Dokumentation

ZDF-Reihe 37° ist bei den Clans in Berlin-Neukölln

Die 44-jährige türkischstämmige Sozialarbeiterin Songül Ç.

Die 44-jährige türkischstämmige Sozialarbeiterin Songül Ç.

Foto: Güner Yasemin Balci / ZDF und Güner Yasemin Balci

Essen.   Wie ticken die arabischen Großfamilien im Berliner Problem-Kiez Neukölln? Das ZDF begleitete eine Sozialarbeiterin.

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Songül C. ist eine bemerkenswerte Frau: idealistisch, mutig, unmittelbar. Seit zehn Jahren arbeitet die Sozialarbeiterin und Tanztherapeutin mit meist arabischen Jugendlichen im „Yo!22“, einem Jugendclub im sozialen Brennpunkt von Berlin-Neukölln. Sie kennt die Familien dieser „schwierigen“ Jugendlichen gut, und auch die Nöte und Zwänge, die ihren Alltag bestimmen. Sie will sie retten, sagt sie, soll heißen: Mit Tanz und (Selbst-)Vertrauen davon abhalten, auf die schiefe Bahn zu geraten.

Ein vertrauensvoller Zugang

Offenbar ist sie auch die einzige Außenstehende, die sich über die lange Zeit einen relativ stabilen, vertrauensvollen Zugang zu den jungen Leuten erarbeitet hat – obwohl diese überwiegend aus der abgeschotteten Welt der Großfamilien kommen, die überall sonst als „Clans“ bezeichnet werden. Deshalb ist es ein Glücksfall, dass die etwa gleichaltrige Filmemacherin Güner Yasemin Balci, selbst in Neukölln, wenn auch in einer alevitischen Familie aufgewachsen, Songül C. traf. Ihr kurzer Film gibt nahe Einblicke in die Wertvorstellungen und Strukturen der so genannten Parallelgesellschaft. Und rückt weniger den einzelnen Protagonisten auf den Leib, wie es für die menschelnde 37°-Reihe sonst typisch ist.

Nirgendwo sonst sind allerdings auch die Probleme so manifest: Seit mindestens zwei Jahrzehnten gilt Neukölln mit seinen 300.000 Einwohnern aus 160 Nationen als „härtester Kiez Berlins“. Bezirksbürgermeister wie Heinz Buschkowsky oder Bundesfamilienministerin Franziska Giffey versuchten bereits, mit klarer Kante der organisierten Clan-Kriminalität beizukommen. Ob Falko Liecke, derzeit stellvertretender Bürgermeister, mehr Erfolg haben kann, mit seiner abwegigen Idee, den Clans die Kinder wegzunehmen? Immerhin unterstützt er finanziell die soziale Sisyphos-Arbeit von Songül C. und nutzt sie auch als Vermittlerin, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

Hamudi will unbedingt sauber bleiben

Weniger spektakulär zeigt sich die alltäglichen Integrationsarbeit, bei der die Kamera die 44-Jährige über mehrere Monate hinweg begleitet: Wie sie durch Tanz und Bewegung junge Frauen darin bestärkt, nicht mehr wie Opfer zu wirken. Und junge Männer mit den gleichen Mitteln dafür sensibilisiert, verborgene Talente in sich selbst zu entdecken. Einen, Hamudi, hat Songül C. schon gerettet, oder wenigstes fast: Er beginnt eine Ausbildung zum Sportassistenten, will unbedingt „sauber“ bleiben. Zunächst allerdings muss er noch einmal vor Gericht – hatte er doch einen anderen Jungen verprügelt, weil der sich weiterhin mit seiner Schwester treffen wollte…

Integration, das lernen wir, braucht Zeit und Geduld, und auf bewundernswerte Weise lässt sich Songül C. nicht entmutigen, obwohl auch sie schon bedroht worden ist. „Wir müssen sie integrieren, wir haben keine Wahl“, ist sie überzeugt, und muss gar nicht mehr erklären, was die Konsequenzen wären, wenn nicht. Trotzdem wird sie das „Yo!22“ demnächst verlassen, um an einer Neuköllner Grundschule zu arbeiten – mit jüngeren Kindern, die vielleicht noch eher gerettet werden können.

ZDF, 22.15 Uhr

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