ESSAY

Hannah Arendts „Freiheit, frei zu sein“ ist aktuell wie nie

Hannah Arendt hat in ihrem Essay formuliert, was Freiheit ausmacht.

Foto: Verlag

Hannah Arendt hat in ihrem Essay formuliert, was Freiheit ausmacht. Foto: Verlag

Essen.   Über Kriege und Revolutionen: Hannah Arendts Essay „Die Freiheit, frei zu sein“ aus den 1960er-Jahren liegt jetzt erstmals auf Deutsch vor.

Wie wahr: Militär-Interventionen „haben sich, selbst wenn sie erfolgreich waren, oft als bemerkenswert wirkungslos erwiesen, wenn es darum ging, wieder für Stabilität zu sorgen und das Machtvakuum zu füllen. Selbst ein Sieg, so scheint es, ist nicht in der Lage, Stabilität an die Stelle von Chaos, Integrität an die Stelle von Korruption, Autorität und Vertrauen in die Regierung an die Stelle von Verfall und Auflösung zu setzen.“ Was sich liest wie eine punktgenaue Analyse des gescheiterten „Nation Buildings“ mit militärischen Mitteln von Somalia über Irak bis Afghanistan, ist in Wahrheit fünf Jahrzehnte alt. Hannah Arendt, die große politische Theoretikerin, hat diese Gedanken um das Jahr 1967 herum aufgeschrieben, in einem Essay, dem ihr Assistent und Freund Jerome Kohn den Titel „Die Freiheit, frei zu sein“ gab, als er ihn in Arendts Nachlass fand und im Sommer 2017 im Internet veröffentlichte.

Neu entdeckter Essay als Appetitanreger

Im Gegensatz zu aufgepfropften Regimes, folgerte Hannah Arendt seinerzeit weiter, wohne „bewusst gebildeten neuen Körperschaften ein enormes Potenzial für künftige Stabilität inne“. Schon hier macht sich bemerkbar, dass sie ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen am Ideal der geglückten Amerikanischen Revolution von 1775/76 orientiert, die sie immer wieder mit der entgleisten und in Napoleons Diktatur mündenden Französischen Revolution kontrastiert. Arendt arbeitet zwei Aspekte heraus: die stärkende Rolle des Stolzes, der in einer Revolution mit dem Bewusstsein entsteht, etwas radikal Neues zu beginnen; und dass Freiheit grundsätzlich nur unter Gleichen möglich ist. „Wo Menschen in wirklich elenden Verhältnissen leben“, kenne man, so Arendt, die „Leidenschaft für die Freiheit nicht“; so dass „die Freiheit, frei zu sein, zuallererst bedeutete, nicht nur von Furcht, sondern auch von Not frei zu sein.“

Dieser neu entdeckte Essay kann letztlich aber nur ein Appetitanreger sein; den Hunger stillt man am besten mit Arendts großen Darstellungen „Über die Revolution“ und „Vita Activa“.

Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. dtv, 64 S., 8 €.

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