Zeitgenössische Oper

Dortmunds Opernhaus nur zur Hälfe gefüllt – zu unrecht!

„Quartett“ als Oper von Luca Francesconi  in dreizehn Szenen: Christian Bowers als Vicomte de Valmont, Allison Cook als Marquise de Merteuil.

„Quartett“ als Oper von Luca Francesconi in dreizehn Szenen: Christian Bowers als Vicomte de Valmont, Allison Cook als Marquise de Merteuil.

Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture

Dortmund.   Geschickt inszeniert, gefeiert: Deutsche Erstaufführung der Oper „Quartett“ von Luca Francesconi nach dem gleichnamigen Stück von Heiner Müller.

Die Uraufführung an der Mailänder Scala liegt fast zehn Jahre zurück. Seitdem wurde Luca Francesconis Oper „Quartett“ auf der halben Welt mit großem Erfolg gezeigt. Und der stellte sich jetzt auch bei der längst überfälligen deutschen Erstaufführung in einer Eigenproduktion der Dortmunder Oper ein. Das Publikum reagierte ebenso begeistert wie das in Wien und Warschau, auch wenn das Parkett des riesigen Opernhauses selbst zur Premiere gerade einmal halb gefüllt war.

Dass das „Quartett“, ungewöhnlich für eine zeitgenössische Oper, zu derart beachtlichen Repertoire-Ehren kommen konnte, liegt an der packenden literarischen Vorlage von Heiner Müller, am raffinierten Klangsinn und ausgeprägten Bühneninstinkt des Komponisten sowie am überschaubaren äußeren Aufwand, mit dem das kammerspielartige Zwei-Personenstück zu stemmen ist.

„Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos

Umso größer sind die musikalischen Herausforderungen. Denn die beiden Protagonisten haben in dem anderthalbstündigen Werk eine Herkulesaufgabe zu bewältigen. Und wenn man auch für die eingeblendeten groß besetzten Fernchöre und -orchester auf fertige Aufnahmen der Mailänder Uraufführung zurückgreifen kann, verlangt die Abstimmung mit dem live agierenden Orchester dem Dirigenten viel Fingerspitzengefühl ab.

Doch worum geht es in dem „Quartett“? Heiner Müller greift auf den Roman „Gefährliche Liebschaften“ von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1792 zurück, in dem sich ein adeliges Paar vor dekadenter Langeweile und Überdruss soweit auseinandergelebt hat, dass beide das sexuelle Interesse aneinander verloren haben. Da die Begierde nicht erloschen ist, stacheln sie sich gegenseitig zu Eskapaden mit schlimmen Folgen an, unter anderem mit der Gattin des Präsidenten und einer jungfräulichen Nichte, die vom Vicomte de Valmont getötet wird, um ihren perfekten Körper vor dem Verwelken zu bewahren. Am Ende vergiftet die Marquise de Merteuil ihren verhassten Valmont und weidet sich an seinem Todeskampf (1988 kongenial verfilmt von Stephen Frears, mit Glenn Close und John Malkovich in den Hauptrollen).

Die Bühne ist halb klassizistisch, halb Bunker

Szenen einer moralisch aus den Fugen geratenen Gesellschaft, die sich im Vorfeld der Französischen Revolution selbst demontiert. Heiner Müller sah dafür ein zweigeteiltes Bühnenbild mit einer historischen Kulisse und einer Bunkerlandschaft aus dem Zweiten Weltkrieg vor. Das greift Bühnenbildnerin Anne Neuser in Dortmund auf, auch wenn Regisseur Ingo Kerkhof den Bunkersektor kaum ins Spiel bringt. Das grausame Treiben läuft in einem mit einem klassizistischen Sofa spärlich möblierten Salon ab, der im Hintergrund von schillernd illuminierten Laubgirlanden abgeschlossen wird und den Raum in ein bizarres Dschungel-Szenario verwandelt.

Eine geschickte Lösung, wobei Kerkhof weitgehend auf ablenkende visuelle Zutaten verzichtet und das Beziehungsdrama mit großer Detailgenauigkeit und Intensität ins Zentrum rückt. Dass das Dortmunder Opernhaus für eine derartig filigrane Feinarbeit eigentlich zu groß dimensioniert ist, konnte man angesichts der brillanten Personenführung schnell vergessen. Zumal Müllers Trick, die Verführungsszenen von den beiden Protagonisten selbst darstellen zu lassen, so dass sie in verschiedene Rollen und auch ihr Geschlecht wechseln müssen, dem Stück einen zusätzlichen dramaturgischen Ritterschlag verleiht.

Philipp Armbruster als Dirigent der feinen Fäden sicher

Luca Francesconi, Schüler von Luciano Berio und Karlheinz Stockhausen, arbeitet musikalisch geschickt mit mehreren Ebenen. Entmaterialisierte, quasi kosmische Klänge sorgen für eine Gänsehaut, die jedem Horrorfilm zur Ehre gereichte. Was die Handlung angeht, orientiert er sich rücksichtsvoll an den Singstimmen, so dass ein Musikdrama von packender Intensität entsteht. Kompositorisch auf der Höhe der Zeit und gleichzeitig sinnlich und spannend.

Philipp Armbruster am Pult der Dortmunder Philharmoniker hält die feinen Fäden der Produktion sicher in Händen, wobei er sich mit Allison Cook und Christian Bowers auf überragende und erfahrene Solisten verlassen kann. Allison Cook als Marquise, die bereits die Uraufführung bestritten hat, vermag mit traumhafter Sicherheit jede Facette der komplexen Figur gesanglich und gestalterisch zu erfassen. Und auch Christian Bowers als Valmont, dessen Bariton in den Frauenpassagen extreme, bis ins Falsett reichende Höhen abverlangt werden, passt sich dem Niveau seiner Partnerin nahtlos an.

Eine bemerkenswerte Produktion einer ungewöhnlichen zeitgenössischen Oper, die auf jeden Fall einen stärkeren Publikumszulauf verdient.

Die nächsten Aufführungen im Dortmunder Theater: am 27. April sowie am 5., 11. und 17. Mai. (Karten-Telefon: 0231 / 502 72 22; www.theaterdo.de).

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben