Kunstausstellung

Geflohen aus Afghanistan, Praktikant im Lehmbruck-Museum

Rachimi Gull Agha vor dem Text, mit dem der Konzeptkünstler Jochen Gerz die Glasfassade des Duisburger Lehmbruck-Museums beschriftet hat.

Rachimi Gull Agha vor dem Text, mit dem der Konzeptkünstler Jochen Gerz die Glasfassade des Duisburger Lehmbruck-Museums beschriftet hat.

Foto: Marit Langschwager

Duisburg.   „Ich bin Arbeiter und kein Soldat!“ Also floh Rachimi Gull Agha aus dem afghanischen Faryab. Der Praktikant im Lehmbruck lernt vehement Deutsch.

Über zehn Jahre lang hatte er Getreide gesät und Schafe gehütet, draußen, in der Natur, wie die ganze Familie. Zeitweise zogen sie mit 1000 Tieren umher, mal in seiner Heimat Faryab im viel umkämpften Norden Afghanistans, mal im Iran, in den sie geflohen waren. Immer waren sie froh, wenn es regnete, weil die Schafe dann etwas zu fressen hatten und endlich auch der Staub aus der Luft war, der immer alles verdreckt hatte. Und dann kamen die Taliban, auf Motorrädern, und wollten Rachimi am Gewehr ausbilden und ihm die Technik von Groß-Waffen beibringen. Sie schlugen ihn und bestellten ihn in ihr Lager. Rachimi sagte zu. Und ist sofort geflohen, über den Iran, die Türkei und das Meer, für viel Geld, das er gespart hat.

„Ich bin ein Arbeiter und kein Soldat!“, sagt Rachimi Gull Agha, 28 Jahre alt, verheiratet, ein Sohn, Zina, drei Jahre alt. Einer seiner Brüder, „er war sehr stark und fleißig“, wurde von den Taliban mit der Kalaschnikow erschossen.

Deutsch ist die erste und einzige Sprache, die Rachimi lesen und schreiben kann. In Afghanistan ist er nie zur Schule gegangen. Die deutschen Wörter für Kleidung hat er noch gelernt, ohne schreiben zu können; dann brachte ihm ein junger Mann in der Flüchtlingsunterkunft die Buchstaben bei, danach hat er viel durch Videos im Internet gelernt. „Es war mir peinlich, jedesmal zum Dolmetscher gehen zu müssen.“ Und den sechsmonatigen Integrationskurs besucht, jetzt weiß er, was die Nachbarländer von Deutschland sind, mit wem es einst im Krieg lag, wer die Kanzlerin und wo der Bundestag ist und wann die deutsche Teilung war. Jetzt versucht er mit Zeitunglesen dranzubleiben.

Dass er nie eine Schule besucht hat, ist jetzt in Deutschland sein Problem. Den Schulabschluss, den er für eine Ausbildung braucht, möchte er noch nachholen: „In Deutschland musst du eben Papiere haben.“ Rachimi jobbt bei McDonald’s. Wenn er frei hat, geht er gern ins Lehmbruck-Museum, wo er Praktikant bei der Jochen-Gerz-Ausstellung „The Walk“ ist. Er hat allerdings auch schon jahrelang im Straßenbau gearbeitet und täte das auch wieder, würde aber eigentlich gern eine Ausbildung zum Verkäufer oder zum Elektriker machen.

Von der Kunst im Lehmbruck-Museum hat Rachimi vor allem das Soldatenlager „Krieg“ von Duane Hanson gefallen, eine lebensechte Szene, die 1967 gegen den Vietnamkrieg protestieren sollte. An Deutschland mag er, der im Fernsehen gern Liebesfilme sieht, gern kocht und ins Fitnessstudio geht, dass viele Menschen pünktlich sind und „sich an die Regeln halten. Deshalb ist es hier auch viel leichter, Auto zu fahren.“

Und es gibt gar nichts, was ihm an Deutschland nicht gefällt? Er zögert lange. Und dann sagt er doch: „Man braucht für alles viele Papiere, viele Kopien.“ Aber das lässt sich verschmerzen, oder? „Ja sicher“, lächelt Rachimi traurig, „wenn nicht meine Eltern in Afghanistan wären ich würde nie wieder dorthin wollen.“

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