Lese-Tipp

„Dieser weite Weg“: Isabel Allendes bester Roman seit Langem

Die Autorin Isabel Allende präsentiert in „Dieser weite Weg“ ein buntes Kaleidoskop ineinander verzahnter Geschichten.

Die Autorin Isabel Allende präsentiert in „Dieser weite Weg“ ein buntes Kaleidoskop ineinander verzahnter Geschichten.

Foto: Arne Dedert / picture alliance / dpa

Essen.  Neues von der chilenisch-amerikanischen Bestsellerautorin Isabel Allende: „Dieser weite Weg“ ist geschichts- und geschichtenpralles Lesefutter.

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Víctor Dalman ist ein schüchterner, schlaksiger Typ, der mit seidenweichem Tenor zur Gitarre singen kann. Klar bemerkten ihn die Mädchen spätestens dann. Am Beginn dieses fast sechs Jahrzehnte umspannenden Romans ist der Spanier 23. Drei Jahre hat er in Barcelona Medizin studiert, doch jetzt gibt es Wichtigeres. 1936 ist er in die republikanische Armee eingetreten, um seinen Beitrag zur Verteidigung Madrids zu leisten. Es geht gegen die Nationalen unter General Franco, die von Hitler und Mussolini unterstützt werden. Es geht um Leben und Tod. Ohnehin ist Víctor einer, der noch an die eine, die wirkliche Liebe glaubt. Und die muss jetzt warten. An der Front, wo er als Sanitäter arbeitet, riecht es nach verbranntem Fleisch, im Gefechtschaos war sein linkes Bein zertrümmert worden, doch jetzt steht er wieder seinen Mann. Statt die Ausbildung weiterzuführen, sammelt er nun Erfahrungen. Und als ein noch bartloser Junge für tot erklärt wird, massiert er sein Herz so lange, bis es wieder schlägt. „Ein Wunder“ haftet seither dem passionierten Lebensretter an.

Helfen ist Herzenssache, diese Maxime allen Schreibens der chilenisch-amerikanischen Bestsellerautorin Isabel Allende bekommt in ihrem neuen Buch vom Start weg eine doppelte Bedeutung. Es ist einer ihrer besten Romane seit Langem, ein stoff-, geschichts- und geschichtenpralles Lesefutter, in dem sie historische Ereignisse auf zwei Kontinenten an ihren erzählerischen Faden knüpft und alles zu einem Panoramabild verwebt.

Wissenschaft mag für den Fortschritt sein, die Kunst ist für die Seele

In einem ihrer früheren Romane hatte sie paradigmatisch eine Erzählerin dafür gelobt, dass sie „Sinn für Rhythmus besaß und die Spannung zu halten verstand, strahlende Momente gekonnt mit tragischen kontrastierte, Licht und Schatten …“ In diesem Sinne schreibt Isabel Allende mit warmem Herzen für ihre weltweite, mehrheitlich feminine Gemeinde. „Nichtstun ist etwas für Männer“, sagte sie mal, und in die Riege dieser distanziert zu betrachtenden Kerle gehört diesmal auch ein Medizinprofessor: „das Herz barg, wie er seinen Studenten zu sagen pflegte, als muskulöses Organ keinerlei Geheimnisse.“ Dem tritt sie schon mit ihrer Reanimations-Eingangssequenz vehement entgegen. Und überhaupt: Die Wissenschaft mag für den Fortschritt sein, die Kunst aber ist für die Seele.

Also ist dieser neue Roman auch eine zugeneigte Hommage an den chilenischen Nobelpreisträger Pablo Neruda. Der nämlich erfüllte 1939 am Vorabend des Zweiten Weltkriegs von Paris aus und nach der Niederlage der Armee der Freiwilligen aus über 50 Ländern eine humane Mission. Um die 2000 nach Frankreich geflohenen Spaniern ermöglichte er die Flucht nach Chile auf dem Dampfer Winnipeg. Wissenschaftler, Musiker, Maler, Autoren und Journalisten wählte der politisch engagierte Poet aus, auf dass sie zu anhaltenden Impulsgebern werden sollten: „Mein Land wird deines sein“. Mit Víctor ist auch seine schwangere Schwägerin Roser an Bord, eine Pianistin, die noch nicht weiß, dass ihr Mann gefallen ist.

Viel mehr als nur eine Landeskunde Chiles

Pro forma muss sie nun Víctor heiraten, doch nach der Ankunft in Valparaíso wird es noch Jahrzehnte dauern, bis sie wirklich zum Paar werden. Auch davon erzählt Isabel Allende, als würde sie ein gigantisches Familienalbum durchblättern, wobei sie manches nur anreißen kann: „aber das ist eine andere Geschichte“. Ein chilenischer Geschäftsmann, in dessen Haus beide während seiner Abwesenheit Unterkunft finden, rückt mit seiner Familie ins Bild, der drei Jahre vorbildlicher Präsidentschaft mit dem Tod bezahlende Salvador Allende, dessen Nichte zweiten Grades die Autorin ist, der Sänger Víctor Jara und natürlich eine Reihe starker Frauen. All das addiert sich zu viel mehr als nur einer Landeskunde Chiles.

Mit einem bunten Kaleidoskop ineinander verzahnter individueller Geschichten ermöglicht die inzwischen 76-jährige Autorin die sinnliche Erinnerung an eine ereignisreiche Geschichte, damit die nicht in Vergessenheit gerät. Heimatverlust, Exil, Verbannung, das Neben- und Miteinander diverser Nationen, die Kraft menschlicher Emotionalität, Willkommen und Abschied sind stets ihre Themen gewesen. In dieser historischen Opulenz, die sie mit ihrer gewohnt temperamentvollen Melodramatik kurzweilig hinbreitet, hat sie bisher selten so intensiv in ihren Bann gezogen.

Isabel Allende: Dieser weite Weg. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp. 382 Seiten. 24 €

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