Industriekultur

Die Ruhrtriennale sucht ihr Publikum – und ihren Sinn?

Bernd Alois Zimmermans Oper „Die Soldaten" in der Jahrhunderthalle bei der Ruhrtriennale 2006. Die Inszenierung von David Pountney wurde sogar nach New York exportiert.

Bernd Alois Zimmermans Oper „Die Soldaten" in der Jahrhunderthalle bei der Ruhrtriennale 2006. Die Inszenierung von David Pountney wurde sogar nach New York exportiert.

Foto: © Ursula Kaufmann / WAZ

Essen.  In der kommenden Woche beginnt die Ruhrtriennale-Saison 2019. Das Festival lockt mit Rabatt – und scheint verunsichert zu sein über sein Profil.

Bevor am kommenden Mittwoch im Auditorium Maximum der Bochumer Ruhr-Universität die diesjährige Ruhrtriennale mit einem musikalisch-rednerischen „Spätabend“ über den drohenden „Verlust von Demokratie“ eröffnet wird, wirbt das Festival mit einem 15-prozentigen Rabatt. Der Nachlass wird automatisch gewährt, sobald man zusätzlich zu Christoph Marthalers Spätabend noch eine weitere der vier „Musiktheater-Produktionen“ des diesjährigen Festivals bestellt. Der Frühbucher-Rabatt gilt bis zum 31. August.

Der Leuchtturm sollte strahlen

Nun sind 15 Prozent noch keine Rabattschlacht. Aber es ist deutlich zu spüren, dass die Ruhrtriennale um ihr Publikum wirbt, nach Publikum sucht. Während Johan Simons, inzwischen Intendant des Bochumer Schauspielhauses, in seiner Triennale-Ära noch den Anspruch hatte, das gesamte Ruhrgebiet zu umarmen, bekannte Stefanie Carp, die Intendantin der Triennale-Jahre 2018-2020, jüngst in einem Interview, dass ihr Festival diejenigen, die „in einer erschütternd prekären, verlorenen Situation“ lebten, nicht erreichen werde, zumal sie „das Wort Ruhrtriennale sicher noch nie gehört“ hätten. Um diese Menschen zu erreichen, bräuchte es eine „radikal andere Programmierung“.

Braucht es die? Andernorts, sagen wir einmal: in München, müsste sich ein Festival wie die Ruhrtriennale derlei Fragen gar nicht stellen. Und sich auch nicht rechtfertigen dafür, dass Kunst produziert wird. Eine Kunst, die Aufmerksamkeit verlangt und manchmal auch ein gewisses Vorwissen, zumindest aber Offenheit für Neues, Verrücktes, Quergemachtes. Johan Simons wusste nur zu gut, dass man diese Kunst, die tief in der bürgerlichen Tradition verwurzelt ist und sie ins 21. Jahrhundert fortschreibt, im Ruhrgebiet nur dann machen kann, wenn man den Anspruch erhebt, dass sie für alle da sein will – auch für diejenigen, die gar nicht hingehen.

Vesper: „Letztlich auch ein Tourismus-Projekt“

Um das Publikum ging es allerdings schon bei der Gründung der Triennale nur sehr bedingt. Als der damalige SPD-Ministerpräsident Wolfgang Clement und sein grüner Kulturminister Michael Vesper 2002 die Ruhrtriennale aus dem Boden stampfen ließen, sollte das neue Festival vor allem zwei Zwecken dienen: die alten Industriehallen, die durch die Internationale Bauausstellung Emscher Park (1989-1999) erhalten geblieben waren, mit Leben erfüllen. Die rot-grüne Landesregierung wollte zudem mit aller Macht, dass sich die Ruhrtriennale zu einem kulturellen Leuchtturm entwickelt und Nordrhein-Westfalen mindestens in die ganze Welt hinein strahlen lassen und Menschen anlocken sollte, zumindest aus Belgien und den Niederlanden. Und auch die Kritiker der internationalen Feuilletons.

Die Ruhrtriennale sei, so ließ sich Kulturminister Vesper seinerzeit vernehmen, „letztlich auch ein Tourismus-Projekt“ und als Image-Faktor gedacht. Dafür machte das Land sogar in Zeiten allgemeiner Haushaltskürzungen Jahr für Jahr rund 13 Millionen Euro locker.

„Kreationen“ - von denen es eher zu wenig gab

Anders als die Salzburger Festspiele, die im kommenden Jahr ihr 100-Jähriges feiern können, oder der Wagner-Planet Bayreuth aber hat die Ruhrtriennale keine große touristische Wirkung entfaltet. Sie hat allerdings das industriekulturelle Image des Ruhrgebiets auch nach dem Paukenschlag des Kulturhauptstadtjahrs weiter ausgeprägt. Und sich zu einem Festival für ein Publikum aus dem Revier und den umliegenden Regionen entwickelt, das aus dem rostmodernen Charme von Turbinenhallen und Kraftzentralen eine Bühnenkunst hervorbringen soll, die in den Opernhäusern und Theatern der Region keinen Platz hat. Ohne zu trennen zwischen Kunstformen wie Theater, Tanz, Musik, Dichtung und Debatte. Gründungsintendant Gerard Mortier prägte dafür das Wort von den „Kreationen“, von denen es allerdings in all den Jahren eher zu wenige als zu viele gab.

Schon zu Beginn der Triennale, als sie prunkte mit Regisseurs-Namen wie Robert Wilson, Peter Brook, Partrice Chereau oder Peter Sellars, fragte man sich, was sie bei der Ruhrtriennale wohl anders machen würden als bei den Ruhrfestspielen, wo sie zuvor auch schon inszeniert hatten. Falls der neue Ruhrfestspiel-Intendant Olaf Kröck in Recklinghausen auch 2020 den Kurs der Verjüngung und Internationalisierung erfolgreich durchhalten kann, wird sich die Ruhrtriennale noch mehr um ein trennscharfes Profil bemühen müssen. Um Bühnenereignisse abseits eingetretener Pfade, um herausragende Kunst. Das dürfte auf Dauer mehr Publikum versprechen als zarte Rabatte.

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