Musik

Dua Lipa: Album „Future Nostalgia“ soll glücklich machen

Dua Lipa bei der diesjährigen Grammy-Verleihung.

Dua Lipa bei der diesjährigen Grammy-Verleihung.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jordan Strauss / picture alliance/AP Images

Berlin.  „Future Nostalgia“, das neue Album von Dua Lipa, ist Dance-Pop pur. Sie selbst hängt an der Vergangenheit – und erzählt im Interview von Albanien.

Mit ihren Singles wie „Be The One“ und „New Rules“ sowie ihrer Kollaboration mit Calvin Harris („One Kiss“) hat sich Dua Lipa, die als Tochter kosovo-albanischer Eltern in London aufwuchs, in Windeseile auf den obersten Rängen der coolen Popmusik festgesetzt. Jetzt legt die 24-Jährige mit „Future Nostalgia“, aus dem auch die Hits „Don’t Start Now“ und „Physical“ stammen, ein durch und durch lebensbejahendes und rasant-kesses zweites Album vor. Steffen Rüth unterhielt sich – als die Zeiten noch normal waren – mit Dua Lipa in Berlin.

Dua, Ihre Haare sind neuerdings nicht mehr dunkel, sondern blond. Ein Modestatement?

Dua Lipa: Nö, einfach eine andere Farbe. Meine neue Frisur repräsentiert mein neues Album.

Das heißt „Future Nostalgia“ und klingt von vorne bis hinten nach Disco.

Oh ja, das tut es. Dieser neue Sound war voll und ganz mein Wunsch und auch mein Ziel. Ich wollte ein Album aufnehmen, das fröhlich klingt, Spaß macht, dich zum Tanzen gerade zwingt. Jetzt stehe ich da mit einer Platte, die vor Freude so richtig strahlt, die bewusst zum Glücklichsein animiert, und zu der man so richtig abgehen kann. Ich fühle mich jedenfalls äußerst gut mit den neuen Songs.-

Wie haben Sie sich verändert seit dem Debütalbum „Dua Lipa“, das 2017 erschien?

Ich bin definitiv selbstbewusster geworden. Ich habe unglaublich viele Erfahrungen gemacht, die ich jetzt alle zu meinem Vorteil nutze. Beim ersten Album habe ich gelernt, gelernt, gelernt. Ich wollte wirklich alles aufsaugen. Jetzt habe ich inzwischen echt viel Wissen angehäuft und besitze Kenntnisse, die ich am Anfang nicht einmal in Ansätzen hatte.

„Auf „Future Nostalgia“ wollte ich mich ganz aufs Tanzen konzentrieren“

Was hat Sie denn konkret dazu bewogen, so ein fröhliches Dance-Pop-Album zu machen?

Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich auch Songs schreiben kann, bei denen meine eigene Laune steil nach oben geht. Bisher war ich gut darin, mich kreativ eher von schwierigen oder gar negativen Erfahrungen zu ernähren, ich nenne meinen Stil selbst gern „Dance Crying“, also Musik, zu der du tanzt und weinst zur gleichen Zeit. Auf „Future Nostalgia“ wollte ich mich eben ganz aufs Tanzen konzentrieren und das Weinen hintenanstellen.

„Dance Crying“ ist ein interessantes Konzept. Funktioniert das bei Ihnen selbst?

Ja. Wenn ich traurig bin, gehe ich am liebsten mit ein paar Freunden raus zum Feiern. Nicht mehr über irgendwelchen Mist nachzudenken, der mich runterzieht, ist oft das beste Rezept. Oft passiert es dann, dass ich am Tanzen bin, und plötzlich kommt ein Song, der mich erinnert und der so ein süßes, irgendwie wohltuendes, trauriges Gefühl in mir auslöst. Verheult zu tanzen und dabei euphorische Emotionen zu spüren, das ist genau mein Ding.

Welche Songs lösen dieses Gefühl in Ihnen aus?

Zum Beispiel „Sweet Nothing“ von Florence and The Machine und Calvin Harris. Oder „All Good Things Come To An End“ von Nelly Furtado.

„Ich bin ein gutes Stück nostalgischer als die meisten in meinem Alter“

Ist Ihr neues Lied „Love Again“ so eine Art Weiterführung von Furtados Song? Denn es geht im Text ums Nach-vorne-Schauen und weitermachen.

„Love Again“ ist fast schon ein Manifest. Manchmal, wenn ich schreibe, bringe ich meine Gefühle dabei erst so richtig zum Existieren. Als ich „Love Again“ schrieb, war ich sehr guter Dinge, schon bald jemanden zu finden, der mich dazu bringt, wieder zu lieben. Ich wollte so dringend einen Mann kennenlernen, der mir wirklich etwas bedeutet.

Und?

Es hat geholfen! Im Nachhinein hört sich das alles so einfach an, aber es ist wirklich so passiert.

Wer hat Sie eigentlich zu dem ziemlich derb-frivolen, Stück „Good In Bed“ inspiriert? Etwa jener Junge, von dem Sie gerade erzählt haben?

Das kann ich doch nicht verraten! Die Worte dieses Songs stehen für sich selbst, und sie sind sehr, sehr augenzwinkernd, sehr frech, aber auch direkt. Manchmal sind die Dinge halt ganz einfach.-

Der Albumtitel „Future Nostalgia“ als solcher ist ja auch ein scheinbarer Gegensatz. Sie sind 24. Wie nostalgisch sind Sie?

Ich glaube, ich bin ein gutes Stück nostalgischer als die meisten in meinem Alter. Ich habe schon so viel Leben hinter mir. Habe in London gelebt, dann im Kosovo, jetzt wieder in London. Für mein Alter habe ich sehr viele Erfahrungen gemacht. Überhaupt empfinde ich mich selbst so ein bisschen als alte Seele.

„Ich finde es cool, in zwei ziemlich unterschiedlichen Welten aufgewachsen zu sein“

Inwiefern?

Ich versuche, an Orten, Erinnerungen und Gefühlen, die ich aufgesammelt habe, festzuhalten. Alle meine Songs sind auch Versuche, in meiner Vergangenheit zu graben und sie ein Stück weit zu verarbeiten. Also war es für mich nur logisch, auch musikalisch Einflüsse aus meiner Kindheit und Jugend zu bringen.

Sie sind mit 11 von London nach Pristina in Kosovo-Albanien, dem Heimatland Ihrer Eltern, gezogen. Vier Jahre später sind Sie allein nach London zurückgekehrt. Wie war die Umzieherei?

Ich fühle mich gesegnet, beide Kulturen zu kennen. Ich finde es cool, in zwei ziemlich unterschiedlichen Welten aufgewachsen zu sein. Meine Wurzeln und meine Lebenserfahrung haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Ich habe das alles als sehr bereichernd empfunden und würde mein Leben für nichts in der Welt eintauschen wollen. Ich habe früh gelernt, das Beste aus jeder Situation zu machen, wirklich unabhängig zu sein und Selbstvertrauen zu entwickeln. Ich hatte schon immer eine konkrete Vorstellung davon, wer ich sein will als Künstlerin und Mensch.

Die Musikindustrie kann für junge Frauen sehr einschüchternd sein.

Absolut. Mir hat mir meine Lebenserfahrung in vielen Situation sehr geholfen, aber natürlich musste ich auch in kurzer Zeit immens viel lernen. Wenn du in einen Raum kommst mit lauter Fremden, die noch dazu alle viel älter und zum Großteil männlich sind, brauchst du schon den Mut, standhaft zu sein und dich nicht verbiegen zu lassen. Am Anfang habe ich eher zugehört und mir auch Dinge sagen lassen. Bis ich merkte, dass ich mich nicht verstecken muss. Ich fing an, den Mund aufzumachen und meine Meinung zu sagen. Schließlich sind es meine Songs.-

Würden Sie sagen, dass es für Mädchen in der Musikbranche schwieriger ist als für Jungs?

Ja, mit Sicherheit. Ich wünsche mir, dass so viele Mädchen und Frauen wie möglich vorpreschen, mutig und unbekümmert sind und die Plätze einnehmen, die ihnen zustehen. Je mehr Künstlerinnen sich Gehör verschaffen, desto einfacher und selbstverständlicher wird es für andere Mädchen, ihnen nachzufolgen.

„Ich wollte ja was erreichen und nicht bloß als Partymädchen durch London driften“

Ihr Bruder ist 14, Ihre Schwester 18. Was wollen Sie den beiden fürs Leben mitgeben?

Ich will sie darin bestärken, das zu tun, was sie lieben. Meine Schwester will Schauspielerin werden, mein Bruder lernt gerade Gitarre und Piano und möchte mal Musik produzieren. Ich finde es super, wieviel Mumm die beiden haben, wie sehr sie an sich glauben. Ich sage ihnen immer: Wenn sogar ich es gepackt habe, dann packt ihr es auch. (lacht)

Haben Ihnen die Eltern vertraut, als Sie mit 15 zurückgegangen sind von Pristina nach London?

Ja, das haben sie. Ich hatte allerdings auch noch eine Mitbewohnerin, die ein bisschen älter war und die meine Eltern auch kannten. Meine Eltern haben mir sowieso immer vertraut. Wir gehen sehr offen miteinander um. Meine Eltern sind meine besten Freunde.

Und ich nehme an, Sie haben Ihnen wenig Kummer gemacht?

Ich habe mein Bestes gegeben! Ich wollte ihnen echt keinen Ärger machen, und ich denke, ich war ein ganz gutes Mädchen. Ich hatte ja auch meine Träume und Ziele. Ich war verdammt diszipliniert. Ich wollte ja was erreichen und nicht bloß als Partymädchen durch London driften.

Sie haben unter anderem als Kellnerin in einer Cocktailbar gejobbt. Was konnten Sie dort über das Leben lernen?

Menschenkenntnis. Und weniger schüchtern zu sein. Das war eine heftige Zeit. Ich habe abends gearbeitet, bin danach oft noch mit den Kollegen durch die Clubs gezogen, und am nächsten Morgen stand ich wieder im Studio. Zum Schlafen hatte ich oft kaum Zeit, aber ich habe so gut wie nie verpennt. Ich habe eigentlich nur schöne Erinnerungen an diese Phase. Ein paar meiner bis heute engsten Freundinnen und Freunde habe ich damals kennengelernt.

„Mir fällt es sehr schwer, die Überlegungen der Pro-Brexit-Wähler nachzuvollziehen“

Sprechen Sie eigentlich fließend Albanisch?

Ja, klar, Albanisch war und ist meine erste Sprache. Meine Eltern kamen ja nach London, ohne Englisch zu können. Ich habe Englisch in der Schule gelernt.

Das Land wird gerade ziemlich angesagt, oder?

Absolut. Die Leute beginnen, anders über das Kosovo und über Albanien zu denken. Der Krieg hat das Land schwer mitgenommen und gezeichnet, aber er ist jetzt eine Generation her. Man kann das nicht mehr ändern, was passiert ist. Aber wir jungen Menschen können den Blick aufs Kosovo verändern. Zum Beispiel mit dem „Sunny Hill Festival“, das ich ins Leben gerufen habe, und das nun jedes Jahr, hoffentlich auch in diesem Sommer, stattfindet.

Fühlen Sie sich angesichts Ihres Hintergrunds von Boris Johnson und all den Menschen, die für den Brexit stimmten, betrogen?

Mir fällt es sehr schwer, die Überlegungen der Pro-Brexit-Wähler nachzuvollziehen. Meine Eltern kamen aus dem Bürgerkrieg nach London, bauten sich dort etwas auf, bekamen drei Kinder. Wir wurden in dieser wunderbar diversen Stadt akzeptiert und aufgenommen. Das soll in Zukunft so nicht mehr möglich sein, weil Großbritannien sich vor den Fremden abschottet? Mich wühlt das auf, gerade auch, weil ich sehe, wie sehr sich Kosovo bemüht, ein Teil der Europäischen Union zu werden.

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