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„Hart aber fair“: So ungerecht ist unser Bildungssystem

Skandale und Gäste-Rankings: Diese fünf Dinge muss man über Polit-Talkshows wissen

Ob "Anne Will", "Hart aber Fair", “Maybrit Illner“ oder “Maischberger“: Polit-Talkshows prägen unsere politischen Debatten. Fünf Dinge, die man über dieseTalkshows wissen muss.

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Berlin.  Wer wenig verdient, stirbt früher. Die „Hart aber fair“-Runde diskutierte über einen Zusammenhang, der vor allem eines ist: skandalös.

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Hubertus Heil raucht. „Ich bin darauf nicht stolz“, sagte der Arbeits- und Sozialminister am Montagabend bei „Hart aber fair“. Der Kampf gegen die Sucht sei aber nicht einfach. „Ich brauche noch ein bisschen“, entschuldigte sich der SPD-Politiker.

Für TV-Arzt Eckart von Hirschhausen eine willkommene Vorlage: Ein Raucher, so der Bestseller-Autor, fühle sich nach der Zigarette so entspannt wie ein Nichtraucher den ganzen Tag über. Was so viel heißt wie: Es gibt keinen vernünftigen Grund, zur Kippe zu greifen.

„Herr Dr. Hirschhausen, ich danke Ihnen für diese öffentliche Sprechstunde“, frotzelte SPD-Mann Heil. Lachen in der Runde und im Publikum. Was nach launiger Plauderei klingt, hat aber einen ernsten Hintergrund: Die Lebenserwartung ist in Deutschland ungleich verteilt. Bildungserfolg wird noch immer vererbt. Und wer wenig verdient, lebt oft ungesünder – und stirbt früher.

„Hart aber fair“: Welchen Weg ein Kind einschlägt, steht früh fest

Nun ist Hubertus Heil als Bundesminister sicherlich kein Vertreter einer unterprivilegierten Schicht. Sucht macht auch vor hohen Einkommen nicht halt. Was ohnehin viel mehr zu denken geben sollte: In Deutschland entscheidet sich extrem früh, welchen Weg ein Kind einschlägt – oder auch nicht.

Anlässlich der ARD-Themenwoche „Zukunft Bildung“ fragte TV-Talker Frank Plasberg: „Schlechte Bildung, kürzeres Leben: Wie kann das sein im Jahr 2019?“

Die Gäste bei „Hart aber fair“:

  • Hubertus Heil, SPD-Sozialminister
  • Dr. Eckart von Hirschhausen, Arzt und TV-Moderator
  • Tanja Stolze, gelernte Köchin und Taxifahrerin
  • Doris Unzeitig, Grundschul-Rektorin
  • Thomas Kemmerich, FDP-Politiker und Unternehmer
  • Hannah Steiger, Schulgesundheitsfachkraft

Dass Elternhaus und Einkommen über Erfolg entscheiden, ist ein Skandal

Eigentlich sollte viel öfter in Talkshows darüber gesprochen werden. In einer leistungsorientierten Gesellschaft ist es skandalös, dass Elternhaus und Einkommen über Erfolg im Leben entscheiden. Und nicht nur Talent und Fleiß. Eine entscheidende Stellschraube ist das Schulsystem, an dem die Runde schnell angelangt war.

SPD-Mann Heil erinnerte an die sozialliberalen Bildungsreformen der 70er Jahre, die Öffnung des Gymnasiums für Kinder aus sogenannten Arbeiterfamilien. Es habe damals eine Leiter zum sozialen Aufstieg gegeben. „Wir waren in Deutschland schon mal weiter“, sagte Heil.

Kinder aus bildungsfernen Familien kommen selten aufs Gymnasium

Heute, das belegen Studien, ist es so, dass es vor allem Kinder aus Akademikerfamilien aufs Gymnasium schaffen. Nur sieben Prozent der Schüler kommen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil den Hauptschulabschluss hat. Und wer Abitur macht, studiert und später mehr verdient, hat als Mann eine um 4,4 Jahre höhere Lebenserwartung. Bei Frauen sind es sogar 8,6 Jahre.

„Diese Statistik hat mich erschreckt“, sagte Eckart von Hirschhausen. Doch was tun? Bildungsexperten schlagen vor, Kinder individueller zu fördern – und länger gemeinsam lernen zu lassen. Heißt also: keine Trennung nach der vierten Klasse.

FDP-Politiker präsentierte sich als Nein-Sager

Mit Thomas Kemmerich, dem Thüringer FDP-Chef, saß ein Mann in Plasbergs Runde, der aber – vorsichtig ausgedrückt – mit Veränderungen am Status Quo wenig anfangen konnte. Kemmerich verteidigte die frühe Trennung der Kinder, auch an Haupt- und Realschule wollte er nicht rütteln. Heute würden Schulformen zu oft zusammengepresst, sagte der Liberale.

Hubertus Heil erinnerten die Ausführungen des FDP-Mannes an „Diskussionen aus den 60er und 70er Jahren“. Und in der Tat: Kemmerich wirkte oft aus der Zeit gefallen.

Auch später, als die Runde auf das Thema Rauchen und ein mögliches Verbot von Tabakwerbung an öffentlichen Orten zu sprechen kam, übernahm der FDP-Politiker die Rolle des Nein-Sagers. „Den Absolutismus von Verboten müssen wir brechen“, so Kemmerich im besten Parteiprogramm-Sprech. Wohlgemerkt: Es ging um Tabakwerbung – und nicht um die Beschneidung von Bürgerrechten.

Hirschhausen: Schulgesundheitskräfte flächendeckend einführen

Für den alltagspraktischen und weniger politischen Blick hatte Plasbergs Redaktion eine ganze Reihe von Gästen eingeladen. Die Schulgesundheitsfachkraft, man könnte auch sagen: Schulkrankenschwester, Hannah Steiger berichtete davon, wie sie Schüler, Lehrer und Eltern in Gesundheitsfragen berät und niedrigschwellige Angebote macht.

Vertrauen, sagte sie, sei der Schlüssel. Und nicht der moralische Zeigefinger. „Solche Angebote müssten flächendeckend eingeführt werden“, sagte TV-Arzt von Hirschhausen.

Es gibt nicht die eine Musterlösung

In den 75 Minuten der Sendung wurde klar, dass das Problem zu komplex ist, es nicht die eine Musterlösung gibt. Von Hirschhausen forderte, dass mehr Geld in frühkindliche Bildung fließen muss. Auch Sozialminister Heil wünschte sich eine Politik, die nicht erst hinterher mit Sozialleistungen versucht, die Schäden zu reparieren.

Das Problemfeld ist ohnehin groß. Von Bildung über Ernährungsgewohnheiten bis zum Rauchen klapperte Plasbergs Runde alles einmal ab.

Taxi-Fahrerin klagt an: Oft reicht das Geld aus einem Job nicht

Ganz zum Schluss der Sendung, als die Belastungen aus der Arbeitswelt thematisiert wurden, machte die Münchner Taxifahrerin Tanja Stolze auf ein Problem aufmerksam, dass Politiker aller Couleur bisher vernachlässigt haben.

„Oft reicht das Geld nicht zum Leben, die Leute brauchen zwei Jobs“, sagte sie. Die Folge: Kollegen schleppten sich krank zur Arbeit. Weil sie aufs Geld angewiesen sind oder aus Angst vor der Kündigung. Im Taxi-Gewerbe werde rund um die Uhr gearbeitet, viele übernehmen nachts Schichten, damit wenigstens ein Elternteil zu Hause bei den Kindern sein kann.

FDP-Vorschlag: Steuern und Sozialabgaben senken

Es bedurfte nicht viel Fantasie, um sich den Stress für die Betroffenen auszumalen. Thomas Kemmerich, der Chef-Liberale aus Thüringen, hatte da einen ganz eigenen Lösungsvorschlag: Man müsse die Steuern für niedrige Einkommen senken. Und die Sozialabgaben reduzieren.

Der liberale Gassenhauer, der am Grundproblem aber nichts ändert. Bildungserfolg in Deutschland wird vererbt. Und wer wenig verdient, stirbt früher. Ein Armutszeugnis für dieses reiche Land.

Hier geht es zu „Hart aber fair“ in der Mediathek.

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Auch der Präsident des Kinderschutzbundes kritisierte schon vor einigen Monaten im Interview mit unserer Redaktion: „Unser Schulsystem ist vom Ansatz her falsch“.

Unsere „Single Mom“-Kolumnistin vertritt ebenfalls eine klare Position: Warum das Schulsystem nur mit Helikopter-Eltern funktioniert.

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