Ausstellung

Friedrich Engels, der Revolutionär und Kapitalist aus Barmen

Bronze-Statue Friedrich Engels von Gerhard Thieme um 1970 In der Sonderausstellung „Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa“ in der Kunsthalle Barmen.

Bronze-Statue Friedrich Engels von Gerhard Thieme um 1970 In der Sonderausstellung „Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa“ in der Kunsthalle Barmen.

Foto: Michael Gottschalk / FFs

Wuppertal.  Eine Schau in der Kunsthalle Barmen zeigt den großen Sohn Wuppertals, der vor 200 Jahren geboren wurde, als politischen Analytiker und Menschen.

Am Ende seines fast 75 Jahre währenden Lebens vermachte der kinderlos gebliebene Friedrich Engels sein Vermögen, das nach heutigen Maßstäben 2,8 Millionen Euro betrug, den Töchtern von Karl Marx oder deren Erben. 1000 Pfund gingen an die SPD – und die Familie wurde gehässig mit einem Ölbild abgespeist. Eine Revanche. Denn als Engels’ Vater Friedrich senior gestorben war, hatten seine Brüder das Erbe unter sich aufgeteilt.

Mit 48 Jahren ausgesorgt

Familienbande, auch für Friedrich Engels ein schillerndes Wort. Im Barmener Bruch des engen Wuppertals im November 1820 als Fabrikantensohn zur Welt gekommen, ging ihm mit seiner Kaufmanns-Lehre (in die ihn der Vater noch vor dem Abitur gedrängt hatte) im eher weltoffenen Bremen das ein oder andere Licht auf. Von dort aus schrieb er unter Pseudonym („Friedrich Oswald“) für das Stuttgarter „Morgenblatt“, den „Telegrafen“ des aufsässigen jungdeutschen Intellektuellen Karl Gutzkow oder die liberal-fortschrittliche Augsburger Allgemeine, für die auch Heine schrieb. Wie dessen „Reisebilder“ zeichneten auch Engels’ „Briefe aus dem Wupperthal“ vor dem Hintergrund der geschilderten Landschaft das geistige, mentale Porträt ihrer Bewohner. Engels geißelte den Zusammenhang zwischen Fabrikantenreichtum und Arbeiterarmut, aber auch den Pietismus und seine Prädestinationslehre (der zufolge die Auserwählten Gottes am irdischen Reichtum zu erkennen seien), die gefühlsselige Frömmelei und den ehrgeizigen Fleiß seiner vielen Anhänger in Barmen und Elberfeld.

Sich selbst karikierte Engels, wie er im Comptoir seines Lehrherren, der mit Stoff, Kaffee und Tabak handelte, eine Hängematte spannte, um darin selig eine Zigarre zu schmauchen. Zum Genuss begabt blieb er zeitlebens. Konnte aber auch arbeiten, war als Geschäftsführer und Teilhaber der Nähgarnfabrik Ermen & Engels so erfolgreich, dass er ab 1869, noch vor dem 50. Lebensjahr, von Aktienerträgen, Renditen und Zinsen leben und sogar noch die vielköpfige Familie Marx unterstützen konnte.

Augenzeuge des „Manchester-Kapitalismus“

All dies blättert nun bis zum 20. September in Wuppertal, das den 200. Geburtstag seines Sohns mit einem Engelsjahr würdigt, eine Ausstellung auf: „Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa“ in der Kunsthalle Barmen, betitelt nach dem ersten Satz des „Kommunistischen Manifests“, das Engels 1848 gemeinsam mit Karl Marx verfasste und dessen erste Original-Seite der Handschrift die Ausstellung zeigen wird, sobald die Kostbarkeit aus Amsterdam eingetroffen ist.

Anschaulich illustriert die Ausstellung die Lebensumstände des jungen Engels als Großbürgersohn, mit Musikinstrumenten, Familienporträts, einer Balkenwaage für Baumwollstoffe oder Modellen der Engels-Wohnhäuser in Wuppertal. In einem von ihnen befindet sich ja das Engels-Museum, das restauriert wird und zum Geburtstag am 28. November wieder öffnen soll. Selbst das Taufkleid des kleinen Friedrich ist zu sehen, das in der Familie bis auf den heutigen Tag in Gebrauch ist, dutzende Male.

Seine großen Lieben: Erst Mary, dann Lizzie Burns

Nach der Lehre in Bremen leistet Engels den Militärdienst in Berlin ab und besucht hier Vorlesungen an der Universität, beschäftigt sich mit Philosophie, vorwiegend der angesagten Hegelschen Schule. Seine Lehrzeit setzt er dann 1842-44 bei der Firma Ermen & Engels in Manchester fort, die zur Hälfte seinem Vater gehört, und dokumentiert seine Erfahrungen mit dem „Manchester-Kapitalismus“ in der soziopolitischen Analyse „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (hier glänzt die Ausstellung mit historischen Fotos aus der britischen Stadt).

Frau Marx sagte nur spitz „Mätresse“

1842 hatte Engels bei der „Rheinischen Zeitung“ in Köln Karl Marx kennengelernt, mit dem er 1500 Briefe wechseln wird, auch wenn sie ab 1870 beide in London lebten. Als Revolutionäre scheiterten Marx und Engels 1848/49, aber ihren durchschlagenden Erfolg als Gesellschaftstheoretiker bremste das nicht. Die Wuppertaler Ausstellung zeichnet auch diesen Weg sorgfältig nach und lässt zugleich den privaten Engels zu Bild und Wort kommen: Ein Gutteil des Wissens über die Arbeiterklasse hatte er von seiner Langzeit-Geliebten, der irischen Arbeiterin Mary Burns, die er in Manchester kennengelernt hatte.

Die Analphabetin war intelligent und politisch engagiert, ein echtes Gegenbild zu jenen bürgerlichen Frauen, die Engels zufolge in der Ehe vom Mann genauso ausgebeutet wurden wie das Proletariat von der Bourgeoisie. Engels idealisierte seine Geliebte zur neuen Frau, weshalb sich Marx’ Frau Jenny, eine geborene von Westphalen, weigerte, Engels „Mätresse“, wie sie Mary Burns nannte, auch nur vorgestellt zu werden. Für sie und ihre Schwester Lizzie (die nach Marys plötzlichem Tod 1863 seine Geliebte wurde) mietete Engels unter falschem Namen preiswerte Wohnungen in Manchester und später in London an; für eine offene Beziehung war der Revolutionär und Kapitalist wohl doch noch zu sehr den Sitten der alten Gesellschaft verhaftet.

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