Literatur

Der neue Roman von Nick Hornby: Ehe-Therapie am Tresen

Zehn Sitzungen - im Pub: Nick Hornbys neuer Roman begleitet ein Paar zum Ehe-Therapeuten.

Zehn Sitzungen - im Pub: Nick Hornbys neuer Roman begleitet ein Paar zum Ehe-Therapeuten.

Foto: fizkes / Shutterstock / fizkes

Essen.  „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“: Der britische Autor Nick Hornby schickt ein Paar zum Therapeuten - bissig, lustig und tröstlich.

Erinnert sich noch jemand an jene Zeiten, in denen der dräuende Brexit die größte bekannte Bedrohung der Weltordnung war? „Dass sich in Zeiten großer Umbrüche auch Chancen bieten“, meint Tom, aber damit hat er schlechte Karten bei seiner Noch-Ehefrau Louise: Denn dass ihr Gatte für den Brexit gestimmt hat („und das trotz der vielen Gespräche, die wir darüber geführt haben“) und dass er nun auch noch ein Gleichnis zu ihrer Ehe daraus bastelt – darüber wird bei ihrer Paartherapeutin Kenyon noch zu reden sein! Freie Handelsabkommen? Louise tobt: „Mit wem willst du Handelsverträge abschließen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du bei Chinesinnen oder Amerikanerinnen mehr Glück hast.“

Ein typischer Hornby-Charakter: Tom ist Musikjournalist, leider ohne Aufträge

Der britische Autor Nick Hornby ist wieder da: Bisschen älter, bisschen weiser ist sein Held nun, aber immer noch einer dieser typischen Hornby-Charaktere – ein leidenschaftlicher Musikjournalist, nur leider mit schlechter Auftragslage, der die Selbstzweifel in Trotz und Trostbierchen ertränkt. Seine Gattin Louise ist Ärztin und schmeißt nebenbei noch den Haushalt mit zwei Kindern, was der Ehe eine Schieflage beschert. Den moralischen Vorteil allerdings hat Louise verspielt, dem Fehltritt mit einem gewissen Matthew geschuldet. Genauer: den vier Fehltritten, wie Tom betont, ohne die Hoffnung zu verlieren: „Unsere sexuelle Beziehung ist Usain Bolt mit Leistenzerrung. Ins Stocken geraten. Aber wenn sie wieder ins Laufen kommt, schaffen wir die vier Mal in null Komma nix.“ Nur sollte, wirft Louise ein, die Ehe nicht eher Marathon denn Sprint sein?

Nick Hornby rührt einen Balsam aus Humor und (Selbst-)Ironie an

So weit, so blutig. Hornby aber bedeckt die emotionalen Wunden mit einem Balsam aus Humor und (Selbst-)Ironie. Anstatt mit Louise und Tom im Sprechzimmer Platz zu nehmen, dürfen seine Leser das Paar an den Tresen begleiten: Wir erfahren nur, was die beiden sich bei Bier und Wein vor ihrer Therapiestunde zu sagen haben. Das ist ein geschickter Kniff, nur manchmal dadurch getrübt, dass die Dialoge immerhin die Basis-Infos enthalten müssen und dadurch an den Rand des Künstlichen, ja Gestelzten geraten.

Dennoch bleibt so viel Witz und Schlagfertigkeit übrig, dass wir von Beginn an sicher sein können: Ein Paar, das zu solchen Dialogen noch in der Lage ist, das sich die Mühe macht, sein Gegenüber mit geistesblitzenden Einlassungen zu unterhalten – ein solches Paar ist noch lange nicht am Ende. Selbst als Tom nach Sitzung drei offenbar ausgezogen ist („Keiner hat gesagt“, sagt Louise den titelgebenden Satz, „dass du ausziehen sollst“) und die beiden sich schon mal ihre künftigen Partner ausmalen, verlieren wir Lesenden nicht die Hoffnung.

Gemeinsamen vom Ehe-Ende träumen: Auch das kann zusammenschweißen

Immerhin denkt sich Louise für ihren künftigen Ex-Tom eine nette Jenny aus, die gerade ihr eigenes Café aufgemacht hat. Und Tom gesteht der künftigen Ex-Louise am Ende zu, dass ihr Nigel nicht unbedingt Bankberater sein muss, sondern auch einen coolen Job haben dürfte. Gedankenspiele, die beider Laune schlagartig verbessern: „Eine schlecht funktionierende Ehe ist deprimierend und zeitraubend. Sich eine Zukunft mit Jenny aus dem Café und Nigel von der Bank vorzustellen, ist dagegen ziemlich befreiend“, stellt Louise fest.

Der Mann als tumber Tor, die Frau als reflektiertes Seelenwesen mit Tiefgang – auch das ist so typisch Hornby, dass man die Schieflage ob der daraus resultierenden Dialoge einfach verzeihen muss:

„Das verdiene ich nicht“, sagt sie.

„Warum nicht?“

„Weil ich dich betrogen habe und das damit erkläre, dass ich mich im Bett langweile.“

„Ja“, sagt Tom. „Das und meine Depression und meine Arbeitslosigkeit.“

Wohin führt es, wenn ein Nick Hornby die Ehe auf die Couch legt? Am Ende liefert auch er keine neuen Erkenntnisse. Die alten Weisheiten aber verpackt er frisch und neu, verbunden mit der Einsicht, dass alles immer noch schlimmer sein könnte. Erinnert sich noch jemand an die Zeiten, als der Brexit als das größtmögliche Unglück schien?

Nick Hornby: Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. Kiepenheuer & Witsch, 158 S., 18 €. Ebook 16,99 €. Die Lesung im Rahmen der Lit.Cologne in dieser Woche ist aufgrund der Corona-Krise abgesagt; ein neuer Termin soll für den Herbst gefunden werden.

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