Kammerakademie Neuss

Dirigent Christoph Koncz: „Autorität ist Wissen und Können“

Aus Wien an den Rhein: Christoph Koncz (31).

Aus Wien an den Rhein: Christoph Koncz (31).

Foto: Kai Kitschenberg / Funke Foto Services

Essen.  Mit Christoph Koncz wird ein echter Wiener Philharmoniker zum Chefdirigent der Deutschen Kammerakademie Neuss. Ein Gespräch über seine Arbeit.

Spielte diese Geschichte im Fußball, wäre das ein Coup der Sorte „Spieler von Real Madrid trainiert jetzt den MSV Duisburg“. Schiefes Bild? „So verkehrt ist das gar nicht“, lacht Christoph Koncz. Er ist Stimmführer bei den Wiener Philharmonikern, ein großer Geiger, dazu seit Jahren als Dirigent unterwegs – und ab dieser Saison Chefdirigent der Deutschen Kammerakademie Neuss. Lars von der Gönna traf ihn zum Gespräch.

Wenn man selbst dirigiert, bleiben die großen Pultstars noch groß?

Koncz: Selbstverständlich. Bei den Wiener Philharmonikern habe ich das Glück, mit den besten Dirigenten der Welt zu arbeiten. Das bleibt faszinierend zu beobachten. Aber schon als Musiker im Jugendorchester gab es bei Proben bei mir im Kopf den Gedanken: Wie würde ich dieses Werk jetzt selbst gestalten? Das gibt es bis heute bei mir – obwohl ich natürlich die Vorstellungen des jeweiligen Dirigenten umsetze.

Ich nenne ein paar große Namen – und Sie sagen, was man an ihnen bewundern kann: Riccardo Muti...

Einer meiner Lieblingsdirigenten. Mit ihm ein Werk zu erleben, ist immer eine Erzählung. Fantastisch, wie er Bögen baut, Spannung formt.

Lorin Maazel...

In seiner Technik ein Genie, hatte die Partitur völlig verinnerlich. Schlicht brillant.

Herbert Blomstedt...

Extrem intelligente Vorbereitung, nicht in einem Stil verhaftet, moderne Ideen. Wunderbar! Völlig uneitel.

Mariss Jansons...

Fantastisch. Diese Akribie! Enorm hohe Qualität, ein Perfektionist, total im Dienst der Musik!

Sie arbeiten schon lange als Dirigent und Geiger zugleich. Ist es mitunter schwierig, ins Glied des Orchesters zurückzukehren?

Insofern nicht, als ich ja als Musiker selbst weiß, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt. Auch in einem selbst gibt es ja Dinge, die man in der Musik über die Jahre anders sieht. Grundsätzlich ist meine Haltung als Orchestermusiker Empathie: Auch ein Zugang, der nicht der meinige ist, muss mit Niveau umgesetzt werden. Eigentlich ist das meine Kernaufgabe – und die finde ich spannend.

Gespannt sind wir auf Ihr Musizieren mit der Kammerakademie. Hat es eine Bedeutung, dass man „einer von ihnen“ ist, weil man aus dem Orchester heraus Dirigent geworden ist?

Pauschal wohl nicht. Ein Orchester sucht in einem Dirigenten in erster Linie einen Ansprechpartner, der Autorität besitzt. Die kommt von zwei Dingen: Können und Wissen. Was ein Musiker als Dirigent im besten Fall mitbringt, ist ein Wissen um die Umgangsform im Orchester. Im Idealfall führt das zu einem Musizieren auf Augenhöhe.

Sie stammen aus einer Musikerfamilie, der Vater Dirigent, die Mutter Flötistin. Mit sechs durften Sie schon in einem Spezialprogramm an die Wiener Musikuniversität. Wann fing die Liebe zur Geige an?

Es gibt Fotos von mir, wo ich im Alter von ein paar Monaten Gegenstände zwischen Kinn und Schulter klemme. Dazu hab ich gesungen. Es lief ganz natürlich auf die Geige hinaus. Mit zweieinhalb haben mir die Großeltern eine erste Geige geschenkt. Ich konnte natürlich nicht Geige spielen, aber ich habe so getan (lacht). Ich war so glücklich, ich habe mit dem Instrument sogar mein Bett geteilt.

Irgendwann wird es Arbeit: Üben, üben, üben...

Klar, und für Kinder ist es nicht einfach, sich dem zu stellen. Aber ich hatte ja Eltern, die auch Tonleitern übten, das war nichts Fremdes. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Musik war nie ein Vakuum. Meine Eltern haben großen Wert darauf gelegt, dass wir auch körperlich gefordert wurden. Ich war als Kind auch im Fußballverein: Admira Wacker – eine totale Gegenwelt, auch eine Übung, in einer anderen Gemeinschaft seinen Platz zu finden. Es kam vor, dass ich von einem Spiel direkt zur Geigenstunde gefahren bin (lacht).

Das Publikum hier ist gespannt auf Ihre Arbeit. Was charakterisiert Ihre Herangehensweise?

Sehr viel Neugier, eine aus tiefstem Herzen kommende Motivation und eine Faszination für historische Aufführungspraxis, was sicher auch an meinen Begegnungen mit Nikolaus Harnoncourt liegt: ein phänomenaler Dirigent!

Spitzenmusiker zu sein, ist ein Hochleistungssport. Haben Sie eine Gegenwelt zu dieser Belastung?

Auch Sport (lacht). Bergwandern ist eine echte Wohltat: die Eindrücke, die Reduktion der Geschwindigkeit, die Wahrnehmung der Natur. Im Alltag ist es das Joggen in aller Frühe – da wird der Kopf herrlich frei.

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