Serie „Mein Beethoven“

Florian Helgath und die Liebe auf den zweiten Blick

Der Dirigent Florian Helgath im Chorwerk Ruhr bei der Dokumentation einer CD-Aufnahme.

Der Dirigent Florian Helgath im Chorwerk Ruhr bei der Dokumentation einer CD-Aufnahme.

Foto: (c) Christian Palm

In unserer Serie „Mein Beethoven“ erzählt Dirigent Florian Helgath vom Chorwerk Ruhr mit großem Respekt von „sehr speziellen“ Chor-Kompositionen.

Beethoven, das ist bei mir eher eine Liebe auf den zweiten Blick gewesen. Der Grund liegt in meiner Biografie: Ich habe ja im Knabenchor begonnen, als Regensburger Domspatz. Da gab es viel Alte Musik, Renaissance, Barock, aber auch Romantik. Drum fallen mir bei Namen wie Brahms oder Mozart sofort bekannte und geläufige Chorstücke ein, die mir sehr früh begegnet sind.

Beethoven hat einfach nicht so eine Rolle gespielt - aber im Instrumentalunterricht hat er es. Und als Klavierschüler hatte ich mit Beethoven mächtig zu kämpfen! Es ging mit den anderen Komponisten alles ganz gut, kleine Sonatinen, dann die erste Haydn- und Mozart-Sonate. Aber als ich bei Beethoven vorbeikam, da merkte ich plötzlich: Ui, das ist aber eine ganz andere Nummer von der Komplexität!

Florian Helgath: „Da kam eine andere Dimension um die Ecke!“

Mein erster Eindruck war: Beethoven ist viel schwerer zu spielen als Mozart und Haydn. Natürlich ist das etwas pauschal und aus der Sicht eines Lernenden. Aber selbst die vermeintlich einfacheren Werke forderten mich anders. Das hat mich damals fast ein bisschen traumatisiert: Als fleißiger, aber nicht spitzenmäßig begabter Pianist, der ich damals war, habe ich da ziemlichen Respekt entwickelt: Da kam eine andere Dimension um die Ecke! Die zu bewältigen, dafür musste man viel drauf haben.

Als Hörer ging es mir anders: Als Jugendlichen hat meine Tante mich in „Fidelio“ mitgenommen, Bayerische Staatsoper! Ich war zum ersten Mal in der Münchner Oper, ein Riesending. Ich kannte ja nur das Regensburger Stadttheater. Das war ein unglaubliches Erlebnis, die Wucht des Orchesters, die Chöre, die Klangpalette, die Beethoven da ausbreitet, diese gewaltige, große Musik. Das hat mich auch physisch wirklich berührt – fast mehr, als ich fassen konnte.

Heute bin ich ja sozusagen Chorspezialist. Und auch da ist Beethoven eine Welt für sich. Beethoven hat nicht in dem Maße Chormusik komponiert wie mancher andere - und die ist wirklich sehr speziell. Ich glaube, man darf Beethoven nicht unterstellen, er hätte keine Ahnung von Stimmen gehabt. Wenn man allerdings etwa die Chorstimmen in der Neunten oder der Missa Solemnis anschaut, ist es einfach unglaublich, was er einem Sänger abverlangt: sehr fordernd, extreme Sprünge. Aber Beethoven wollte einfach den maximalen Ausdruck, die maximale Expressivität herausholen.

„Bei Beethoven nicht alles zu geben, das ist unmöglich, das bewältigt man gar nicht“

Ich denke, ihm war durchaus bewusst, dass er an die Grenzen ging und manchmal sogar darüber hinaus – aber nur, um zu erreichen, dass ein Sänger das nicht beiläufig singt. Bei Beethoven nicht alles zu geben, das ist unmöglich, das bewältigt man gar nicht. Obwohl ich in diesem Festjahr auch begeistert bin, was es an Zartem zu hören gibt. Sein „Elegischer Gesang“ war eine Entdeckung für mich in seinem Verzicht auf große Ausbrüche, auf Radikalität. Das ist ein ganz persönliches Bekenntnis, das Beethoven einer lieben Person widmet - ein anrührendes Zeugnis, wie man einen Menschen tröstet, der einen schlimmen Schicksalsschlag erlebt hat. Hier tritt der Rebell ganz zurück, eine wunderschöne, zärtliche Facette, die man ihm nicht unbedingt zugetraut hätte. Auch das ist „mein“ Beethoven.
Aufzeichnung: Lars von der Gönna

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben