Jekyll & Hyde

Dortmund macht Musical Jekyll & Hyde zum Horrormärchen

Szene aus Jekyll & Hyde in Dortmund mit Bettina Mönch und David Jakobs.

Szene aus Jekyll & Hyde in Dortmund mit Bettina Mönch und David Jakobs.

Foto: Björn Hickmann/ stage picture

Dortmund.  Mensch oder Monster? Im Dortmunder Musical Jekyll & Hyde gibt es Huren, Heilige und einen Kinderschänder als Bischof. Das Publikum jubelt.

Ein riesiges Kathedralfenster schwebt über der Szenerie, wenn der junge Arzt, begleitet von unheilvollen Glockenschlägen des Orchesters, seinen wahnsinnigen Vater in der Anstalt besucht. Das Bild steht für die Gothic Novel, das Schauermärchen. Damit verortet Regisseur Gil Mehmert seine Dortmunder Inszenierung des Musicals „Jekyll & Hyde“ gleich zum Auftakt in einer viktorianischen Horrorwelt. Die Inszenierung, geschickt mit Blick auf das Weihnachtsgeschäft disponiert, ist derart opulent, gut gemacht und farbenprall, dass die Besucher im vollen Opernhaus am Ende sofort stehen und das Ensemble mit langen Klatschmärschen feiern.

Folkwang-Professor Gil Mehmert und sein Team fahren alles auf, was die Dortmunder Bühnentechnik an Theaterzauber hergibt. Daneben gibt es spannende Subtexte zu entdecken. Das Motiv des verrückten Wissenschaftlers in seinem Labor etwa, die Frankenstein-Frage, inwieweit im beginnenden Industriezeitalter sich der Mensch zum Schöpfer erheben darf. Nebel, Donner und Blitz sind weitere beliebte Elemente der schwarzen Romantik. Und natürlich die Spiegelwand. Spiegel sind gefährlich. In ihnen lauert der Teufel. In ihnen kann man seinen Doppelgänger erblicken, sein abgespaltenes Ich, jenen Mr. Hyde, der sich all das traut, was der brave Dr. Jekyll niemals wagen würde, der im Puff mit SM-Praktiken spielt, statt auf Blümchensex mit seiner Verlobten zu hoffen, der die scheinheiligen Philister und Pharisäer umlegt, die dem Dr. Jekyll Steine in den Weg legen.

Der Teufel lauert im Spiegel

Damit ist man bei der dritten Ebene: Wo endet der Mensch? Wo beginnt das Monster? Ist Mr. Hyde in Wahrheit die Supermann-Phantasie eines verklemmten Untertanen? Eigentlich, das zeigt Gil Mehmert, ist es genau umgekehrt. Der knabenschändende Bischof, der Richter, der General, die reiche Dame, der Zuhälter sind die wahren Monster. Sie werden mit weißer Schminke von den anderen Protagonisten abgehoben. Sie haben das Sagen im viktorianischen London, und sie wollen um jeden Preis verhindern, dass Dr. Jekyll das Böse bekämpft, denn das Böse ist ihr Kerngeschäft. Also bedauert man es kaum, wenn das Genick der fiesen Lady mit einem unappetitlichen Kacken bricht. Sobald Mr. Hyde aber auch die edle Nutte Lucy erwürgt, weiß das Publikum, dass der Rächer außer Kontrolle läuft.

Die inneren Polaritäten, mit denen Jekyll ringt, spiegeln also nur eine tief gespaltene Gesellschaft, die Frauen entweder als Heilige aufs Podest hebt oder als Huren in die Gosse stößt, in der hinter der Maske der Anständigkeit abscheuliche Praktiken gelebt werden. Und genau das ist das Ziel des frühen Horrormärchens: Gesellschaftskritik, die zeigt, wie verrottet die herrschende Moral ist.

Tücken der Aussteuerung

Die drei Hauptdarsteller sind Musical-Stars, der Rest des großen Ensembles besteht aus Opernsängern, zum größten Teil aus dem eigenen Ensemble und Chor. Das passt gut zu dem Stück, das sich ja in seiner ganzen tragischen Anlage von einem herkömmlichen Show- und Tanzmusical unterscheidet. Die Dortmunder Philharmoniker haben unter Philipp Armbruster viel Spaß daran, verliebte Flöten- und Geigenklänge mit schaurigen Instrumentaleffekten zu kombinieren. Bis zur Pause kämpft die Dortmunder Tontechnik erfolglos mit den Tücken der Aussteuerung.

Milica Jovanovic singt mit engelsgleichem Sopran eine allerliebste Lisa, die dem gesellschaftlichen Druck trotzt und zu ihrem Verlobten steht. Bettina Mönch kann als Nutte Lucy zwischen scharf-verruchten Farben und den sanften Tönen des Verliebtseins wechseln. David Jakobs legt die Verwandlungen vom biederen Jekyll zum enthemmten Hyde und umgekehrt mit großartiger darstellerischer und stimmlicher Präsenz an. Sein Duett mit dem anderen Selbst vor der Spiegelwand ist ein verzweifelter Hilfeschrei nach Erlösung und der kunstvolle Höhepunkt der ganzen Inszenierung.

Die Rote Ratte im Hinterhof

Die Drehbühne von Jens Kilian entführt gekonnt und mit vielen Showtreppen in die Londoner Milieus des viktorianischen Zeitalters, in dem der Herrensalon mit Kaminfeuer und Ledersesseln nur einen Sprung vom Hinterhof mit der „Roten Ratte“ entfernt ist. Auch hier gelingen die Verwandlungen von bürgerlich zu böse durch Farbregie verblüffend geschickt. Wenn sich diese ganze Szene erstmals hebt und darunter auf voller Bühnenbreite Dr. Jekylls geheimes Labor erscheint, holen selbst hartgesottene Musical-Fans tief Luft.

Wunderbar sind auch die Kostüme von Falk Bauer, die nicht am Cul de Paris sparen, jenem seinerzeit so modischen weiblichen Accessoire, das man höflich mit „Pariser Popo“ übersetzen kann. Termine und Karten: www.theaterdo.de

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