, dem Filmen Aufklärung ist, nie. Er braucht Zeit für sein Ziel, das er „haltbares Fernsehen“ nennt: eines das auch nach 20 Jahren einer Nachprüfung standhält.

Vielfach hat man Breloers Technik kopiert, vielfach schlecht. Er ist zu diskret, Namen zu nennen, aber wenn er sieht, wie häufig im Fernsehen „Fahrradfahren ohne Kette“ läuft, macht ihn das wütend. Es läuft seinem Credo einfach völlig zuwider: „Die Zeit, die uns die Zuschauer schenken, für die müssen wir ihnen was zurückgeben und zwar etwas Wertvolles“. Am Ende, wir sind schon auf der Treppe, ein Versuch, ihm das nächste Projekt entlocken. Zwecklos. Immerhin „Sie könnten drauf kommen, der Stoff liegt in der Luft…“, sagt er. Aber: Zusammen zum Bäcker gehen wir noch. Das Brot ist fabelhaft. „Sag‘ ich doch“ ruft Breloer und dann „Tschüs!“

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