Kino

Eine Liebeserklärung an die Liebe trotz psychischer Probleme

Maria (Alexandra Borbély) und Endre (Géza Morcsányi).

Foto: Alamode

Maria (Alexandra Borbély) und Endre (Géza Morcsányi). Foto: Alamode

  Neu im Kino: Ildiko Enyedis bezaubernder Berlinale-Triumph „Körper und Seele“ erzählt von der Liebe trotz psychischer Krankheiten.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die erste Begegnung ist immer die schwierigste. Endre, um die 60 und mit steifem Arm, ist der Geschäftsführer eines privat geführten Schlachthofs in Budapest. Am Mittag in der Kantine sorgt es schnell für Aufsehen, dass es eine neue Qualitätsprüferin im Betrieb gibt. Die ist blond und hübsch, aber auch irgendwie komisch; kein Sinn für Ironie, zum Lachen geht sie wohl nur in den Keller.

Dass Maria Asperger-Autistin ist und wegen ihrer Auffassungsgabe für Details eingestellt wurde, ist Endre schnell klar, als er sich zu Maria an den Tisch setzt. Er probiert die behutsame Tour, aber eine Erwiderung bleibt vorerst aus. Immerhin aber hat er sich getraut und das wurde vom Gegenüber durchaus wohlwollend registriert. Maria kann es nur nicht so zeigen.

Ein Skandal im Schlachthof

Es sind feine Beobachtungen, der Blick für das Ungewöhnliche im scheinbar ganz Alltäglichen, mit dem die Ungarin Ildiko Enyedi den Zuschauer in ihre filmische Erzählung hineinführt, in der das Große sich erfrischend frei von Hysterie vollzieht. Ganz sanft fließt der Film dahin, nichts wird wortreich mit dem dicken Problempinsel aufgetragen. Das verblüfft, immerhin haben die beiden Hauptfiguren es mit physischer und psychischer Einschränkung zu tun; Dinge fallen nicht immer leicht deshalb, aber das Leben ist zu abwechslungsreich, um nicht auch den Sinn für anderes frei zu haben.

Schließlich ist auch Story im Spiel, als es im Schlachthof zum Skandal kommt: Hormonstoffe wurden entwendet und in einem Altenheim ins Essen gemischt. Endre vermutet als Täter einen neuen Schlachter, der ihm schon wegen seiner Alphamanieren gegenüber Frauen zuwider ist. Eine Psychologin unterzieht die Belegschaft im Auftrag der Polizei gewissen Befragungen und stellt fest, dass Endre und Maria jede Nacht exakt das gleiche träumen. Dieser Film bietet einen satirischen, poetischen, ob­skuren Blick auf die Welt der Gegenwart, der seinerseits eingebettet ist in einer schon vom Schauplatz her entwaffnend originellen Liebesgeschichte.

Ildiko Enyedis Regiestil erlaubt es zu schauen, weil ihre Einstellungen zwar ruhig, aber niemals leer oder langweilig sind. Die Finesse entfaltet sich im Understatement. Der Satz „Das Übliche“ entlarvt auf höchst amüsante Weise die Korruption im Staatsapparat; eine Hand, zur Entschuldigung gereicht, wird zum Zeichen menschlicher Größe.

Konzentriert, aber nie angestrengt

Es ist der etwas andere Blick, der sich auch in der Schauspielerführung auszeichnet, im konzentrierten, aber niemals angestrengten Spiel der außerordentlichen Hauptdarsteller Géza Morcsányi und Alexandra Borbély, in den superb besetzten Nebenrollen. Im Wettbewerb der Berlinale 2017 wurde „Körper und Seele“ mit dem Goldenen Bären als bester Film ausgezeichnet. Entgegen den Jahren davor ist das diesmal unbedingt als Empfehlung zu verstehen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik