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Brian Fallon singt auf „Local Honey“ Alltag aus der Provinz

Singer/Songwriter Brian Fallon.

Singer/Songwriter Brian Fallon.

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Photoshot

Essen.  Zehn Jahre war Brian Fallon Kopf von The Gaslight Anthem. Und jetzt bringt er sein drittes Solo-Album heraus. „Local Honey“ ist kurz und gut.

Fast zehn Jahre lang war Brian Fallon Sänger, Gitarrist und Hauptsongwriter der amerikanischen Rockband The Gaslight Anthem. Eine Formation, die auf den Spuren von Social Distortion und Rise Against wandelte, fünf Alben veröffentlichte, aber dann frustriert das Handtuch warf: „Wir waren unzufrieden mit der Art, wie sich die Band entwickelt hat“, konstatiert Fallon im Musikzimmer seines Hauses in New Jersey. „Es ging alles viel zu schnell, es war kaum Zeit für irgendetwas anderes und wir kamen uns völlig vereinnahmt vor.“ Seit 2018 sind Gaslight Anthem Geschichte – und Brian Fallon ist endgültig solo unterwegs.

Eine Karriere, die er bereits zwei Jahre zuvor mit seinem ersten Alleingang „Painkillers“ eingeleitet hatte – und nun mit „Local Honey“ in die dritte Runde geht. Dabei verfolgt er ein ganz klares, stimmiges Konzept: Songs von einem 40-jährigen Familienvater mit zwei Kindern, einem von der Bank finanzierten Eigenheim und ganz alltäglichen Sorgen: „Ich denke viel darüber nach, was wichtig für mich ist“, so Fallon. „Und ein Großteil meines Publikums kann sich damit identifizieren, weil es ihm ähnlich geht und es mit mir großgeworden ist. Deswegen habe ich das Gefühl, dass ich zu Freunden mit derselben Denkweise spreche. Klar, habe ich auch jüngere Hörer. Aber die meisten sind in meinem Alter – und sitzen im selben Boot.“

Reihenhäuschen und Fastfoodrestaurants

Auf „Local Honey“ serviert Fallon Alltagsgeschichten aus der amerikanischen Provinz – der Welt der Reihenhäuschen, Malls, Fastfoodrestaurants und ganz gewöhnlichen, hart arbeitenden Menschen, die das Rückgrat der US-Gesellschaft bilden, die sich aber kein teures Gesundheitssystem, keine Eliteunis und keine Fernreisen leisten können. Sie suchen das Glück in ihrer kleinen, oft nicht ganz so heilen Welt. Wie Fallon: Er widmet seiner Frau gefühlvolle Balladen, erteilt seinen Kindern praktische Lebenshilfe oder beschreibt seinen schmerzhaften dreiwöchigen Nikotinentzug.

Politische Kommentare oder Kampfansagen sucht man indessen vergebens. Aus gutem Grund: „Ich habe es versucht, aber was das betrifft, vermag ich meine Gedanken nicht so gut auf den Punkt zu bringen. Ich deute die Dinge, die ich sagen will, eher an – und wer sie hören will, erkennt sie hoffentlich auch. Aber ich bin nicht in diesem Geschäft, um anderen zu sagen, was sie denken oder wen sie wählen sollen. Meine persönliche Meinung äußert sich eher in der Art, wie ich das Leben sehe. Das ist mir wichtiger als Kandidaten zu empfehlen, die ohnehin alle vier bis acht Jahre wechseln.“

Folk, Country und Bluegrass

Merke: Fallon ist kein Mann der großen Worte, kein Poet und kein Revoluzzer. Er sieht sich als Stimme der ganz normalen Leute, mit denen er seine Erfahrungen und Erlebnisse teilt. Die sind oft simpler Natur – im Gegensatz zu seiner Musik. Denn nach dem erdigen Rock von Gaslight Anthem versucht er sich nun an filigranem Americana: An Folk, Country und Bluegrass, verfeinert mit starken, atmosphärischen Sounds. Der Einfluss von Produzent Peter Katis, der sonst The National oder Death Cab For Cutie betreut – und Fallon auf ein ganz neues Level führt. Ursprünglich basieren seine Songs nur auf Gitarre und Klavier – das Fallon eigens für dieses Album gelernt hat. „Ich wollte einfach besser werden. Und ich hatte Ideen, von denen ich wusste, dass ich sie nicht ohne Klavier umsetzen konnte. Ein Instrument, das ich schon immer spielen wollte. Das Schlüsselmoment war, als ich Tori Amos Version von Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ gehört habe. Die war so brillant, dass ich dachte: ´Ich muss jetzt Klavier lernen – oder es zumindest versuchen.´ Und das habe ich. Ich bin zwar keine Tori Amos, aber ich kann spielen.“

„The Pretender“ von Jackson Browne ist auch kurz

Das ist dezent tiefgestapelt: Mit Anfang 40 erweist sich Brian Fallon als reifer, versierter Musiker. Ein Multiinstrumentalist, ein charismatischer Barde mit gepflegter Reibeisenstimme und ein Komponist von stimmungsvollen, dichten, fast cineastischen Stücken. Der Familienvater aus New Jersey malt intensive Klangbilder zwischen Romantik, Euphorie und Melancholie. Dass „Local Honey“ gerade Mal 31 Minuten dauert, fällt dabei kaum ins Gewicht. „Ich war mir da zunächst nicht sicher. Aber letztlich meinte ich: Die Leute hören diese Stücke auf dem Weg zur Arbeit, beim Autofahren, im Bus oder Zug. Sie haben also nicht wirklich viel Zeit - von daher müssen es gar nicht 15 Songs zu sein. Das wäre zu viel für die heutige Zeit. Und so ein großartiges Album wie „The Pretender“ von Jackson Browne umfasst ja auch nur acht Stücke. Das sagt alles.“

„Springsteen hat meine Nummer – und ich seine!“

Eigentlich wollte Brian Fallon Ende April auf Tour gehen. Doch wegen der Coronavirus-Pandemie ist er gezwungen, sämtliche Termine aufs nächste Jahr zu verlegen. Eine Zwangspause, die er nutzt, um Zeit mit der Familie zu verbringen, neue Songs zu schreiben und das eine oder andere Nebenprojekt zu starten – vielleicht auch mit der Band seines berühmten Nachbarn: Bruce Springsteen. „Aber erst, wenn er aufhört, für die E-Street-Band zu singen – wenn er mich anruft und sagt: Ich brauche jemanden, der meinen Part übernimmt, weil ich es nicht schaffe, auf Tour zu gehen. Springst du für mich ein?´ Dann bin ich sofort am Start“, lacht Fallon. „Ich meine, Springsteen hat meine Nummer – und ich seine. Aber wir sind nicht wirklich Nachbarn. Er wohnt die Straße runter – da, wo die Häuser größer sind. Ich habe nur ein kleines.“ Der Mann hat Humor.

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