Nachruf

Der talentierte Herr Schneyder starb mit 82 Jahren in Wien

Werner Schneyder (1937-2019)

Werner Schneyder (1937-2019)

Foto: Jeff Mangione

Essen.   Er war Kabarettist, Sportreporter, Buchautor, Regisseur, Liederschreiber, Regisseur, Schauspieler - und wie Tucholsky ein gekränkter Idealist

„Satire“, hat Werner Schneyder einmal gesagt, „ist nicht der Feind der heilen Welt, sondern die Forderung danach.“ Deshalb gab es in dieser unheilen Welt für einen wie Werner Schneyder, der sehr österreichisch die bösesten Wahrheiten mit dem charmantesten Lächeln aussprechen konnte, pausenlos etwas zu tun. Er war, um es mit seinem Ahnvater Tucholsky zu sagen, ein gekränkter Idealist, der die Realität mit einem melancholischen Lächeln hinnahm. Um zu zeigen, wie sehr ihm die Welt die Haare zu Berge stehen ließ, nahm er die Hilfe seines Friseurs in Anspruch.

Die Fassung, ja Haltung zu bewahren – diese Fähigkeit machte ihn zu einem charmanten Spötter, so wie ihn seine 1,98 Meter in den Stand versetzten, den Überblick zu behalten, ohne die Dinge von oben herab zu beurteilen. Werner Schneyder war bei aller Ironie stets ein mit „Herz im Hirn“ teilnehmender Beobachter des Geschehens in Politik, Gesellschaft und Sport und dabei nie um ein Urteil von maximaler Bestimmtheit verlegen. Der Idealist in ihm wusste sich mit Überlegenheit, ja zuweilen auch notwehrhafter Arroganz zu wappnen gegen die Zumutungen des Daseins. Wer gelesen hat, mit welch waidwunder Herz-Offenheit und verzweifelter Schmerzhaftigkeit Werner Schneyder 2008 die zwei Jahre des Abschieds von seiner krebskranken Frau Ilse beschrieb, wusste genug über die Verletzlichkeit dieses Mannes, der so gern, genüsslich und gekonnt austeilte, selbst wenn er „wir“ sagte: „Wir machen immer einen Fehler: Wir investieren Gefühle, statt sie zu verschenken.“

Fünf Kabarett-Programmemit Dieter Hildebrandt

Journalist, Kabarettist, Sportreporter, Box-Ringrichter, Sänger, Regisseur, Buchautor – zuweilen konnte man den Eindruck haben, Werner Schneyder sei von der Sorge getrieben, sein vielfältiges, überragendes Talent für Begabungen auf zu wenigen Bühnen auszuspielen. Aber vielleicht fürchtete er auch nur die „Belästigung durch sich selbst“, wie er einmal die Einsamkeit definierte.

Schneyder, 1937 in Graz geboren, arbeitete schon während des Studiums als Sportjournalist und Barsänger, bevor er mit einer Promotion über Zeitungen abschloss. Auf eine Zeit als Werbetexter, Stückeschreiber, Theaterkritiker und Dramaturg an der Salzburger Bühne folgte seine Entdeckung als Kabarettist – mit dem gerade aus der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ausgeschiedenen Dieter Hildebrandt fand er 1974 einen kongenialen Partner – die Folge waren fünf Programme in acht Jahren („Talk täglich“, „Lametta & Co.“, „Wie abgerissen“, „Keine Fragen mehr“, „Ende der Spielzeit“), in denen sich Schneyder und Hildebrandt noch besser die Bälle zuspielten als in der Kleinkunst-Mannschaft des „FC Schmiere“, wo Schneyder das Tor hütete.

Sein Gespür für Pointen ließ Schneyder auch bei der Moderation des „Aktuellen Sportstudios“ (ab 1975) so wenig im Stich wie bei den Boxkämpfen, die er seit den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 im Fernsehen kommentierte. Dass er in sportlicher Hinsicht kompetent war (wenn auch nicht unfehlbar), trat hinter seiner Fähigkeit zurück, über die Ringseile hinauszublicken und Zweifel wie Ansichten in die Zuckerwatte seiner durchaus wienerisch wirkenden Ironie zu verpacken. Dass er von seinem kabarettistischen Rücktritt 1996 zwölf Jahre später zurücktrat, kleidete er in den Programmtitel „Ich bin konservativ“.

Schneyder, der am Sonntag mit 82 Jahren in seiner Wiener Wohnung starb, schrieb Chansons, übersetzte Songs von Jacques Brel und Musicaltexte, er verfasste grandiose Lieder wie „Die Wut ist jung“, das in der unvergessenen Lore Lorentz die gültigste Interpretin finden sollte, zumal der Sänger Schneyder hinter seinen vielen anderen Begabungen eher zurückstand. Von den gut 20 Büchern, die er geschrieben hat, nimmt sich eines mit Aphorismen und Gedichten gerade jetzt wie ein Vermächtnis zu Lebzeiten aus. Es ist denn auch einer seiner besten Bände: „Gelächter vor dem Aus“.

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