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„Das Mädchen, das lesen konnte“ bietet eine reale Utopie

„Das Mädchen, das lesen konnte

„Das Mädchen, das lesen konnte

Foto: Handout

.   Der Debüt-Spielfilm der französischen Regisseurin Marine Francen überzeugt mit einer großartigen Geschichte und

Ein Dorf der Frauen: Als sich Louis Bonaparte 1851 mit der Armee im Staatsstreich die Macht sicherte, wurden widerspenstige Anhänger der Republik verhaftet und interniert, darunter auch sämtliche Männer eines Bergdorfs in den provenzalischen Cevennen. Eines Morgens wurden sie aus den Häusern geholt und abtransportiert, wer sich widersetzte, wurde erschossen. Frauen und Kinder blieben zurück, es begann eine Zeit der Angst und der Freiheit, die eine von ihnen, die 1851 noch ganz junge Bäuerin Violette Aihaud, mehr als 60 Jahre später in der Erzählung „L’homme semence“ („Der Samenmann“) beschrieben hat.

Überraschend komponierte Bilder

Diese kurze, poetisch stark verdichtete Geschichte hat die junge französische Regisseurin Marine Francen nun verfilmt. „Das Mädchen, das lesen konnte“ erweckt nicht nur eine längst vergessene Episode der Geschichte zu neuem Leben. Sie erzählt von einer Utopie: So wie sie die Gemeinschaft der Frauen zeichnet, ist sie den Idealen von Freiheit und Gleichheit näher als es die zweite französische Republik je war.

„Das Mädchen, das lesen konnte“ heißt Violette (Pauline Burlet) und ist, als die Männer verhaftet werden, noch keine 17. Doch da sie als einzige im Dorf lesen und schreiben kann, kommt ihr eine besondere Stellung zu. Wenn nicht alle gemeinsam auf den Feldern arbeiten, unterrichtet sie die Kinder des Dorfes und ermöglicht ihnen so ein selbstbestimmteres Leben, als es ihre Eltern hatten. Und als nach über einem Jahr erstmals wieder ein Mann im Dorf erscheint, ist sie es, die sich um den Fremden kümmert, der sich Jean nennt und behauptet, ein wandernder Schmied zu sein.

Wie Violette liebt auch Jean (Alban Lenoir) Bücher, und so nimmt ihre zunächst befangene Beziehung bald eine Wendung ins Romantische. Nur ist Violette Monate zuvor eine andere Verpflichtung eingegangen. Alle jungen Frauen des Dorfes hatten geschworen, dass sie, sollte sich je wieder ein Mann in ihre Region verirren, ihn sich teilen würden, um den Fortbestand des Dorfes zu sichern.

Marine Francen fängt in oft überraschend komponierten Bildern, die eher an klassische Gemälde als an typische Filmbilder erinnern, sowohl die Schwere der körperlichen Arbeit als auch Violettes verworrene Gefühle ein. So kann sie von einer außergewöhnlichen Liebe erzählen und zugleich einen radikal anderen Gesellschaftsentwurf nachzeichnen. Wenn die Frauen gemeinsam auf den Feldern arbeiten, übernehmen sie nicht nur die Rolle der Männer. Sie finden zu einer Gemeinschaft, die nicht mehr von Hierarchien und Machtverhältnissen geprägt ist. Hier arbeiten wirklich alle miteinander. Vor diesem Hintergrund erscheint das Opfer, das Violette schließlich bringt, wie der Triumph einer anderen Ordnung, in der tatsächlich niemand die eigenen Interessen über das Allgemeinwohl stellt.

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