Zeitgeister

Die Fasten-Welle spiegelt Überdruss am Überfluss

Mit dem Aschermittwoch beginnt die rund 40-tägige Fasten- oder Passionszeit vor Ostern.

Mit dem Aschermittwoch beginnt die rund 40-tägige Fasten- oder Passionszeit vor Ostern.

Foto: imago stock&people

Essen.   Genusssteigerung, sportliches Ringen mit dem inneren Schweinehund, Mehrwert durch Verzicht und wie schwer es heute ist, Maß und Mitte zu finden.

Der Aschermittwoch ist in den letzten Jahren immer weniger der Tag, an dem die Büßer-Stirn mit einem Aschenkreuz gezeichnet wird. Er ist mehr und mehr zum Tag des seelentherapeutischen Massenaufbruchs geworden, zu einer Welle. Mittlerweile halten 63 Prozent der Deutschen das Fasten für sinnvoll. Und fast möchte man sagen, dass in unseren Tagen auf Teufel komm raus gefastet wird. Gegenstand des Fastens kann alles sein, was nicht bei drei auf den Bäumen ist: Neben den Schokoladen- gibt es die Fernseh-Faster, manche fasten Zigaretten, Fleisch oder E-Mails, andere verzichten auf Sex, das Auto oder mit der Evangelischen Kirche auf das Lügen.

Und damit sie alle nicht auf dem Niveau von Fasten-Dilettanten verharren müssen, gibt es in Bad Homburg die „Deutsche Fastenakademie e.V.“ – dort werden, damit beim Fasten bloß keine Fehler passieren, „Fastenleiter“ ausgebildet, so etwas wie Lotsen im Meer der Überflüsse.

Denn das Spektrum all dessen, was da gefastet wird, ist ein Spiegel der Überflussgesellschaft. Das Fasten ist geradezu ihr schlechtes Gewissen – sie weiß, und fast jeder von uns auch, wovon wir zu viel haben, im Guten wie im Bösen. Und was ungleich bis schlecht verteilt ist. Wer jetzt allerdings auf die Idee käme, einfach mal das Arbeiten zu fasten, würde zum Psychiater geschickt oder zum Arbeitsamt.

Dabei mag gerade das Gewinnen von Zeit und Muße der Ausgangspunkt für das spirituelle Fasten gewesen sein, das ja in jeder Religion aus vorderasiatischen Hirten-Gesellschaften zu den festen Bräuchen gehört. In alten Zeiten, da fast alle menschliche Tätigkeit auf das Beschaffen von Nahrung gerichtet war, begünstigte das Fasten Ruhe und innere Einkehr; „ein hungriger Magen hat keine Ohren“, wusste schon der deutsche Schriftsteller August Lafontaine.

Strenggläubige Juden fasten tageweise (und radikal bis hin zum Waschen), Moslems im Ramadan von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang (sogar Wasser). Christen haben früher auch in der Adventszeit gefastet, bis die Weihnachtsbäckerei erfunden wurde. Und immer sollten die Menschen die Mühen des Alltags hinter sich lassen, um sich zu besinnen, um das Verhältnis zu Gott und der Welt zu überdenken. Verzicht als Raum der Reinigung, Klärung.

Dass heute immer mehr Menschen einen einzelnen Aspekt ihres Lebens zum Fasten-Gegenstand erklären, bedeutet zweierlei: Niemand möchte sich mehr von einer übergeordneten Instanz vorschreiben lassen, wovon er oder sie die Finger lässt, worauf sie oder er sich besinnt; selbst die katholische Kirche erwartet seit dem zweiten Vatikanischen Konzil nur noch an Aschermittwoch und Karfreitag, dass die Gläubigen auf Fleisch verzichten. Und: Das Gebäude unseres Lebens ist derart komplex geworden, dass wir nur noch kleine, besser: winzige Bausteine herausnehmen möchten, weil wir nicht riskieren wollen, etwas aus der Balance zu bringen oder gar zum Einsturz.

Unser Leben ist auch derart verzahnt mit anderen, derart fremdbestimmt, dass sich beim kleinsten Fitzelchen Fasten das Glück darüber einstellt, noch irgendetwas unter Kontrolle zu haben. Leider stimuliert diese Erfahrung auch Magersucht. Die althochdeutsche Wurzel des Wortes „Fasten“ verweist auf das Festhalten an Regeln, an der Enthaltsamkeit. Wer fastet, hält an sich – fest.

Genusssteigerung und Maßhalten

Selbstverständlich hat für gar nicht so wenige Menschen das Fasten einen sportlichen Zug: Man möchte doch mal sehen, ob man nicht den inneren Schweinehund niederringen kann. Da schwillt der Willens-Bizeps, Selbstdressur wird zur Trendsportart.

Und ebenso selbstverständlich stimuliert der Verzicht des Fastens auch den Genuss – in dieser Hinsicht ist das Fastenbrechen das eigentliche Ziel des Fastens, so wie Menschen im Winter zwei Stunden spazieren gehen, um das Glück dieses einen Moments, da sie wieder ins Warme kommen, doppelt und dreifach zu spüren.

Die heutige Fastenmode aber ist auch ein Indikator dafür, dass unsere Gesellschaft Maß und Mitte verloren hat. Es ist einfacher, auf eine Sache komplett zu verzichten oder ihr exzessiv zu frönen, als sie hin und wieder in Maßen zu genießen.

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