Literatur

Das trotzige Herz Amerikas

Schriftsteller Colson Whitehead

Schriftsteller Colson Whitehead

Foto: dpa Picture-Alliance / Maurizio Brambatti / picture alliance/AP Photo

Colson Whiteheads Roman „Die Nickel Boys“ gräbt einmal mehr in der Historie und fördert Düsteres zutage.

Gute Bücher sind nicht immer schöne Bücher. Der US-amerikanische Autor Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, ist so einer, der sich mit guter, schmerzlicher Literatur in die Seele seiner Leser brennt. Zuletzt begab er sich mit dem Roman „Underground Railroad“ ins dunkle Herz der US-Historie, in die Zeit der Sklaverei, verdichtete Fakt und Fiktion zu einer ganz neuen Art der emotional aufarbeitenden Geschichtsschreibung – und erhielt dafür sowohl den National Book Award als auch den Pulitzer Preis.

Nun gräbt er im neuen Werk „Die Nickel Boys“ einmal mehr Erschütterndes aus: Ausgehend von dem realen, 2014 aufgedeckten Skandal um die „Dozier School for Boys“ in Florida, schildert er die brutalen Erziehungsmethoden einer „Besserungsanstalt“ der 60er Jahre, schildert die Misshandlungen vor allem an schwarzen Jungen – deren Tod dabei in Kauf genommen wurde.

Die Ideen Martin Luther Kings werden einem Jungen zum Verhängnis

Das Ausgraben ist diesmal wörtlich zu verstehen, stehen doch die Pläne eines Immobilien-Investors am Anfang dieser Erzählung: Im Prolog schildert Whitehead, wie Archäologie-Studenten wenige Jahre nach der Schließung der Schule Ungereimtheiten auf dem offiziellen Friedhof der Anstalt entdecken – „all die Knochenbrüche und eingeschlagenen Schädel, die Brustkörbe voller Schrotkugeln“ – und schließlich einen geheimen Friedhof, auf dem Dutzende weiterer Jungenleichen verscharrt wurden. Nun schafft es das Leid der Nickel-Jungs bis in die Abendnachrichten. In New York schaltet einer von ihnen, längst ein Mann, den Fernseher an – und dieser Elwood Curtis erinnert sich.

1962: Ein schwarzer Junge im Süden der USA wächst bei der Großmutter auf, die in dritter Generation in der Putzkolonne eines Hotels arbeitet. Eine Schallplatte mit den Reden Martin Luther Kings pflanzt ihm die Idee ein, „genauso viel wert wie jeder andere zu sein“. Eine Idee, die ihm zum Verhängnis wird, als er auf dem Weg zu einem College-Stipendium für begabte Schüler mit dem falschen Auto trampt – und durch eine Verwechslung als Dieb im Nickel landet. Elwoods Leidensgeschichte treibt Whitehead, flankiert von ebenfalls quälenden Andeutungen, voran – wie Elwood die Idee von Gerechtigkeit, Freundschaft, einfach nicht aufgeben kann, wie er kämpft und fällt und kämpft und fällt. Und schließlich: am Boden bleibt.

Colson Whiteheads Spiel mit der Wahrnehmung führt Leser in die Irre

Whitehead spart auch die blutigen Details nicht aus, das kennen wir bereits aus „Underground Railroad“. Die fantastischen Elemente des Vorgängers, das Spiel mit Realität und Wahrnehmung müssen wir allerdings vermissen. Vielmehr: Erst fast am Ende des Romans erfahren wir, dass Whiteheads Leserschaft selbst Teil dieses Spiels war. Denn durch einen Griff in die literarische Trickkiste gelingt es ihm, die Toten lebendig werden zu lassen und die, die uns eben noch lebendig schienen, ins Totenreich zu verbannen. Ein großer schmaler Roman, eine Erzählung von Ohnmacht und Trotz – und ein Appell, die Kinder dieser Welt besser zu schützen.

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