Jahrhunderthalle

„Evolution“ gehört zu den Höhepunkten der Ruhrtriennale 2019

Regisseur Kornél Mundruczó nutzt geschickt aus, dass ihm bei „Evolution“ die gesamte Fläche der riesigen Jahrhunderthalle zur Verfügung steht.

Regisseur Kornél Mundruczó nutzt geschickt aus, dass ihm bei „Evolution“ die gesamte Fläche der riesigen Jahrhunderthalle zur Verfügung steht.

Foto: Caroline Seidel / dpa

Bochum.  Das Publikum hat die Uraufführung „Evolution“ von Regisseur Kornél Mundruczó gefeiert. Das Stück ist einer der Höhepunkte der Ruhrtriennale 2019.

Es ist die erste große Produktion der diesjährigen Ruhrtriennale, in der Bild und Text, Musik und Darstellung, Spannung und Anspruch, Klarheit und Abstraktion eine Symbiose eingehen, an der alles stimmt, die berührt und bedrückt und eine so starke theatralische Sinnlichkeit ausstrahlt, dass sie unter die Haut geht. Zu erleben ist eine einfache, klar strukturierte und dennoch hintergründige Handlung, dramaturgisch straff und pointiert ausgerichtet, ohne Längen und kopflastige Überfrachtung.

„Evolution“ nennt der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó die grandiose, in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Steven Sloane entstandene Kreation, die jetzt in der Bochumer Jahrhunderthalle uraufgeführt wurde. Und zwar mit spürbar nachhaltigem Eindruck.

Kornél Mundruczó kann gesamte Fläche der Jahrhunderthalle nutzen

Es ist nach einer szenischen Umsetzung von Hans Werner Henzes Oratorium „Das Floß der Medusa“ im letzten Jahr die zweite Gemeinschaftsarbeit mit Sloane, der diesmal mit den fabelhaften Bochumer Symphonikern und dem ebenso überzeugenden Lettischen Staatschor György Ligetis „Requiem“ beisteuert. Im Gegensatz zum Vorjahr müssen die Musiker und Sänger jetzt freilich ihr Dasein am Seitenrand fristen, so dass dem Regisseur die gesamte Fläche der riesigen Jahrhunderthalle zur Verfügung steht. Und die Gelegenheit nutzt er geschickt aus.

Drei Teile reflektieren drei Zeitebenen einer Familiengeschichte, die sich zwar weiter entwickelt, jedoch keinen wirklichen Fortschritt erkennen lässt. Mit dieser pessimistischen Vision, passend zur düsteren, aggressiven und keineswegs tröstlichen Musik Ligetis, wird der Zuschauer nach 100 kurzweiligen Minuten entlassen. Der erste Block führt den Besucher in ein düsteres Kellerverlies mit Duschköpfen, einer eisernen Tür und einer kuppelförmigen Abzugshaube. Drei „Tatortreiniger“ beginnen den Raum zu säubern, als ein Ventilator Unmengen menschlicher Haare in den den Raum bläst, die die Arbeiter zu erwürgen drohen. Am Ende finden sie ein Baby, Eva, den Ausgangs- und Mittelpunkt der Geschichte. Ein Ort, verknüpft mit einer solch großen Schuld, die selbst sintflutartig einsetzende Wasserfontänen nicht wegwischen können. Der Bühnenbildnerin Monika Formale ist damit ein ebenso grandioses wie schlichtes und vor allem angesichts des schwierigen Themas dezentes Szenario gelungen.

Ligetis Klänge sorgen für die passende Stimmung

Gesprochen wird im ersten Teil nicht. Hier sorgen die Klänge Ligetis für die passende Stimmung. Auch wenn Ligetis Musik gern von Filmemachern benutzt wird, stellt sich angesichts der rauen, kompromisslosen Tonsprache in keiner Sekunde der Eindruck Hollywood-naher Weichzeichnerei ein.

Der zweite Teil ist fast ausschließlich als ausgedehnte Schauspielszene angelegt, in der die Musiker nur noch punktuell eine Art „Soundtrack“ liefern dürfen. Wir begegnen Eva als ältere Frau und Mutter einer erwachsenen Tochter in einer kleinbürgerlichen Wohnküche. Wir erfahren, dass Eva in Auschwitz geboren wurde und bereits im Mutterleib medizinischen Versuchen ausgesetzt war. Auch nach der Befreiung traut sie sich nicht, sich als Jüdin erkennen zu geben. Zum Unverständnis ihrer Tochter, die ihre Kindheit unter dem Deckel der mütterlichen Ängste nie frei ausleben durfte und jetzt darauf besteht, dass sich ihre Mutter als Auschwitz-Opfer bekennt, um wenigstens eine finanzielle Entschädigung zu erhalten. Ein packender Dialog, brillant gespielt von Lili Monori und Annamária Láng vom Budapester Proton-Theater in ungarischer Sprache mit deutsch/englischen Übertiteln. Die Gesichter werden per Video auf große Leinwände übertragen, so dass die Mimik alle Facetten der Stimmungslagen offenlegen kann. Die Schuld der Auschwitz-Täter greift über die Generationen der direkten Opfer hinaus. Auch hier können die immensen Wasserfluten, die plötzlich aus allen Türen und Wänden der Küche stürzen, den Schmutz der Vergangenheit nicht vergessen lassen.

Am Ende erstrahlt die Welt in leuchtendem Blau

Im dritten Teil begegnen wir Evas Enkel, zunächst per Handy in einer Apps-Group chattend, in der auch er noch antisemitischen Angriffen ausgesetzt ist. In diesem in die Zukunft gerichteten Teil leert sich die Bühne und zeigt einen unendlich langen, golden schimmernden Gang, aus dessen tiefem Hintergrund sich der Chor langsam nähert. Der Glanz verblasst, die Wände beginnen den Raum einzuengen. Am Ende leuchtet eine blaue Weltkugel zu den hoffnungslos tristen Tönen des Ligeti-Requiems auf.

Eine Familiensaga dreier Generationen, die einen ungewöhnlich sensiblen und dennoch starken Zugang zum heiklen Thema der Schuld um Auschwitz zeigt. Und zwar mit der Botschaft, dass diese Schuld auch das Leben und Fühlen ferner Generationen beeinflussen wird. Trotz der düsteren Schlusspunkte verliert sich das Stück nicht in hilfloser Resignation. Die Welt erstrahlt auch hier noch in leuchtendem Blau. Und damit glimmt noch ein Funke Hoffnung auf ein Miteinander ohne Vorurteil und Ausgrenzung auf.

Lang anhaltender Beifall für eine Kreation, die der Ruhrtriennale nach etlichen Fehlversuchen alle Ehre macht.

Die nächsten Aufführungen in der Bochumer Jahrhunderthalle: am 7. und 8. sowie am 12., 13. und 14. September (jeweils 20.30 Uhr). Infos und Tickets: 0221 28 02 10; ruhrtriennale.de.

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben