Im Kino

Film „Die perfekte Kandidatin“ zeigt Saudi-Arabien im Wandel

Mila Al Zahrani spielt in „Die perfekte Kandidatin“ die junge Ärztin Maryam. 

Mila Al Zahrani spielt in „Die perfekte Kandidatin“ die junge Ärztin Maryam. 

Foto: Neue Visionen FilmverleiH

Essen.  Die Filmemacherin Haifaa Al Mansour zeigt in ihrem neuen Film „Die perfekte Kandidatin“ das Land Saudi-Arabien zwischen Stillstand und Aufbruch.

Das Interesse ist groß. Beinahe 200 Frauen sind zur ersten Wahlkampfveranstaltung von Dr. Maryam gekommen. Die junge saudi-arabische Ärztin kandidiert um einen Posten im Gemeinderat. Das weckt Neugier, aber auch Widerspruch, selbst unter den Frauen. Denn eigentlich ist Politik in diesem streng patriarchalisch organisierten Land immer noch reine Männersache, auch wenn Frauen mittlerweile antreten dürfen. Also haben viele von Maryams Zuhörerinnen ihre Meinung schon vorher gefasst. Sie werden ihre Stimme trotz allem dem männlichen Bewerber geben.

In „Die perfekte Kandidatin“, ihrem zweiten in Saudi-Arabien gedrehten Film, erzählt Haifaa Al Mansour von einem Land, das in die Zukunft blickt und doch nicht von der Vergangenheit loskommt. Nicht nur den Besucherinnen von Maryams Wahlkampfveranstaltung fehlt der Mut, den entscheidenden Schritt nach vorne zu machen. Es ist, als ob eine ganze Gesellschaft auf einer Schwelle verharrt.

Regisseurin Haifaa Al Mansour debütierte mit „Das Mädchen Wadjda“

Für diesen seltsamen Zustand des permanenten Dazwischen findet die junge Filmemacherin, die 2012 mit ihrem Debüt „Das Mädchen Wadjda“, dem ersten ganz in Saudi-Arabien gedrehten Spielfilm, international für Aufsehen gesorgt hat, simple und doch ungeheuer eindringliche Bilder. Sie und ihr Kameramann Patrick Orth setzen auf einen unaufdringlichen Stil, der auf Überhöhungen verzichtet.

So außergewöhnlich die Entscheidung der von Mila Al Zahrani gespielten Ärztin ist, in die Politik zu gehen, um endlich zu erreichen, dass die Straße zum Krankenhaus asphaltiert wird, so alltäglich sind die Situationen, die Haifaa Al Mansour schildert. Sie rückt den Fokus des Films immer wieder auf den Riss der das öffentliche vom privaten Leben in Saudi Arabien trennt.

Sehnsucht nach Öffnung und Veränderung

Die Straßen- und Krankenhausszenen zeugen von einem in seinen Traditionen verharrenden Land. In der Öffentlichkeit verhüllen sich die Frauen in schwarzen Gewändern, während die Männer fast ausschließlich weiße Quamis tragen. Alle sind bemüht, die traditionellen Erwartungen zu erfüllen. Doch sobald der Film in die private Sphäre seiner Heldin wechselt, verändert sich auch sein Ton. Die Einstellungen werden bunter. Wenn die Frauen unter sich sind, verzichten sie eben nicht nur auf ihre Schleier. Durch die Wahl ihrer Kleider, den Stil ihrer Frisuren und ihr Make-up betonen sie ihre Individualität. In den Familien sind die Veränderungen längst angekommen.

Wie groß die Sehnsucht nach Öffnung und Veränderung in Saudi-Arabien ist, zeigt auch der zweite, parallele Handlungsstrang dieser subtilen Komödie. Maryams Vater tourt als Musiker mit seiner Gruppe durchs Land. Seine Konzerte müssen zwar von der Staatsmacht aus Angst vor Anschlägen von islamistischen Extremisten beschützt werden, aber das Publikum verzehrt sich nach seinen melancholischen Liebesliedern. So wird die von arabischer Poesie geprägte Musik zum Ausdruck des Wandels. Einzelne mögen sich über sie entrüsten, aber die Mehrheit der Frauen und der Männer findet in ihr den Ausdruck ihrer Sehnsucht nach Veränderung.

Am Ende wird es also die Kultur, die Musik oder eben das Kino, sein, die Saudi-Arabien hilft, die Schwelle zu überschreiten, auf der das Land noch unschlüssig steht.

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