Klassik

Hélène Grimaud liebt deutsches Fernsehen

Hélène Grimaud

Hélène Grimaud

Foto: Universal Music

Essen  Die Pianistin Hélène Grimaud, Gast des Klavier-Festivals Ruhr, plaudert über ihre Liebe zum deutschen Fernsehen, Tiere – und Entblößungen

Eine Französin mit Liebe zur deutschen Sprache? Hélène Grimaud macht aus ihrem Faible für deutsche Begriffe, Sätze und Redewendungen keinen Hehl: „Das Deutsche ermöglicht einen viel tieferen und reflektierteren Blick in die Tiefen der Worte als andere Sprachen“, begeistert sich die 49-Jährige. Vor ihrem Dortmunder Auftritt beim Klavier-Festival Ruhr hat Christoph Forsthoff mit der gefeierten Pianistin gesprochen.

Konzerte bedeuten immer auch Anspannung – wie entspannen Sie sich denn?

Grimaud: Am liebsten mit Tieren – da kann ich abschalten und ganz den Moment erleben. Das ist meine große Geheimwaffe (lacht) – wobei das auf Tournee natürlich nicht so gut möglich ist, insofern zappe ich mich dann manchmal durchs TV-Programm. Zumal in Deutschland, ich liebe das deutsche Fernsehen, es ist wundervoll!

Wundervoll?

Ich finde es sehr unterhaltsam und liebe die Tier-Sendungen, die es hier in den öffentlich-rechtlichen Programmen gibt. Dazu die Natur- und Wissenschaftssendungen. Insofern zappe ich mich in Deutschland immer gern durch die Programme und hoffe, Elefanten, Tiger und Co zu entdecken (lacht).

Haben wir Menschen im Vergleich zu Tieren die Fähigkeit verloren, den Augenblick zu leben?

Davon bin ich überzeugt – und auf unterschiedliche Weise versuchen wir ja auch, dies wieder zu erlangen. Denn wir Menschen fühlen sehr wohl, dass uns da etwas fehlt.

Müssten wir uns also Tiere viel mehr zum Vorbild nehmen?

(lacht)Das könnte ganz sicher nicht schaden. Und wir sollten zudem unserer Intuition größere Aufmerksamkeit schenken, denn die Intuition ist das tierische Erbe in uns – und zu oft kehren wir diese unter den Teppich, weil sie uns zu unbequem ist oder unser schönes Lebenskonzept stört. Würden wir dieser Intuition wieder mehr Aufmerksamkeit schenken, dann hätten wir schon einiges gewonnen.

Doch zur Musik: Treten Sie lieber mit Orchester auf oder solistisch wie jetzt in Dortmund?

Viele Jahre waren Recitals mir zu einsam. Hinzu kommt diese Erregung, die ein Auftritt mit 80 anderen Musikern mit sich bringt – vor allem wenn die Chemie stimmt. Doch als ich vor Jahren mit meinem Bach-Programm begann, habe ich auf einmal auch meine Liebe für das Recital wieder entdeckt…

Schätzen Sie als Solistin die Freiheit?

Natürlich. Doch manchmal – das klingt paradox – erreicht man die größte Freiheit, wenn man Kompromisse eingeht. Es ist dieser schmale Grat: einerseits sich selbst treu zu bleiben, doch andererseits offen zu sein für Neues und so den eigenen Horizont zu erweitern.

Sie sprechen sehr offen über Persönliches, so wie Sie in Ihrem Buch „Wolfssonate“ dem Publikum einen tiefen Blick in Ihre Seele erlauben – haben Sie nie gefürchtet, in der Öffentlichkeit schutzlos dazustehen?

Nein – denn jeder, der mich auf der Bühne erlebt, erfährt weit mehr von meiner Seele als derjenige, der meine Bücher liest. Über Worte kann ich immer eine Distanz schaffen. Und es ist nicht so einzigartig, als dass sich nicht viele Menschen in den Texten wiederfänden: Für mich ist es weit weniger subjektiv als wenn ich musiziere.

Auf der Bühne entblößen Sie sich also weit mehr?

Absolut – wer Musik macht, öffnet sich viel mehr und ist weitaus verwundbarer.

Hélène Grimaud, die Preisträgerin des Klavier-Festivals Ruhr 2015, gastiert am Freitag, 24. Mai (20 Uhr), mit Musik von Debussy, Satie, Chopin, Schumann und Valentin Silvestrov im Dortmunder Konzerthaus. Karten (ab 24,50 €) gibt es bei allen bekannten Vorverkaufsstellen, unter www.ruhrticket.de und Tel. 0201 / 804 60 60.

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