Eine Tüte Gemischtes, bitte!

Bildband stürmt Büchercharts: Der Kult um den Kiosk im Pott

Treffpunkt Trinkhalle: Hier bei Azam in Gladbeck - hier tickt das Revier.

Treffpunkt Trinkhalle: Hier bei Azam in Gladbeck - hier tickt das Revier.

Foto: Reinaldo Coddou H.

Dortmund.   Von Kant bis Schalke mit ‘nem halben Liter Hansa am Hals: Leben anne Bude! Der Bildband „Treffpunkt Trinkhalle“ ist enorm erfolgreich. Warum nur?

Das gedruckte Denkmal der Budenkultur im Ruhrpott steigt beim Online-Buchhändler Amazon an der Spitze aller Bildbände in Farbfotografie ein. „Treffpunkt Trinkhalle“ von Jan-Henrik Gruszecki (34) und Lichtbildkünstler Reinaldo Coddou H. (47), zwei Westfalen anne Bude. Die Idee dazu hatte der Dortmunder Gruszecki, mit dem wir über den auch für ihn ungeahnten Bestseller gesprochen haben.

Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: Die Nummer Eins im Pott… Gruszecki: (lacht) …sind wir!


Mit einem Buch über Buden… Aber wieso bloß? Gruszecki: Im Ruhrgebiet gibt es durch die letzte Zechenschließung auf Prosper Haniel eine Phase der, in Anführungszeichen, Ruhrgebiets-Romantik. Da gehören die Trinkhallen dazu wie Kohle, Bier und Fußball – das hat sicher geholfen.


Ersetze Romantik durch Folklore? Gruszecki: (zögert): Wenn, dann eben echte Folklore – denn künstlich inszeniert scheitert sie maximal. Zugegeben, als Berufswunsch in der Grundschule würden die wenigsten Kinder Buden-Besitzer angeben.


„Es ist hart, mies bezahlt und die Arbeitszeiten sind undankbar.“

Zumal es ja immer weniger Ellis und Wolles gibt bei den Betreibern… Gruszecki: Das stimmt natürlich. Für viele ist es einfach ein Job mit niederschwelligen Voraussetzungen, bei dem man vielleicht ein bisschen rechnen können sollte. Aber nicht vergessen: Es ist hart, mies bezahlt und die Arbeitszeiten sind undankbar. Dazu die Konkurrenz von Tankstellen mit Vollsortiment und Supermärkten, die bis spät geöffnet sind. Deswegen schließen ja auch immer mehr Buden (etwa 250 pro Jahr von einstmals fast 50.000, Anm.d.Red.).


Man gewinnt im tendenziell rückwärts gewandten Revier den Eindruck, auch durch solche Bildbände, man würde hier am liebsten ein braunes Sehenswürdigkeiten-Schild an die A40 stellen mit der Aufschrift „Wir leben lieber gestern“. Gruszecki: Das teile ich überhaupt nicht. Eine Trinkhalle ist ja immer auch eine Konsumstätte – und was gibt es Moderneres als Konsum? Das Ruhrgebiet ist außerdem durchaus dabei, sich neu zu erfinden, ist im Aufbruch, auch dank der jungen Bevölkerungsstruktur. Ich würde sagen: traditionsbewusst, aber zukunftsorientiert.

Ja, die Menschen, viel beschworen – doch ausgerechnet im Buch mit den Buden fehlen sie, nicht nur auf dem Titel, oft auf den Fotos! Gruszecki: Das hat teils rechtliche Gründe, denn manch einer der Kunden hatte keine Lust, vielleicht aus Scham, fotografiert zu werden. So mussten wir manchmal warten, bis alle weg waren. Aber richtig ist auch, dass da die Zeiten des Schlangestehens einfach vorbei sind. Und letztlich wollten wir auch die Trinkhallen dokumentieren und nicht das Leben drumherum – das wäre dann ein anderes Buch geworden.


Die eine oder andere Ansicht dürfte im Austausch wohl dennoch gewonnen worden sein? Gruszecki: Natürlich! Wofür es sich vor allem gelohnt hat: zur eigenen Bewusstseinsbildung. Ich als zugezogener Westfale war in jedem einzelnen Stadtteil des Ruhrgebiets. Ob Essener Süden oder Duisburger Norden, die Unterschiede meint man zu kennen, vom Hörensagen, aus den Medien. Aber das Vor-Ort-Erleben, diesen morbiden Charme, die architektonischen Schönheiten, sehr unterschiedliche Gesprächspartner, teils soziales Elend – das erdet. Wenn da schon montagmorgens der erste halbe Liter Hansa am Hals hängt, muss man manchmal schon schlucken. Allerdings gibt es auch viel Positives, gute Gespräche über alles und jeden, von Kant bis zur Schalker Transferpolitik, also von guten Dingen bis zu ganz schlimmen.


Nicht von ungefähr gibt es Pseudo-Dokus wie „Hartz, aber herzlich“ im Privatfernsehen, die im Mikrokosmos Trinkhalle spielen. Gruszecki: Ich kann sagen, die Realität ist manchmal leider noch realer als die Reality-Soaps.

Was hält der Budenbuchmacher denn dann vom „Tag der Trinkhalle“ wie er revierweit bereits zweimal gefeiert worden ist mit Kulturprogramm und bunten Begegnungen? Ich bin ein Fan davon. Wenn verschiedene Kulturen und Subkulturen zusammenkommen, entstehen oft schöne große Dinge. Auch für die Budenbetreiber, die ja sonst oft nicht so viel Umsatz machen, ist das ein Feiertag.


1:0 für den Faktor Fußball

Spielt der Faktor Fußball anne Bude eigentlich noch eine große Rolle? Gruszecki: Gottseidank. Vor allem in Gelsenkirchen und Dortmund kommt man an dem Thema und seinen emotionalen Geschichten nicht vorbei.

Und wie steht’s selbst um die kioskitäre Selbstversorgung? Gruszecki: Ich wohne direkt am Borsigplatz, wo es keinen Supermarkt im Quartier gibt. Also gehe ich abends oft nochmal los – und wenn es nur fürs Katzenfutter ist…

Tradition Büdchen: Die Trinkhalle ist Kult im Ruhrgebiet

Angesichts des schönen Erfolges: Sind schon Nachfolger in Planung, die der Revierkultur weitere Denkmäler setzen? So etwas wie „Stichwort Staublunge“ oder „Brennpunkt Bier und Briketts“… Gruszecki: Bei vielen Dingen fragt man sich in der Tat, warum es dazu noch kein Buch gibt. Reinaldo Coddou und ich haben ja schon einen Bildband zusammengemacht über das Westfalenstadion. Und die Fußballkultur im Revier hat definitiv noch mehr zu bieten!

>>> Reinaldo Coddou H., Jan-Henrik Gruszecki: Treffpunkt Trinkhalle. Edition Panorama, 224 Seiten, 200 Fotografien, 24,80 Euro.

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