Büchnerpreisträgerin

Brigitte Kronauers Rettung des Einzelnen vorm Niederwalzen

Die in Essen geborene Brigitte Kronauer starb mit 78 Jahren nach langem Leiden in Hamburg.

Die in Essen geborene Brigitte Kronauer starb mit 78 Jahren nach langem Leiden in Hamburg.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Essen.  Die große Roman-Autorin und Essayistin Brigitte Kronauer erlag mit 78 Jahren in Hamburg einem langen Leiden.

Geboren in Essen, aufgewachsen in Bochum zog es Brigitte Kronauer Mitte der 70er-Jahre nach Hamburg, das ihr als „Stadt am Strom mit weißen Villen und Segelbooten“ zur innig geschätzten Wahlheimat wurde. Wie die Temperaturen dort war auch die ihres Schreibens stets ein paar Grad kühler als im Rest der Literaturrepublik Deutschland. Umso gerührter zeigte sie sich, als ihr 2001, vier Jahre vor dem Büchnerpreis, der Literaturpreis Ruhr verliehen wurde.

Brigitte Kronauer war gleichermaßen gefürchtet und geschätzt für ihren klaren Blick auf die Verhältnisse (zwischen Mann und Frau, aber auch zwischen Gesellschaftsschichten) und die Rolle, die Kunst darin spielen konnte, Malerei wie Musik oder Literatur. Als die gelernte Lehrerin 1980 mit „Frau Mühlenbeck im Gehäus“ mit einem Paukenschlag die literarische Szene betrat, war das Staunen groß: Die Erzählerin dieses Romans ist geradezu das Gegenteil seiner Titelheldin, die ihr Leben und die Welt in Geschichten und Kalenderweisheiten einsortiert hat.

Ahnväter von Christoph Martin Wieland bis Joseph Conrad

Wer all das liest, ist gezwungen, sich einen eigenen Reim auf die Dinge zu machen – Brigitte Kronauer schrieb eine Tradition des aufklärerischen Romans fort, die in Deutschland bei Christoph Martin Wieland beginnt, aus dem 20. Jahrhundert den Faden von Joseph Conrad aufnimmt und unbedingt denkende, urteilsfreudige Leser fordert.

Auch Romane wie „Teufelsbrück“ oder „Verlangen nach Musik“ gerieten zu Musterbeispielen für ein Schreiben im Strom der Moderne, das beim Erzählen die Reflexion des Erzählten und des Erzählens gleich mitliefert. Das Wirkliche sind darin immer nur Momente, weil es anders gar nicht zu fassen, zu erfassen ist – „Berittener Bogenschütze“ ist ein weiterer Roman, der vor allem davon erzählt.

Das Taschentuch als Kapitulationsfahne und Abschiedssymbol

Eine Figur wie Irene Gartmann, die Kronauers vielleicht kunstvollsten Roman „Das Taschentuch“ erzählt und darin das Leben ihres Freundes Willi bis zu dessen Tod erinnert, hat sie in ihrem Aufsatz- und Erzählungsband weiterleben lassen. Dabei war es ihr hier wie dort um etwas zu tun, was sich auch als Kern von Brigitte Kronauers Romanen, Essays und Erzählungen begreifen lässt: Was sie da hinein und darin retten wollte, war „der Modus des unwiederholbaren Einzelwesens gegenüber der alles niederwalzenden und täglich zunehmenden Quantität“. Das Taschentuch ist Kapitulationsfahne und stoffzarter Trotz gegen Widrigkeiten des blanken Daseins. Die Wendungen eines 78 Jahre währenden Lebens haben es nun zum Symbol werden lassen für den Abschied von einer der größten deutschen Schriftstellerinnen unserer Tage.

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