Wissenschaft

Das genmanipulierte Baby wird Realität mit moderner Technik

Essen.   Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, warnt vor den Möglichkeiten der modernen Gentechnik. Er fordert verbindliche Regeln.

Irgendeinem Labor auf der Welt wird es gelingen, befürchtet Prof. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Neue gentechnische Möglichkeiten stellen Wissenschaftlern ein effektives Werkzeug zur Verfügung, das Erbgut von Embryonen vor der Geburt zu manipulieren. Die „Genschere“ ermöglicht es, defekte Gene aus dem Erbgut herauszutrennen und durch gesunde zu ersetzen.

Diese Keimbahnveränderungen würden an alle nachkommenden Generationen weitervererbt – mit noch unabsehbaren Folgen. Jüngste Erfolge von Labors in China und in den USA lassen erwarten, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der erste gentechnisch veränderte Mensch geboren wird. Bevor es dazu kommt, muss sich die Weltgemeinschaft über Regeln und Grenzen dieser Forschung verständigen, fordert der Theologieprofessor Peter Dabrock – Christopher Onkelbach sprach mit ihm darüber.

Der Deutsche Ethikrat appelliert an die künftige Bundesregierung, die neuen gentechnischen Möglichkeiten rasch zum Gegenstand einer internationalen Debatte zu machen. Ist die Lage so dringlich?

Dabrock: Ja, ohne Zweifel. In China, Großbritannien und in den USA werden die Forschungen vorangetrieben mit dem klaren Ziel einer therapeutischen Anwendung. Bereits 2015 und 2016 haben chinesische Forscher Versuche publiziert, mit Hilfe genetischer Veränderungen die Veranlagung zu einer erblichen Bluterkrankung zu korrigieren beziehungsweise eine genetische Resistenz gegen HIV zu erzeugen. In diesem Jahr haben amerikanische Forscher mit erheblich besseren Resultaten defekte Gene bei einem Embryo ausgetauscht.

Was finden Sie daran so bedenklich?

In diesen Experimenten geht es um das langfristige Ziel, eine Therapie am frühsten menschlichen Leben zu ermöglichen, mit der auch die Ei- und Samenzellen des Embryos genetisch korrigiert würden – also eine Veränderung der Keimbahn des Menschen, die somit an alle Nachkommen weitergegeben würde. Dabei werden Mutationen des Erbguts nicht nur in Kauf genommen, wie es etwa bei einer Bestrahlung oder Chemotherapie geschehen kann, sondern sie werden systematisch herbeigeführt. Das ist der große qualitative Unterschied zu bisherigen Gentherapien.

Das vielbeschworene Designerbaby, der gentechnisch veränderte Mensch, kann also Realität werden?

Man erkennt den Ehrgeiz der Forscher – der grundsätzlich nichts Schlechtes ist –, ihre Möglichkeiten auch anzuwenden. Der genetisch veränderte Mensch, die Manipulation der Keimbahn, ist keine utopische Vision mehr, sondern technisch denkbar und leider auch erwartbar angesichts des Überehrgeizes mancher Wissenschaftler, unbedingt die ersten sein zu wollen und in die Geschichtsbücher einzugehen. Risiken werden dabei vorsätzlich in Kauf genommen.

Deshalb fordern Sie die Politik zur Eile auf?

Wir haben unsere Empfehlung bewusst in die Phase der Koalitionsgespräche platziert. Die zukünftige Bundesregierung sollte unserer Auffassung nach die Keimbahnintervention auf internationaler Ebene zu einer dringlichen Angelegenheit erklären, um möglichst bald global verbindliche Regularien zu schaffen. Erstmals in der Wissenschaftsgeschichte sollen medizinische Maßnahmen entwickelt und eingesetzt werden, die Generationen noch nicht gezeugter Nachkommen betreffen. Nach unserer Ansicht ist es eine Menschheitsfrage, die auf der Ebene der Vereinten Nationen erörtert werden muss. Wenn wir eine internationale Konvention erreichen wollen, dann muss ein solcher Prozess damit beginnen, die offenen wissenschaftlichen und kulturellen Fragen auf der Ebene der Weltgemeinschaft zu behandeln.

Könnte die politische Debatte angesichts des rasanten wissenschaftlichen Fortschritts nicht zu spät kommen?

Wer Prozesse internationaler Vereinbarungen kennt, weiß, dass sie sich sehr lange hinziehen können. Das ist für wichtige politische Gestaltungsprozesse auch geboten. Dennoch müssen wir so schnell wie möglich damit beginnen, damit man nicht in wenigen Jahren überrascht wird von der Nachricht, dass der erste genmanipulierte Mensch geboren wurde.

Hat die Politik denn im Blick, worum es geht, welche Risiken es gibt?

Na ja, wenn man sich anschaut, dass es 2015 die erste Veröffentlichung von Versuchen gab, die erstmals die Möglichkeit der Keimbahntherapie vorgestellt haben und was seither aus der Politik dazu gesagt wurde, dann ist das beunruhigend wenig. Dies ist auch ein Grund für den Appell des Ethikrates, der einstimmig erfolgt ist. Wissenschaftliche Forschung, deren Ergebnisse derart grundlegende Auswirkungen auf das menschliche Selbstverständnis haben können, muss gesellschaftlich eingebettet werden. Das ist eine Frage, die nicht allein in der Wissenschafts-Gemeinschaft entschieden werden darf. Es ist auch keine Frage eines einzelnen Landes allein, denn es geht um die biologischen Grundlagen der Menschheit.

Plädieren Sie für ein Verbot, einen Stopp dieser Forschung?

Ich gehöre nicht zu den Fortschrittsgegnern unter dem Label „Bewahrer der Schöpfung“. Der Mensch darf in die Natur eingreifen, er soll es sogar, nur muss er es verantwortlich tun. Aber wir beobachten, dass angesichts der großen Bedeutung des Themas der politische Diskurs sträflich vernachlässigt wird. Wir haben jetzt noch die Chance, uns als globale Zivilgesellschaft zu der Genveränderung zu verhalten, bevor es zu spät ist. Ich sage nur: Leute, passt auf, dass nicht irgendwann der Zug abgefahren ist.

Können Genveränderungen nicht auch segensreich sein? Es geht um die Ausrottung von Erbkrankheiten?

Das stimmt. Die Genschere, die bekannteste nennen Wissenschaftler CrisprCas9, eröffnet faszinierende Möglichkeiten, von denen die Naturwissenschaftler jahrzehntelang geträumt haben. Sie ist kostengünstig, effektiv, leicht zu handhaben und präzise. Sie bietet tolle Chancen, mehr zu lernen über die hochkomplexen Mechanismen des Lebens und bringt der Medizin unendliche Möglichkeiten, gegen allerlei Krankheiten vorzugehen.

Auch die Landwirtschaft erhofft sich gravierende Fortschritte.

Ja, in der Tier- und Pflanzenzucht ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Ein oft genanntes Beispiel ist die Malaria übertragende Mücke, deren Erbgut man dergestalt verändern könnte, dass sie unfruchtbar wird oder keine Viren mehr übertragen kann. Das könnte Hunderttausende Menschenleben retten – aber auch ganze Ökosysteme gefährden. Darüber wird der Ethikrat im Oktober eine Diskussionsveranstaltung in Frankreich durchführen. Überhaupt: Es sind noch sehr viele Fragen offen.

Welche wären das?

Wo liegt die Grenze zwischen unverantwortbaren und verantwortbaren Risiken? Welche systematischen Veränderungen der Keimbahn sollen erlaubt, welche verboten sein? Sollen genetische Eingriffe auch für „Verbesserungen“ des Menschen eingesetzt werden dürfen? Welche Erbkrankheiten rechtfertigen einen Eingriff in die Keimbahn des Menschen, wird es eine Liste geben und wer legt diese fest? Und wenn man die genetische Ausstattung des Nachwuchses gestalten kann – könnte dadurch ein sozialer Druck auf Eltern entstehen, diese Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen? Über alle diese Fragen herrschen in den Ländern und Kulturen unterschiedliche Auffassungen. Darüber müssen wir reden. Deshalb unser Appell.

Wie viel Zeit bleibt noch bis zur Geburt des ersten genveränderten Babys?

Wenn ich das so genau wüsste! Klar ist, es wird weltweit mit Hochdruck an Versuchen zur Keimbahnveränderung gearbeitet. Wir beobachten ein Rennen, wer den ersten genveränderten Menschen zur Geburt bringt. Ob es ein Jahr, vier oder zehn Jahre dauert, kann ich nicht sagen. Aber der Wettlauf beginnt nicht erst, er ist in vollem Gange.

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