Jugendbuch

Die besten Kinder- und Jugendbücher - eine Übersicht

Die Perspektive stimmt nicht – und sonst alles. Iris Anemone Paul ist für ihr Bilderbuch „Polka für Igor“ zweimal ausgezeichnet worden. 

Die Perspektive stimmt nicht – und sonst alles. Iris Anemone Paul ist für ihr Bilderbuch „Polka für Igor“ zweimal ausgezeichnet worden. 

Foto: Iris Anemone Paul

Essen.  Wir haben uns die Gewinner-Titel des diesjährigen Jugendliteraturpreises angeschaut. Welche Bücher eignen sich gut zum Vor- und Selberlesen?

Die Gewinner des Jugendliteraturpreises lassen Schicksalsschläge nachfühlen. Und das prämierte Sachbuch kommt zur richtigen Zeit, es erklärt „Extremismus“.

Bilderbuch und Sonderpreis „Neue Talente“

Gleich in zwei Kategorien wurde Iris Anemone Paul geehrt. Zum einen kürte die Jury „Polka für Igor“ (Kunstanstifter, 44 S., 24 €, ab 5) als bestes Bilderbuch. Darin erzählt die Autorin die Geschichte von Igor, der beim Klang von Polka-Platten entzückt die Ohren spitzt und von seiner Zeit als Zirkushund in Polen träumt. Zusammen mit der jungen Ola, die ihre Tante besucht, sitzt er im Ohrensessel und schwelgt in Erinnerungen: „Ich jonglierte mit Perserkatzen, weich wie Sommerwolken. Damen warfen mir Kusshände und Narzissen zu, während ich graziös wie eine Gazelle durch die Manege tänzelte.“

Die Schwäbin überzeugte zum anderen mit dem gleichen Buch in der Sonder-Kategorie „Neue Talente – Illustration“. Sie schafft Bilder, in der die Perspektive nicht stimmt – und sonst einfach alles. Die Siebdrucke üben einen Sog auf den Betrachter aus, lassen ihn eintauchen in die Welt um den charmanten Prahlhans Igor, in der sich immer wieder Neues entdecken lässt: Ziege, Schaf oder Fuchs, die spielen, feiern oder schlafen. Ein wunderbares Buch zum Immer-wieder-Anschauen. Einkuscheln und genießen: „Der Wind treibt die Schneeflocken am Fenster vorbei, aber auf dem Ohrensessel ist es warm wie auf einer Südseeinsel. Dann erklingt das Akkordeon.“

Kinderbuch

Virgil ist anders. In der Schule ist der Elfjährige der Kleinste und zu Hause nie so fröhlich wie der Rest der Familie. Seine Eltern nennen ihn „Turtle“. „Jedes Mal, wenn sie ihm das sagten, zerbrach etwas in ihm.“ Virgil möchte gerne Valencia kennenlernen, ein nahezu gehörloses Mädchen, das von den Lippen liest. Aber wie soll er es anstellen? Er fragt das Mädchen Kaori, das von sich behauptet, hellseherische Fähigkeiten zu haben.

Erin Entrada Kelly erzählt in „Vier Wünsche ans Universum“ (Übersetzung: Birgitt Kollmann, dtv, 285 S., 14,95 €, ab 10) eine Geschichte über das Anderssein und Mutig-Werden. Die US-Amerikanerin schreibt aus verschiedenen Sichtweisen, so dass sich junge Leser in unterschiedliche Menschen einfühlen können. Es ist ein gutes Kinderbuch. Aber es sticht nicht unter den Preisträgern der vergangenen Jahre hervor.

Da lohnt sich ein Blick auf die früheren Gewinner: Der fantasiereiche Kinder-Krimi „Sally Jones. Mord ohne Leiche“ von Jakob Wegelius (Preisträger 2017) oder die Geschichte von Hayfa Al Mansour (2016): „Das Mädchen Wadjda“, das in Saudi-Arabien lebt, wo Frauen bis 2013 nicht Radfahren durften. Das Mädchen wünschte sich nichts sehnlicher als davonzuradeln.

Jugendbuch

So wenige Worte und doch ist so viel gesagt: Steven Herrick hat eine Geschichte in kurzen Zeilen verfasst, in manchen steht nur ein Wort. Aber jedes ist so wohl überlegt, dass es lange nachhallt: „Ich kann hechten./ Ich kann fangen,/ und ja, ich kann werfen,/ aber beim letzten Mal/ habe ich Steine benutzt.“

Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen“ erzählt von einem Jungen in den 1960er-Jahren, der seine Mutter verliert – und schließlich auch noch seine beste Freundin. Er genießt trotzdem das Leben und die kleinen Momente des Glücks. Es ist ein poetisches Buch über das Gute im Menschen, über Freundschaft, Liebe, Verlust – und kitschfreie Erinnerungen. Aber ohne Uwe-Michael Gutzschhahn wäre es niemals zum besten Jugendbuch des Jahres gewählt worden: Er hat die Geschichte mit kraftvollen Worten aus dem australischen Englisch ins Deutsche übersetzt (Thienemann, 240 S., 15 €, ab 14).

Preis der Jugendjury

Ein Mitschüler will Caden umbringen. Zumindest fühlt der 15-Jährige, dass etwas nicht stimmt. Sind seine Eltern wirklich seine Eltern? Etwas Grauenhaftes wird passieren! Er weiß es! Und wenn er die Schuhe anzieht, wird er alle ins Weltall schleudern. . .

Neal Shusterman schreibt über einen Jungen, der unter Schizophrenie leidet. Der US-Amerikaner hat selbst hautnah miterlebt, wie diese Krankheit einen Menschen verändert, denn sein eigener Sohn Brendan tauchte ebenfalls in die Seelen-Tiefe ab. Dessen verzweifelte Zeichnungen sind im Buch „Kompass ohne Norden“ abgedruckt.

Shusterman gelingt es, sich in den Jungen Caden hineinzudenken, von dem sich Freunde abwenden und dessen Gedankenkarussell nicht enden will. Dem Leser wird dabei selbst schwindelig. Aber so bekommt er eine Ahnung von der Krankheit – und auch wie eine Genesung gelingen kann. Der Autor wünscht sich, dass mit diesem Buch Mitgefühl entsteht. Das gelingt ihm! (Übersetzung: Ingo Herzke, Hanser, 343 S., 19 €, ab 15).

Sachbuch

Dieses Sachbuch kommt genau zur richtigen Zeit: „Extremismus“ (Carlsen, 175 S., 6,99 Euro, ab 13). Die Journalistin und Soziologin Anja Reumschüssel nähert sich dem Phänomen, warum Menschen extreme Ansichten verfolgen. Sie beleuchtet politischen Rechts- und Linksextremismus sowie religiösen Extremismus, vor allem den Islamismus.

Die Autorin nennt Beispiele von jungen Menschen, um zu zeigen, was sie antreibt. „Extremistische Ideologien machen das Leben auf den ersten Blick etwas weniger kompliziert. Sie liefern einfache Antworten auf komplexe Fragen und einfache Lösungen für die großen Probleme dieser Welt.“

Zudem reiht Anja Reumschüssel Fakten, Fakten und noch mehr Fakten in verständlicher Sprache aneinander. Ob sie damit Jugendliche davon abhalten wird, sich Fanatikern, die die Demokratie infrage stellen, anzuschließen? Sicher ist: Wer das Buch gelesen hat, ist gut gewappnet, um vermeintliche Argumente von extremistisch denkenden Menschen auszuhebeln.

Gesamtwerk

Der Illustrator Volker Pfüller, der in der DDR aufwuchs, ist für sein Gesamtwerk ausgezeichnet worden. Der 80-Jährige habe nie gefällig gezeichnet oder etwas verniedlicht, mit seinen Bildern nehme er Kinder als anspruchsvolle Gegenüber ernst, so die Jury.

Der mit 72.000 Euro dotierte Jugendliteraturpreis wird jedes Jahr vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vergeben. Seit 1956 werden so Bücher für junge Menschen gewürdigt. Die Jugendjury setzt sich aus sechs Leseclubs zusammen.

Der bundesweite Vorlesetag

Rund 32 Prozent aller Eltern in Deutschland lesen ihren Kindern im Vorlesealter von zwei bis acht Jahren zu selten oder nie vor, so das Ergebnis der Vorlesestudie 2019 u.a. von der Stiftung Lesen. Empfohlen wird, bereits mit Babys Bilderbücher zu betrachten.

Um die Freude am Vorlesen zu steigern, gibt es am Freitag, 15. November, den bundesweiten Vorlesetag. Aktionen: z.B. in Büchereien, Lese-Club Ruhr in Bochum, 18 - 20 Uhr, in der Walter Hohmann Sternwarte in Essen, 17 - 19 Uhr. Termine: vorlesetag.de

Und wie sieht es mit Märchen aus?

Warum ein gutes Märchen immer einen Bösen braucht.

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