Trauerspiel

„Ein Fest für Mackie“ in Bochum: Uraufführung zum Weglaufen

Bochumer Tresentristesse beim „Fest für Mackie“.

Bochumer Tresentristesse beim „Fest für Mackie“.

Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

Bochum.  Musical vom Hustenschmerz: „Ein Fest für Mackie“ zum 100. Geburtstag von Bochums Schauspiel und Symphonikern wird unfreiwillig zum Trauerspiel.

Mehr als Kulturjubiläen fürchte ich die Geschenke, die man ihretwegen macht. In Bochum feiern 2019 gleich zwei den 100. Geburtstag: Schauspielhaus und Symphoniker. Wie alte Leute so sind: praktisch veranlagt. Nachbar ist man einander seit drei Jahren auch. Da kann man doch schön zusammenfeiern. Donnerstag stieg „Ein Fest für Mackie“ – ein unfreiwilliges Trauerspiel.

Als die tapferen Premieren-Zuschauer aus 100 Minuten Duldungsstarre erwachten, mochten einige noch Fetzen dieses schlechten Traums erinnern: Peinliche Anbiederungspoesie an das alte Ruhrgebiet etwa: „Was bleibt am Ende? Zerstörte Hände – zerstörtes Herz – und Hustenschmerz.“ Vielleicht noch an eine Story, deren Klischeeladung so viel Ironie hergibt wie ein Ochse Milch. Und erst die Inszenierung: fast nicht vorhanden, seelenlos, uninspiriert. Was hat sich Intendant Johan Simons dabei nur gedacht?

Wo sind wir hier eigentlich?

Bestellt wurde das im Musikzentrum uraufgeführte „Fest für Mackie“ als „Kneipen-Kantate für Bettler, Bergleute und Betrunkene“. Aber wie Moritz Eggert, Professor aus Heidelberg, diesen Landstrich Ruhrgebiet mit Musik versieht, scheint ihm dazu kaum mehr als eine niedere Musical-Niederung einzufallen. Mancher seifige Song (zum Weglaufen: „Komm zu mir, kleine Sonne“) würde es nicht mal auf die B-Seite einer Grönemeyer-Schmalziade bringen. Da fragt man sich: Wo sind wir hier eigentlich? Die Antwort ist so wirr wie Martin Beckers Libretto heißluftig aufgebläht: In einer Kneipe („Zur Ewigkeit“, in Anspielung auf die unendlich-teuren Folgen der Pott-Blüte), an deren mafiöser Theke Betrunkene tun als seien sie Bergleute, um als Bettler Geld anzuschaffen.

Von der respektlosen Watsche, die diese Perspektive für Menschen im Bergbau bedeutet, einmal abgesehen, ist das natürlich eine verzweifelt unscharfe Version der „Bettleroper“. Die Urfassung von 1728 betont der Abend, weil er (Titel hin oder her) um den heißen Brei der Dreigroschenoper herumstreicht. Sinnvoll ist das: Bei so einem Käse, der den Gaunerkönig Mackie als Depressiven in eine aus Briketts gemauerte Beckett-Tonne sperrt (Bühne: Simons/Oliver Kroll), wären die gefürchteten Brecht-Erben flugs vor dem Kadi.

Großteil der Schauspieler kann leider nicht singen

Die Schauspieler (deren Großteil leider nicht singen kann, nicht mal schlecht à la Brecht) dürften sich kaum wohlfühlen in dieser Kneipe. Generalmusikdirektor Steven Sloane und eine knapp 30-köpfige Abordnung des Orchesters spielen Eggerts Weill und Bernstein deutlich anflirtende Kantate mit Respekt. Die besten Momente hat die Komposition, wenn sie als sinfonischer Tanz auftrumpft, als Marsch, Walzer, Mambo.

„Wenn Du traurig bist / Und die Angst Dich frisst / Verzweifle nicht / An der Unterschicht“. Nein, das tun wir bestimmt nicht. Eher schon an der Anmaßung, mittels Kunst derart vergiftete Komplimente zu machen. Ein vertaner Abend, aber kein Grund zur Sorge. Beide Jubilare werden das Fest, das am Sonntagabend schon wieder vorbei ist, todsicher überleben.

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