ARD-Krimi

Im neuen Hessen-„Tatort“ grüßt das Murmeltier – täglich

Berlin  Der neue Hessen-„Tatort“ ist eine Hommage an eine Kino-Komödie aus den 90ern – wunderbar leicht inszeniert und mit toller Filmmusik.

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Was die Folgen von „Murot und das Murmeltier“ betrifft, muss man kein Prophet sein. „Ist das noch unser ,Tatort‘?“ wird der Boulevard spätestens Montag lauthals rufen. Und dann die vielen Leserbriefe wütender Enttäuschung an die Programmzeitschriften: „Meine schöne GEZ-Gebühr! Will uns die ARD verkohlen?“

Das will sie vermutlich nicht. Man darf die Sendeanstalt – Grund gibt es selten genug – eher mutig nennen, mit Felix Murot seit nunmehr über acht Jahren am künstlichsten, kunstfertigsten und kunstvollsten Ermittler der Kult-Marke festzuhalten.

Ein kleines Krimi-Urwäldchen halt, anarchisch verwuchert, abseits vom ausgetretenen Pfad der Quote, oder um es mit dem Rettungssanitäter des Murot-Falls zu sagen: „,Tatort‘. ,Polizeiruf‘. ,Der Alte‘. Der Junge. Immer dasselbe!“ Der Großteil der „Tatort“-Gemeinde aber schäumt mit einiger Zuverlässigkeit. Der Zuschauer ist halt ein Gewohnheits- und kein Murmeltier.

Hommage an eine Kino-Komödie

Die titelgebende wuchtige Erdhörnchenart könnte uns auf den falschen, alpinen Pfad führen. Tatsächlich aber ist der Film eine Kino-Hommage. Ältere erinnern sich: 1993 geriet Bill Murray – übrigens auch in einem Februar – in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ als ausgebrannter Wetter-Onkel vom Fernsehen ins Hamsterrad der Zeitschleife eines sich wiederholenden Tages.

Erst als er zum Tugendhaften wird, gelingt der Ausstieg – und die Liebe. Und so wird Ulrich Tukurs Wiesbadener Ermittlerfigur Sonntag ein Dutzend Mal verschlafen nach dem Telefon fingern, um von einer Geiselnahme in der Taunus-Bank zu hören.

Alles wie immer, denkt der LKA-Mann Murot: „Fluchtwagen und kleine Scheine im Koffer“. Stimmt, wird aber von Tour zu Tour satten Variationen unterworfen. Mal lauert bei der Aktion im Schatten eines schlappen Sparkassen-Gummibaums brutalste Gewalt, mal heiterer Wahn. Murot: „Ihre Forderungen?“ Bankräuber: „Das Bernsteinzimmer!“ Konstant ist allenfalls der heiße Kaffee auf Murots schönem Sixties-Anzug.

Hinreißende Filmmusik und ein Hauptdarsteller in Bestform

Dietrich Brüggemann, der auch das Buch schrieb, inszeniert diesen „Tatort“ mit wunderbar leichter Hand – und erntete letzten Herbst beim Ludwigshafener Festival des deutschen Films dafür den Filmkunstpreis. Bescheiden attestiert er seinem Werk „riesengroßen Klamauk“. Aber natürlich ist es mehr.

Wer sich einlässt auf diese fein hingetupfte Parodie auf inflationär produzierte Krimi-Formate des deutschen Fernsehens, wird vielfach belohnt. Zum Beispiel mit einer hinreißenden Filmmusik (schon wieder Brüggemann, dazu das HR-Sinfonieorchester), die Tukur bei Fahrten durch die gesichtslosen Ebenen Hessens zu einem Bruder von Hitchcocks unsichtbarem Dritten macht. Und mit einem Hauptdarsteller in Bestform.

Es mag nicht der Stärkste aller Murot-Fälle sein, aber wie raffiniert Tukur seinen verspielten Kavaliers-Charme am Abgrund siedelt, wie er Komik und Kaltschnäuzigkeit zu Geschwistern macht, wie er als stiller Menschenbildner dieser Fernseh-Farce Tiefe gibt, das ist auf beglückend hohem Fernseh-Niveau.

Fazit: Nur der Murot-Gemeinde zu empfehlen. Die aber dürfte auch noch beim zwölften Bankraub diebische Freude haben.

Faktencheck zum „Tatort“: Wer raubt heute noch Banken aus?

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