ARD-Talk

„Hart aber fair“: Gäste-Auswahl war schwer nachvollziehbar

„Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg (M.) diskutierte mit seinen Gästen Norbert Röttgen, Thomas Oppermann, Kristina Dunz, Karl Rudolf Korte, Cem Özdemir und Marina Weisband (v.l.) über das Beben in der Union.

„Hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg (M.) diskutierte mit seinen Gästen Norbert Röttgen, Thomas Oppermann, Kristina Dunz, Karl Rudolf Korte, Cem Özdemir und Marina Weisband (v.l.) über das Beben in der Union.

Foto: Horst Galuschka via www.imago-images.de / imago images/Horst Galuschka

Berlin.  Am Tag von Annegret Kramp-Karrenbauers Rücktritt ging es bei „Hart aber fair“ um Fehler der CDU-Chefin. Eine Partei fehlte leider.

„Eigentlich hieß der Orkan Sabine, aber dann kam Annegret“, begann der aus der Krankheitspause zurückgekehrte Frank Plasberg seine Sendung, die am Montagabend natürlich nur ein Thema haben konnte: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte am Vormittag angekündigt, auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur verzichten zu wollen, ein Beben war durch die Medien und den politischen Betrieb gegangen.

Die Fragen lagen auf der Hand: Woran ist Kramp-Karrenbauer gescheitert? Stehen nun zehn Monate der Lähmung und der Nabelschau bevor? Welche Lehren sind aus dem Thüringer Debakel zu ziehen, bei dem sich FDP-Mann Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen ließ? Und wie positioniert sich die CDU gegenüber der in Teilen offen rechtsextremistischen AfD?

Kramp-Karrenbauer hatte die Vertrauensfrage schon 2019 gestellt

Die Journalistin Kristina Dunz, stellvertretende Leiterin des Parlamentsbüros der „Rheinischen Post“ und Autorin eines Buches über Kramp-Karrenbauer, trug zusammen, was zum kurzen Interregnum der Saarländerin zu sagen war:

Dass sie es von vornherein schwer gehabt habe, nicht nur mit einem denkbar knappen Parteitagsvotum von 51,8 Prozent, sondern auch als Ex-Landespolitikerin im Haifischbecken der Berliner Politik. Dass sie aber auch Fehler gemacht habe in ihrem Bemühen, den konservativen, migrationsskeptischen Flügel ihrer Partei einzubinden.

Vor allem aber sei ihr angebotener Rückzug auf dem Leipziger Parteitag im vergangenen Dezember ein strategischer Fehler gewesen: Denn wer einmal die Vertrauensfrage gestellt habe, dem bleibe beim nächsten Mal nur der Rückzug. Ein kluger Gedanke – und auch ein Unterschied zum FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, dem nach dem Schock aus Thüringen diese Option noch offen stand.

„Hart aber fair“: Oppermann attackiert fröhlich die Union

Zu den ironischen Pointen der Sendung gehörte, dass Thomas Oppermann als SPD-Vertreter sich in die Rolle des väterlichen Ratgebers begeben konnte – als hätte seine Partei in den vergangenen Monaten ein Musterbeispiel an Stabilität und visionärer Politik abgeliefert.

Oppermann gab das auch zu und dozierte dennoch munter drauflos. Drei Krisen hätten die Regierungsarbeit in der Großen Koalition in den vergangenen beiden Jahren erschwert: Der Richtungsstreit zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel um den Masterplan in der Asylpolitik, die aus dem Ruder gelaufene Debatte um den damaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen und jüngst eben das Erfurter Debakel.

Eine eigentümlich selektive Revue der Unerfreulichkeiten führte der Bundestags-Vizepräsident hier auf, und CDU-Mann Norbert Röttgen reagierte entsprechend genervt darauf. Immerhin hatte Oppermann noch anerkennende Worte für die „anständige Politikerin“ Kramp-Karrenbauer übrig, indem er, auf Christian Lindners unglückliches Lavieren anspielend, sagte: „Eigentlich hätten andere Leute zurücktreten müssen.“

AKKs Rücktritt: Zehn Monate sind eine zu lange Wartezeit für das Land

Einig war sich die Runde darin, dass der von AKK vorgeschlagene Zeitplan mit zehn Monaten bis zum nächsten Parteitag nicht funktioniert. Röttgen sagte, es müsse über die offenen Fragen „möglichst noch vor der Sommerpause“ entschieden werden. Als es jedoch darum ging, ob nun Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet oder der Wiedereinsteiger Friedrich Merz die Union in die Zukunft führen soll, war es mit der Gemeinsamkeit vorbei.

Bei den Berufspolitikern Cem Özdemir (Grüne) und Oppermann musste Plasberg in den Wolken stochern, keiner wollte sich festlegen. Auch Röttgen hielt sich bedeckt. Immerhin klärte Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte darüber auf, dass Laschet mit seiner Bilanz in der Integrationspolitik und als Vertreter eines mächtigen Landesverbandes auf einem Parteitag wohl die besten Karten habe – wenngleich man die anderen Bewerber nicht abschreiben dürfe.

Das Problem mit der Hufeisentheorie des Extremismus

Und die Sache mit der AfD? Marina Weisband, von der Piratenpartei zu den Grünen gewechselt, sah vor allem in der doppelten Abgrenzung der Union nach links und rechts ein Problem: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) habe in seiner Amtszeit im Wesentlichen sozialdemokratische Politik gemacht, „diese Abgrenzung nach links und rechts ist falsch“.

Wird also die Union im Osten von dem berühmten Hufeisen erwürgt? Von der Auffassung also, die Extreme würden sich auf linker und rechter Seite in antidemokratischen Tendenzen annähern und seien deshalb gleichermaßen inakzeptabel? Röttgen versuchte zu erklären, warum eine Zusammenarbeit mit der Linken und der AfD für die Union aus ganz verschiedenen Gründen problematisch ist und dies nichts mit der Hufeisen-Theorie zu tun habe. Aber er drang nicht recht durch.

Eine schwer nachvollziehbare Auswahl der Gäste

Leider war kein Vertreter jener Teile der Union zugegen, die sich eine Öffnung zur AfD hin vorstellen können – die WerteUnion geisterte nur als Schreckgespenst durch das Studio, Röttgen versuchte es mit entschiedenen Absagen zu verscheuchen.

Warum in einer Sendung zum Riss in der Union zwei Grünen-Politiker am Tisch sitzen mussten, blieb aber dann doch einigermaßen schleierhaft. Da hätte man lieber die FDP in dieser Runde begrüßt, gerade nach ihrer bizarren Performance in der vergangenen Woche. Andererseits: Gut vorstellbar, dass genau deshalb niemand aus ihren Reihen kommen wollte.

  • Anmerkung: Zu dieser Fernsehkritik erreichte uns am Vormittag ein Hinweis der Vorsitzenden der FDP-nahen Jugendorganisation Junge Liberale, Ria Schröder. Sie schreibt, sie sei von der Redaktion zunächst eingeladen, dann aber kurzfristig wieder ausgeladen worden: „Ich hätte sehr gerne mitdiskutiert, war sogar bereits in Köln und mir sind dadurch zwei Wahlkampftage verloren gegangen.“

Annegret Kramp-Karrenbauer – Mehr zum Thema:

Annegret Kramp-Karrenbauer hatte am Montag angekündigt, auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur zu verzichten. AKK bleibt aber CDU-Chefin, bis ein Kanzlerkandidat gefunden ist.Kramp-Karrenbauer hat dem Druck nicht Stand gehalten.Wie es zu Kramp-Karrenbauers Rücktritt kam, lesen Sie hier. Die Suche nach einem Nachfolger hat begonnen. Wer die besten Chancen auf den CDU-Vorsitz hat, erfahren Sie hier.

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