Serie Literaturgebiet Ruhr

Ein Haus für die Literatur in Dortmund

Ein Team: Ivette Vivien Kunkel, Klauspeter Sachau, Hartmut Salmen und Eike Galle (v.li.n.re.).

Ein Team: Ivette Vivien Kunkel, Klauspeter Sachau, Hartmut Salmen und Eike Galle (v.li.n.re.).

Foto: VANESSA LEISSRING / WAZ

Dortmund.  Seit kurzem hat Dortmund ein Literaturhaus, seit langem schon engagierte Literaturfreunde: Und die schicken Autoren revierweit an die Schulen.

Anno 1989 schrieb sich der Dortmunder Verein für Literatur ein Ziel in die Satzung: die Gründung eines Literaturhauses. „Ja, und knapp 25 Jahre später hat es dann auch schon geklappt“, sagt Hartmut Salmen mit reviertypischer Ironie. Am Neuen Graben hat die Literatur in Dortmund nun seit 2014 ein Zuhause, mit Bank vor der Tür, einem kleinen Garten und kleinfeiner Bibliothek – mitten im szenigen Kreuzviertel. Die Geschichte des Literaturhauses ist also eine bislang eher kurze, ihr Prolog dafür umso länger.

Hartmut Salmen (51) sitzt am langen Tisch in „seinem“ Haus, neben ihm die Mitstreiter – Klauspeter Sachau (78) als Mann der allerersten Stunde, Ivette Vivien Kunkel (40) als Literaturschaffende, Eike Galle (46) als erfahrener Veranstaltungsmanager. Klauspeter Sachau kennt die Historie des Vereins wie kein zweiter: Wie sich damals Autorinnen und Autoren zusammentaten, wie das Dortmunder Festival LesArt. geboren wurde, wie der Verein die ersten Lesungen im deutsch-türkischen Buchladen Taranta Babu, im Fritz-Henßler-Haus oder auch im Museum für Kunst und Kulturgeschichte auf die Beine stellte . . .

Förderung der Stadt befeuerte die Literaturhaus-Idee

Immer schon hat sich die Literatur in Dortmund als Teil der freien Szene begriffen. Als sich diese Szene mit dem Dortmunder Kulturrat eine Selbstverwaltung schuf, da war die Literatur als „Sektion“ dabei – „die Gründung des Kulturrates führte zu einem Umdenken auch im Kulturbüro der Stadt, es gab mehr Förderung für die freie Szene“, sagt Sachau. Im Jahr der Kulturhauptstadt dann nochmal eine weitere Million: „Das war der Anlass“, sagt Hartmut Salmen, „das Literaturhaus doch noch einmal in Angriff zu nehmen“.

Es folgten Anträge und lange Gespräche, dann erste Lesungen – gefördert von Sponsoren oder auch „auf Eintritt“: Das Prinzip Klingelbeutel ist ein Risikospiel für die anreisenden Autoren, geschuldet „dem Kulturbruch, den wir alle erleben“, so Sachau.

Frucht eines Netzwerkens und Über-den-Tellerrand-Blickens

Und auch, wenn die Arbeit bislang ehrenamtlich geschultert wurde, wenn Mitarbeiter allenfalls aus Projektmitteln ein Honorar erhalten haben, wenn die Anfänge so schwer waren, wie sie im Kulturbetrieb eben oft schwer sind – so verdichtet sich nach den Erzählungen der Dortmunder doch der Eindruck: Dieses kleine Literaturhaus, diese Literaturarbeit vor Ort ist die Frucht eines jahrzehntelangen erfolgreichen Netzwerkens und Über-den-Tellerrand-Blickens.

Ein Beispiel? Als 2007 die Robert Bosch Stiftung einen Veranstalter suchte für die Chamisso-Tage an der Ruhr – da war der Verein für Literatur mutig genug, zuzugreifen. Und organisierte künftig im Dreijahres-Rhythmus Workshops an Schulen, die von Autorinnen und Autoren mit Migrationserfahrung geleitet wurden. Mit Einstellung des Chamisso-Preises endeten die Chamisso-Tage. An die letzte Abschlusspräsentation 2016 kann sich Hartmut Salmen noch gut erinnern: „Da stand ein 15-Jähriger auf der Bühne und hat seine Liebesgedichte vorgelesen. Das war sehr beeindruckend, welches Selbstbewusstsein die Schülerinnen und Schüler bekommen haben.“

Workshops an Schulen im Rahmen der neuen Reihe „LiteraturAufRuhr“

Dies fand auch die Bosch Stiftung – und führt die Chamisso-Tage nun als „Weltenschreiber-Projekt“ bundesweit an Literaturhäusern fort. Nur ohne Dortmund: „Leider konnten wir nicht teilnehmen, weil wir keine feste Stelle haben“, so Salmen. Also erhielt Dortmund ein eigenes Förderprojekt, den „LiteraturAufRuhr“. Sechs Werkstätten laufen derzeit zum Thema „Europa“ an Schulen in Dortmund, Bochum, Holzwickede und Gelsenkirchen, erneut wird es ein Buch mit Texten geben und eine Lesung zum Abschluss. Aber auch Veranstaltungen an den Schulen: „Damit das Lehrerkollegium jene Schüler, die ihren Stempel oft schon bekommen haben, mal in einem anderen Licht sieht“, sagt Sachau.

Wie wichtig die (frühe) Förderung ist, die das Literaturhaus da leistet, weiß Ivette Vivien Kunkel. „Durch den Verein für Literatur wurde ich gefördert, seit ich 18 bin, sei es durch die Arbeit am Text, durch erste Lesungen oder Preise“, erzählt die Autorin. „Wenn die eigene Mutter sagt, Kind, deine Texte sind super, dann ist das zwar sehr schön. Aber erst die Rückmeldung von außen hat mir damals Selbstbewusstsein gegeben.“ Heute gibt die 40-Jährige dieses Selbstbewusstsein weiter – indem sie Workshops mit Kindern und Jugendlichen im Literaturhaus leitet.

Alle Infos im Netz: www.literaturhaus-dortmund.de

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