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Gesicht der Selbstüberschätzung: Natalie Portman als Popstar

Natalie Portman als Pop-Star Celeste in „Vox Lux“

Natalie Portman als Pop-Star Celeste in „Vox Lux“

Foto: Kinostar

Essen.  Neu im Kino: „Vox Lux“ mit Natalie Portman zeigt den Pop als bornierte Branche, die zynisch Gewinn aus Schicksalsschlägen und Katastrophen zieht.

Eigentlich sollte es ihr großer Tag werden. Mit einem neuen Album, ihrem sechsten, und einem spektakulärem Konzert in ihrer Heimatstadt wollte Pop-Star Celeste ein triumphales Comeback starten. Da kommt die Nachricht, dass i

slamistische Terroristen bei einem Anschlag in Kroatien Masken getragen haben, die aus einem ihrer Musikvideos bekannt sind – und das Drama nimmt seinen Lauf. Solche Schlagzeilen kann sie gar nicht gebrauchen. Also versucht die von Natalie Portman gespielte Sängerin, den Schaden durch eine Pressekonferenz zu begrenzen. Und verkündet, dass die Terroristen aufhören sollten, an einen Gott zu glauben, den es nicht gibt – und stattdessen an Celeste, denn sie sei „der neue Glaube“.

In der Welt, die Brady Corbet in seinem zweiten Spielfilm „Vox Lux“ porträtiert, ist dieser Satz vollkommen schlüssig. Eine eher mittelmäßige Sängerin, die sich die Songs von ihrer älteren Schwester Eleanor (Stacy Martin) schreiben lässt, feiert sich selbst als neue Göttin. Genau so funktionieren Popkultur und Politik unserer Zeit. Man könnte ja auch an den amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten denken.

Schauspieler bei Michael Haneke und Lars von Trier

Brady Corbet, der als Schauspieler mit Regisseuren wie Michael Haneke und Lars von Trier, Bertrand Bonello und Olivier Assayas zusammengearbeitet hat, blendet in „Vox Lux“ zwar die politischen Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre aus. Sein Blick konzentriert sich auf die Popindustrie, die Stars und Monster erschafft; aber unterschwellig sind die Verbindungen zwischen Politik und Popkultur in den so düsteren wie körnigen Bildern seines Films immer präsent.

Ein Schulmassaker macht die gerade mal 14-jährige Celeste im Jahr 2000 zu einem Teenie-Star. Sie hat den Amoklauf eines ihrer Mitschüler schwer verletzt überlebt und ihre Erfahrungen gemeinsam mit Eleanor in einem Lied verarbeitet. Als sie diesen Song während einer Gedenkveranstaltung für die getöteten Schülerinnen und Lehrer vorträgt, erobert sie die Herzen Amerikas im Sturm. Für die Plattenaufnahme muss sie nur ein „Ich“ gegen ein „Wir“ austauschen, und schon hat sie ihren ersten Hit.

Aus dem Mädchen wird eine monströse Kunstfigur

Pop ist in Brady Corbets Augen nichts als ein Geschäft. Und was lässt sich besser vermarkten als die Geschichte eines jungen Mädchens, das einen ebenso schrecklichen wie sinnlosen Akt von Gewalt überlebt hat? Dass die junge von Raffey Cassidy verkörperte Celeste schon bald ihre Unschuld und damit auch ihren so gut vermarktbaren Glauben an Gott verliert, sollte niemanden überraschen. So wird aus dem schüchtern wirkenden Mädchen eine monströse Kunstfigur, deren Karriere auch 17 Jahre später noch von Gewalt und Tragödien begleitet wird.

Brady Corbet lässt keinen Zweifel daran, dass die Musik- und Unterhaltungsindustrie auf zynischste Art Gewinn aus privaten Schicksalsschlägen und nationalen Katastrophen schlagen und dass die Öffentlichkeit dieses Spiel bedenkenlos mitspielt. Dennoch erschöpft sich „Vox Lux“ längst nicht nur in satirischen Angriffen und wohlfeilen moralischen Attacken. Corbet und Natalie Portman, die Celeste hemmungslos überzeichnet und ihr zugleich eine verstörende Verletzlichkeit verleiht, gelingt eine eindrucksvolle Gratwanderung. Sie beklagen den Wahnsinn, der unsere Zeit überschattet, und vergessen doch nie, dass auch sie Teil des Systems sind.

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