Inszenierung zum Abschied

Eine Essenz der Jahre von Kay Voges am Theater Dortmund

Bettina Lieder und Frank Genser in „Play: Möwe. Abriss einer Reise“ – der rückblickenden, summarischen Abschiedsinszenierung von Intendant Kay Voges.

Bettina Lieder und Frank Genser in „Play: Möwe. Abriss einer Reise“ – der rückblickenden, summarischen Abschiedsinszenierung von Intendant Kay Voges.

Foto: Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Dortmund.  In Videogewittern: Das Ensemble der Ära Voges verabschiedet sich mit einer zweieinhalbstündigen Essenz seines Inszenierungs-Stils – „Play: Möwe“.

Tschechows „Möwe“ wird zerpflückt, um Filetstückchen daraus in immer neue, oft videogestützte Wiederholungsschleifen zu schicken. Jean-Luc Godards Filmcollage „Histoire(s) de Cinema“ wird zum Vorbild genommen, und so beschwören Erinnerungsdirigenten an der Schreibmaschine

videogestützt und assoziativ einzelne, markante Inszenierungen der Ära Kay Voges und ihre Figuren herauf: Aus diesen beiden Strömen speist sich der zweieinhalbstündige „Play: Möwe“-Abend, bei dessen Premiere das Publikum das Ensemble und das Regie-Team und ein bisschen auch sich selbst und seine Modernität mit langem, langem Applaus begeistert feierte.

„Eine Bühne, und auf der Bühne noch eine Bühne. Und Loops. Und Remix und MashUp“, wie es Andreas Beck als Maschinist der Geschichte und Geschichten in die Tasten haut, um gleich darauf ein Poesie-Defizit festzustellen. Die eine oder andere Prise davon wird der Abend dann aber doch noch bringen, in schönen Sätzen mit Wortspielplätzen, mit magischen Bildern, süffiger Musik, viel Witz und großem Kostümzauber (Mona Ulrich). Und mit gelegentlich gestreiften Fäkal-Tabus als Gegengift gegen allzuviel Einverstandensein.

Antiautoritäre Sinnfabrik mit hohem Unterhaltungswert

Entstanden ist die Inszenierung als ein Gemeinschaftswerk, das zum letzten Mal das gesamte Ensemble auf die vielschichtige Bühne von Michael Sieberock-Serafimowitsch bringt und, was Wunder, von seiner besten, lebendigsten, ja spielerischsten Seite zeigt – jenseits des poststrukturalistisches Feuerwerks aus Bedeutungsschimmern. Am knapp eine halbe Stunde zu späten Ende sind weit mehr Fragen gestellt als beantwortet, ist aber zugleich auch ein ganzes, irrwitzig schnell vergangenes Jahrzehnt vorübergezogen. Und das Theater als antiautoritäre Sinnfabrik von hohem Unterhaltungswert bestätigt (Video: Mario Simon, Laura Urbach, Jan Voges; Licht: Voxi Bärenklau).

Die Zahl der Arbeitsstätten, an denen die eigene Tätigkeit noch reflektiert, hinterfragt und aus diesem Geist stets neu bestimmt werden kann, wird immer weniger. Und diesen Freiraum am Theater Dortmund erhalten zu haben, könnte sich einmal als das keineswegs geringste Verdienst der Ära Voges herausstellen. „Play: Möwe“ mit dem spielerischen Untertitel „Abriss einer Reise“ war eine echte Teamarbeit des gesamten Hauses, und für deren fulminantesten Ausfluss, einen Monolog von Bettina Lieder als glücklose Schauspielerin Nina, gibt es gar stürmischen Szenenapplaus: Denn aufgespannt wird darin das ganze heillos widersprüchliche Dasein jener Männer und Frauen, die zwischen ihren Rollen auf der Bühne und im wirklichen Leben hin und her gerissen sind, mal hingerissen von sich, aber meist zerrissen von Zweifeln und stets in der Gefahr, zum Schnipsel der Theatergeschichte zu werden.

Als Nachfolger von Anna Badora 2020 ans Volkstheater nach Wien

Wer wissen will, was man vermissen wird (und was nicht), wenn Intendant Kay Voges im Sommer 2020 als Nachfolger der einstigen Düsseldorfer Intendantin Anna Badora ans Volkstheater in Wien, dürfte dazu noch bis zum Ende der laufenden Saison Gelegenheit haben – dieser letzte Voges-Rausch hat das Zeug zur Kult-Inszenierung.

Die nächsten Termine: 16., 23. und 25. Oktober, 10., 15. und 24. November, 19. und 28. Dezember, 11. und 25. Januar. Karten (9-23 Euro): Tel. 0231 / 50 27 222 oder www.theaterdo.de

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