Ruhrtypen

Heino-Schlager und Ruhrgebiets-Melancholie

Wolfgang Neukirchners Peripherie-Blick aus den 60er-Jahren.  

Foto: Wolfgang Neukirchner

Wolfgang Neukirchners Peripherie-Blick aus den 60er-Jahren.  

Essen.   Tausendsassa Wolfgang Neukirchner – Kabarettist, Richter und Hitlieferant – fotografierte das Ruhrgebiet, bevor es sich strukturwandelte

Für Menschen, die das Leben gerne in Schubladen verwalten, muss Wolfgang Neukirchner eine echte Herausforderungen gewesen sein. Morgens Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, nach Feierabend Hitlieferant für Heino, Paul Kuhn und Ralf Bendix. Dass einer, der unter Pseudonym Schlager wie „Blau, blau, blau blüht der Enzian“ und „Caramba, Caracho ein Whiskey“ schreibt, Musik gleichzeitig auch in melancholisches Moll tunken kann und dazu noch die passenden Bilder findet, das belegen nun Neukirchners Ruhrgebietsfotografien im Rundeindicker der Essener Welterbezeche Zollverein. „Sie sind so leer, die Straßen“, so der Ausstellungstitel nach der gleichnamigen Zeile eines Songtexts, vereint Zeit-, Foto- und die faszinierende Lebensgeschichte dieses Tausendsassas, der sich von Kunst und Musik nie wirtschaftlich abhängig machen wollte, auch wenn sie am Ende höchst einträgliche Einnahmequelle wurden.

Zwischen Aufbruch und Krise

Mit den „Amnestierten“, dem Studentenkabarett der Nachkriegszeit, das Kollegen wie Hüsch und Hildebrandt Vorbild ist, schlägt Neukirchner nach dem Zweiten Weltkrieg anfangs ganz andere Töne an. „Wenn du literarisches Kabarett kannst, dann kann du auch Schlagertexte“, findet aber sein alter Schulfreund Ralf Bendix, dem Neukirchner mit dem Schwabenhit „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ die Karriere ebnet. Paul Kuhn wird ein weiterer Mitstreiter des Essener Multitalents. 1957 schreiben sie jenen melancholischen Song, der Neukirchner Jahre später zu einer Spurensuche der besonderen Art animiert.

Die gut zwei Dutzend Schwarzweiß-Fotografien in der kleinen feinen Ausstellung im Rundeindicker der Welterbezeche sind wie so vieles in Neukirchners kreativem Leben – ein Experiment. 1965 zieht er an zwei Herbstwochenenden mit der Retina-Kamera los. Ein Autodidakt mit Gespür für Atmosphären, für Stimmungsbilder jenseits der Postkarten, für das Verlorene und Entrückte der Zeit zwischen wirtschaftlichem Aufbruch und ersten Anzeichen der Kohlekrise.

Da lebt das Musikerkind mit Familie zwar längst im wohlsituierten Bredeney, wo Heino sonntags zum Kaffee vorfährt, um neue Arrangements für Hitparadeerfolge wie „Komm in meinen Wigwam“ auszutüfteln. Von den Orten seiner Kindheit, die er bei den Großeltern in Altenessen verbringt, kommt Neukirchner aber nicht los. Immer wieder zieht es ihn an die Ränder des Reviers. Diese tristen, verlassenen Orte zwischen Halde und Hinterhof sind seine Sehnsuchtsorte, lebenslang. Die Fotoexkursion in die Peripherien von Essen, Oberhausen und Gelsenkirchen aber bleibt ein einmaliger Versuch. Der Theo Grütter, den Direktor des Ruhr Museums, aber sofort überzeugt hat. „Diese Fotos sind das Ruhrgebiet, sie vermitteln eine große Vertrautheit.“

Neukirchner zeigt die Orte ungeschönt und doch voller leiser Poesie, tiefer Zuneigung. Aufgerissene Straßen, in denen die Pfützen die Spiegelfläche für all das sind, was der Krieg übrig gelassen hat. Verlassene Plätze und Trümmergrundstücke, Wildwuchs entlang der Gleise der Köln-Mindener-Eisenbahn und die trocknende Wäsche vor den Hüttenwerken Oberhausen.

Für Manuel Neukirchner, der die Bilder seines Vaters eher zufällig im Keller der Eltern entdeckt hat, sind es Stimmungsbilder, die zu Symbolbildern des gewandelten Ruhrgebiets wurden, unbeabsichtigt. „Mein Vater hat auch gemalt, Super-8-Filme gedreht und Hörspiele für uns Kinder aufgenommen“, erzählt, der Gründungsdirektor des Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, der die Ausstellung als Hommage an seinen Ende 2017 verstorbenen Vater versteht.

2018, im Abschiedsjahr von der Steinkohle, kann man Wolfgang Neukirchners Bilder als kontrastierende Ergänzung zu den zeitgleich präsentierten Zechen-Bildern von Josef Stoffels aus den 50ern sehen. Während Stoffels noch den wirtschaftlichen Boom, die „Tempel der Technik“ dokumentiert, entdeckt der fotografierende Jurist das Lebensgefühl eines Landstrichs, in dem auch die Melancholie von magischer Anziehungskraft sein kann.

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