Literatur

Deniz Yücel schreibt über seine Zeit in türkischer Haft

Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist.

Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Essen.  Ein Jahr lang war der Journalist Deniz Yücel in türkischer Haft. Jetzt hat er ein bewegendes Buch über diese Zeit geschrieben: „Agentterrorist“.

Am 14. Februar 2017 wird der Journalist Deniz Yücel, Istanbul-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“, von der türkischen Polizei in Gewahrsam genommen. Die Vorwürfe: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Datenmissbrauch und „Terrorpropaganda“. Yücel hatte über einen Hackerangriff auf den Schwiegersohn von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan berichtet: Das linke türkische Hacker-Kollektiv RedHack hatte Emails von Energieminister Berat Albayrak öffentlich gemacht, Yücel hatte zwei Artikel darüber geschrieben. Ein Jahr lang wird Yücel im türkischen Gefängnis bleiben, bis am 16. Februar 2008 die vielfachen diplomatischen Bemühungen der Bundesregierung, die vielen Zeitungsartikel, Demonstrationen, Solidarbekundungen Wirkung zeigen und Yücel aus der Untersuchungshaft entlassen wird.

Präsident Erdogan fand für Deniz Yücel die Bezeichnung „Agentterrorist“

Dies ist die äußere Lesart des Falls Yücel. Die Innensicht schildert der 46-Jährige nun in seinem soeben erschienenen Buch „Agentterrorist“ – eine Anspielung auf die Bezeichnungen, die Erdogan für ihn fand. Es schreibt ein Deutschtürke, der zu Beginn seines Aufenthalts in Istanbul darauf besteht, auch den türkischen Pass zu behalten, obwohl so viele ihm geraten hatten, aus Sicherheitsgründen allein deutscher Staatsbürger zu bleiben (als hätten sie es geahnt); es schreibt ein zwar sensibler und fein beobachtender, aber keinesfalls nachgiebiger Charakter.

Schon im Prolog erfahren wir, wie sehr Yücel mit den Bedingungen seiner Freilassung gerungen hat, wie sehr er es hasste, sich als „Gastgeschenk“ an die Bundesregierung zu fühlen („Jetzt bin ich der Bademantel“). Zugleich gibt Yücels persönlicher Erfahrungsbericht einen tiefen Einblick in einen Staat, der kontrolliert, manipuliert, erpresst. Kurz vor seiner Freilassung, als er um die Bedingungen ringt, nicht klein beigeben will, sagt Yücel dem mit ihm verhandelnden Diplomaten: Dann solle Regierungssprecher Steffen Seibert mal sehen, wie er in der Bundespressekonferenz erkläre, der Staat habe Yücel fallengelassen. Eine Sekunde später merkt er, das war eine Erpressung, eine Manipulation – „zu viel Umgang mit solchen Leuten färbt ab“, denkt er.

Lesung: Sonntag, 13.10., 20 h, Zollverein Essen

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