Ausstellung, viel diskutiert

Bundeskunsthalle zeigt die vielen Masken des Michael Jackson

Kehinde Wileys unfreiwillig ironische Hommage an Michael Jackson, die kurz vor seinem Tod entstand.

Kehinde Wileys unfreiwillig ironische Hommage an Michael Jackson, die kurz vor seinem Tod entstand.

Foto: Andreas Rentz

Bonn.   TV-Kameras und internationale Aufmerksamkeit: Der King of Pop war für Künstler Anstoß und zum Material. Kindesmissbrauch spielt am Rande eine Rolle.

Diskussionen gibt es hier eher, wenn jemand in der Ausstellung mit dem Handy telefoniert. Oder wenn Journalisten fragen, vom niederländischen „Telegraaf“, von Kamerateams, WDR und RTL berichten aktuell. Ansonsten kann man hier auch Besucherinnen kurz vor der Pensionsgrenze erleben, die, Kopfhörer über den Ohren, ordentlich mitwippen, wenn ein Dutzend Laien in einem Kunst-Video von 2002 Michael Jacksons legendäres „Thriller“-Video nachstellen. Weiter hinten singen 16 deutsche Fans das ganze „Thriller“-Album a cappella, mehr oder meist minder gekonnt (eine Kunst-Aktion von Candice Breitz), davor hat der französische Tanz-Riese Jerome Bel Menschen dabei gefilmt, wie sie Jacksons „Moonwalk“ nachahmen, mehr oder meist minder gekonnt.

Es geht in dieser Ausstellung, die schon vor ihrer gestrigen Eröffnung mehr diskutiert als gesehen war, tatsächlich um die Wirkungen, die Michael Jackson ausgelöst hat, der seit der „Leaving Neverland“-Dokumentation mehr denn je im Verdacht steht, Kinder sexuell motivierte Gewalt angetan zu haben.

Eine Ausstellung der National Portrait Gallery London

Und selbstverständlich sieht man diese Ausstellung nun mit anderen Augen als im Juni 2018 – da feierte sie Premiere in der National Portrait Gallery in London, deren Direktor Nicholas Cullinan sie zusammengestellt hat. So zeigt die Ausstellung das Bild, das sich die Kunst vom Medienphänomen „Jacko“ machte, angefangen bei den beiden Titelbildern, die Andy Warhol für das „Time Magazine“ und für „Interview“ anfertigte, bis hin zu Kai Guettas Herrscherporträt, das wenige Monate vor Jacksons Tod 2009 entstand, ihn wie den spanischen König Philipp II. auf einem Pferd einherreitend zeigt und auch ohne die Schatten des Kindesmissbrauchs von erlesener Scheußlichkeit ist.

Donald Urquhart hat eigens für die Ausstellung ein Jackson-Alphabet an die Wand gemalt und weiter hinten wartet auch ein „Dinner Jacket“ aus Leder mit Dutzenden kleiner Löffel, Gabeln und Messer behängt, entworfen von Michael LaBush. Ansonsten bietet die Ausstellung eher künstlerische Analyse und Ironie als Ikonen oder Devotionalien.

Benutzt von Jeff Koons, den Paul McCarthy ironisiert

Besonders für schwarze Künstler war Jacksons Erfolg oft ein Schub, sich zu emanzipieren, Mut zu fassen – ausgerechnet Jackson, dessen Teint mit ärztlicher Beihilfe immer blasser wurde, nachdem er das Titelblatt des Schwarzen-Magazins „Ebony“ seit 1971 immer wieder zierte, da war er elf. Jackson wurde für mehr als zwei Jahrzehnte allgegenwärtig, sein Gesicht medial zur global erkennbaren Maske, die noch im hintersten Fischerdorf von Ghana erkannt wurde, wo er Afrikanern als einer von ihnen galt.

Der US-Künstler David Hammons aber sah Jacksons Karriere kritisch, er stellte drei Mikrofone mit der Frage auf, welcher „Mike“ man denn sein wolle – Jordan, Tyson oder Jackson? Basketball, Boxen oder Pop, da durften Schwarze aufsteigen. Die vergoldete Porzellanfigur von Michael Jackson und seinem handzahmen Schimpansen „Bubbles“, die Jeff Koons einst mit mehr als einem Anflug von rassistischer Hinterhältigkeit schuf, ist in Bonn nur auf dem verfremdeten Foto von Louise Lawler vertreten und als Ironisierung in einer Skulptur von Paul McCarthy.

Von David LaChapelle zum „American Jesus“ stilisiert

Dafür ist David LaChapelles fotografische Stilisierung Jacksons zum „American Jesus“ gleich im XXL-Format zu sehen, weshalb man umso weniger glauben kann, dass sie nicht ironisch, ja sarkastisch gemeint gewesen sein soll. Und Jordan Wolfson zeigt acht Minuten lang im Video nur Jacksons Augen, als er 1993 in einer „Neverland“-Livesendung alle Beschuldigungen des Kindesmissbrauchs von sich wies. Sie verraten – nichts.

„Michael Jackson: On The Wall“. Bundeskunsthalle Bonn, bis 14. Juli. Di/Mi 10-21 Uhr, Do-So 10-19 Uhr. Eintritt: 10 Euro, erm. 6,50 €; Katalog (englisch): 32 Euro.

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