ZDF-Doku

„37 Grad“-Reportage über Kaufsucht regt zum Nachdenken an

Für Sonja sind die Kleidungsstücke im Schrank bedrückend.

Foto: Florian Hellwig / ZDF und Florian Hellwig

Für Sonja sind die Kleidungsstücke im Schrank bedrückend. Foto: Florian Hellwig / ZDF und Florian Hellwig

Berlin  ZDF-Reporter haben über Wochen Kaufsüchtige begleitet. Entstanden ist eine Doku, die einen behutsamen Blick auf die Betroffenen wirft.

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Schweißausbrüche, zittrige Hände, innere Unruhe – Jürgen ist süchtig. Süchtig nach Konsum. Der 57-Jährige muss einkaufen. Sein ganzes Leben, sein ganzer Alltag ist drauf ausgerichtet. Und er ist kein Einzelfall. Studien zufolge zeigen etwa drei Millionen Deutsche Symptome einer Kaufsucht. Im Rahmen der Reportagereihe „37 Grad“ haben ZDF-Reporter drei Betroffene über mehrere Monate hinweg begleitet.

Seit Jahren leidet Jürgen unter dem inneren Zwang, einkaufen zu gehen. Es begann schleichend, wie bei so vielen Betroffenen. Hier mal ein Paar Schuhe, dort ein Anzug. Irgendwann wurde das Geld knapp – und Jürgen wurde kriminell.

Mit gefälschten Arztrechnungen ergaunerte er sich über Jahre rund eine Million Euro. Und gab das Geld vor allem für teure Klamotten aus. Als seine Masche auffliegt, zerbricht seine Ehe. Der Film begleitet Jürgen bei seinem Versuch, die Sucht in den Griff zu bekommen. Mit seinem Anwalt bereitet er sich auf den bevorstehenden Betrugsprozess vor, besucht eine Selbsthilfegruppe und einen Psychiater.

„37 Grad“ zeigt, wie Menschen in Sucht reinrutschen

So weit ist die 28-jährige Katinka noch nicht. Sie kauft vor allem kistenweise Klamotten für ihre neugeborene Tochter. „Das ist wie eine Droge. Du weißt, dass du es nicht brauchst, aber es ist befriedigend“, sagt die junge Mutter.

Und dann ist da noch Sonja. Die 55-Jährige kauft täglich bei Versandhändlern ein. Auch ihr habe das Einkaufen geholfen, negative Gefühle auszuleben. Inzwischen gesteht sie sich ein: „Ich habe die Kontrolle verloren.“

Die ZDF-Autoren begleiten ihre Protagonisten ohne falsche Scham oder Mitleid. Gleichwohl hilft der Film zu verstehen, wie Menschen in eine Sucht hineinrutschen können. Alle Porträtierten haben die längste Zeit ein normales Leben geführt – oder führen es, so gut es geht, noch immer. Denn oft wahren Betroffene nach außen den Anschein, tun, als ob alles in Ordnung ist.

Daher war die Suche nach Betroffenen auch nicht einfach, wie die Autoren Ann-Kristin Danzenbächer und Florian Hellweg berichten. „Kaufsüchtige haben ein zusätzliches Problem: Wenn sie sich offenbaren, wird ihr Verhalten häufig bagatellisiert. ,Hör doch einfach auf zu kaufen. So schwer kann das doch nicht sein!‘, hören sie dann von einigen Freunden oder Angehörigen“, sagt Danzenbächer. Die drei Betroffenen, die sie gefunden haben, wollen durch den Film auch auf ihre Erkrankung aufmerksam machen.

Fast fünf Prozent der Deutschen betroffen

Und obwohl einer Studie der Universität Hannover zufolge fünf Prozent der Bevölkerung betroffen sind, ist Kaufsucht als eigenständige Krankheit bisher noch nicht anerkannt.

Für die beiden Filmemacher hat sich durch die Dreharbeiten der Blick auf das Kaufen verändert. Florian Hellweg erklärt, wenn er nun Menschen mit vollgepackten Einkaufstüten sieht, denke er: „Ist der vielleicht auch kaufsüchtig?‘

Fazit: Wie fast alle „37 Grad“-Beiträge besticht auch dieser Film durch seinen behutsamen Blick auf Menschen – und regt zum Nachdenken an.

ZDF, Dienstag, 13. Februar, 22.30 Uhr

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