TANZ

Frenetischer Jubel für „b.38“-Ballettabend in der Rheinoper

„b.38“ in Duisburg: Szene aus „Sinfonie Nr. 1“, Choreographie: Remus Şucheană.

„b.38“ in Duisburg: Szene aus „Sinfonie Nr. 1“, Choreographie: Remus Şucheană.

Foto: Gert Weigelt

Duisburg.   Ulenspiegeltänze, Sinfonie Nr. 1; One flat thing, reproduced: Besucher von „b.38“ in der Oper am Rhein erleben einen abwechslungsreichen Abend.

Im zehnten Schläpfer-Jahr sind wir in der Rheinoper mit dem neuen Ballettabend (wieder ein Dreiteiler) bei „b.38“ angekommen. Gespannt war man, welchen Reim sich Martin Schläpfer, der in dieser Saison seine erste Uraufführung präsentiert, auf Till Eulenspiegel macht.

Das Sujet liegt seit Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“ in der Luft. Doch erscheint der spätmittelalterliche Hofnarr, der bei Kehlmann in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges agiert, in Schläpfers Tanzstück „Ulenspiegeltänze“ nicht persönlich. Zwar mischen sich häufig kuriose Gestalten in die überwiegend romantische Szenerie mit akademischen tanzenden Paaren und Solisten: Sie passen ganz gut zu Prokofjews siebter, letzter Sinfonie, in der sich der Tondichter fast wehmütig an Klassik und Romantik zurückerinnert. Doch sind es mehrere Tills (oder „Tylls“?), die die akademischen Posen der Ballett-Kompanie stören, aufbrechen und am Ende, als ein Stalin-Porträt kurz aufflackert, die Zuschauer mit mahnenden Fragen zurücklassen. Die Anspielung an Weisheit und Weitsicht, die der Eule in der Mythologie zugeschrieben werden, ist unübersehbar.

Riesen-Eule im Wald aus Schnüren

Die Atmosphäre ist romantisch märchenhaft. Auch das Bühnenbild von Keso Dekker. Als Videoprojektion thront eine Riesen-Eule mitten in einem abstrahierten Wald aus Schnüren. Sie blinzelt mit einem Auge, fliegt davon und zieht einen Vogelschwarm mit sich. Ebenso romantisch Schläpfers Choreographie, die Kraft und Schönheit der hohen Danse d’Ecole vorführt. Besinnt sich Schläpfer, der ab 2020 ja den Tanz-Geschmack des Wiener Publikums bedienen muss, damit auf seine Wurzeln? Neoklassisch sind nur noch die bemalten Trikots und die anfangs in sich gekehrten Wesen. Insgesamt entsprechen aber Posen, Schrittfolgen, Sprünge und Hebungen rein akademischer Technik, nach der sich zahlreiche Ballettfans lange gesehnt haben. Ein Beweis dafür, dass hintergründige Botschaften, wie die der Eule, sich wunderbar mit klassischer Tanz-Magie verbinden lassen. Und berühren.

Konventionell in der Machart indes das Antikriegs-Ballett, das Remus Sucheana mit Rachmaninows „Sinfonie Nr. 1“ präsentiert. Junge Paare eilen in fließenden Bewegungen und neoklassischen Liebes-Pas-de-deux. Sie werden in düsterer Kulisse (Bühne: Darko Petrovic) bedroht von Soldaten. Zunächst im Hintergrund, dann dringen sie in maschinellen Marsch-Bewegungen in die Idylle, trennen Männer von ihren Frauen. Später kehren sie mit einem Trauerflor zurück. Im letzten Satz stehen Militär und Zivilbevölkerung nebeneinander und fahren, in Reih und Glied, zur Hölle. Trotz einiger starker Szenen hinterlässt das wenig originelle Handlungsballett einen schalen Nachgeschmack. Warum Rachmaninows 1. Sinfonie erklingt? Das wissen die Götter.

„One flat thing, reproduced“

Am Modernsten in b.38 erscheint das kurze, intensive, extrem nervöse Stück „One flat thing, reproduced“, das William Forsythe vor 20 Jahren kreierte. Mit, über und unter zig Tischen reiben Jugendliche ihre Körper. Zu Geräuschen von knarrenden, knackenden und brechenden Eisbergen (Musik: Thom Willems) gleiten, rutschen und testen sie die Biegsamkeit ihrer Körper bis zum Anschlag aus. Die Belohnung: frenetischer Jubel.

Weitere Aufführungen: 23. Februar; 17., 20. März; 28. April. Infos und Karten: www.operamrhein.de

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