Literatur

Hölderlin, das Genie im Wahn, zerbrach an hohen Idealen

Friedrich Hölderlin, gezteichnet von Franz Karl Hiemer 1792.

Friedrich Hölderlin, gezteichnet von Franz Karl Hiemer 1792.

Foto: Culture Club / Getty Images

Essen.  Oden, Hymnen, Katastrophen: Heute vor 250 Jahren kam Friedrich Hölderlin zur Welt, und er stürzte ab von den Gipfeln der Literatur.

Fast vierzig Jahre lang lebte Friedrich Hölderlin in „geistiger Umnachtung“, wie es hieß, im Tübinger Turm einer Tischlerfamilie, der schon zu Lebzeiten des Dichters eine vielbesuchte Touristenattraktion wurde, obwohl ihn seine Pflegefamilie Zimmer eher liebevoll abzuschirmen versuchte von allem, was ihn aufregte, „enervirte“.

Der Wahnsinn – Verstellung oder Verzweiflung?

Ob der Wahnsinn wirklich nur Verstellung war, um einer politischen Verfolgung als jakobinischer Revolutionsfreund zu entgehen, wie der Germanist Pierre Bertaux in seiner großen Hölderlin-Biografie Ende der 1970er-Jahre akribisch zu beweisen versuchte, indem er alle Dokumente der Geisteszerrüttung gegen den Strich las? Oder waren es nicht doch eher die großen Enttäuschungen seines Lebens, die blutige Wendung der einst so hoffnungsvoll begrüßten Französischen Revolution und die ernüchternde Banalität des bürgerlichen Lebens? Oder war es doch die ebenfalls so hochfliegende und dann gescheiterte Liebe zur Susette Gontard, deren Mann Hölderlin als Haus-Erzieher der Frankfurter Bankiersfamilie sofort entließ, als er vom Verhältnis der beiden erfuhr?

Der 1770 im schwäbischen Lauffen geborene Hölderlin, der noch als Kind erst den leiblichen und dann den Stiefvater verlor, bekam auch später im idyllischen Nürtingen an der Neckarsteige sowie in den Klosterschulen von Denkendorf und Maulbronn die beste Bildung, wie es in der Pfarrers-Dynastie seiner Mutter üblich war. Schon früh beklagte Hölderlin allerdings die geistige wie örtliche Enge der Klosterschulen.

Eklat mit Goethe – „Hölterlein“

Auf der Tübinger Universität, wo er als Stipendiat mit dem gleich alten Friedrich Wilhelm Hegel und dem frühreifen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling zwei spätere Großmeister der Philosophie zu Stubengenossen hatte, hatte sich Hölderlins Denken entfaltet und sein Freiheitsdurst, an den Schriften seines Landsmanns Friedrich Schiller zumal, gestillt.

Schiller verschaffte Hölderlin denn auch eine Erzieherstelle und lud ihn nach Weimar ein, wo es sich der junge Mann gleich beim ersten Treffen mit Goethe verdarb: Zu Gast bei Schiller, hatte der den Geheimrat beiläufig vorgestellt, aber Hölderlin verstand den Namen nicht und hatte nur Augen und Ohren für Schiller; als der kurz den Raum verließ, fertigte Hölderlin den anderen Gast kühl und barsch ab, als Goethe mehrmals eine Konversation aufzunehmen versuchte. Der sprach fortan herablassend vom „Hölterlein“. Aber auch Schiller war vom „Subjektivismus“ Hölderlins befremdet, der das Ich so sehr in den Mittelpunkt stellte wie die jungen Romantiker ringsum, die nicht mehr das große Rad der Geschichte drehen wollten wie die antiken-begeisterten Klassiker, sondern lieber an der blauen Blume schnuppern.

Er soll ein schöner Mann gewesen sein

Hölderlin, so wissen wir heute, war einer, der das literarisch Beste beider Welten zu vereinen versuchte – und auch daran zerbrach. Er hatte eine große Begabung, Freundschaften mit vielen Geistesgrößen seiner Zeit zu knüpfen, und soll ein ausnehmend schöner Mann gewesen sein, der „sorgfältig an Kleidung, Benehmen und Sprache erschien“, wie ein Zeitgenosse sich erinnert; Studienkollegen verglichen ihn gar mit dem griechischen Dichtungs- und Musik-Gott Apollon. Aber leicht zerbrachen seine Beziehungen auch wieder; die vielen Erzieher- und Hauslehrer-Stellen, die er annahm, um sich nicht in den von der Mutter gewünschten Pfarr-Beruf drängen zu lassen, währten meist nur Monate. Immerhin führten sie ihn bis in die Schweiz und – zu Fuß – nach Bordeaux.

Er ist fast zu Tode zitiert worden, der arme Hölderlin, auch wenn sein wunderbares, unvergängliches Gedicht von der „Hälfte des Lebens“, das 1805 fast in der Mitte des seinen erschien, bildmächtig und ins Mark treffend zugleich geblieben ist. Und gerade jetzt heißt es auch wieder gern „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“ – und wie vieldeutig wäre dieser Satz erst, wenn man das Gedicht „Patmos“, aus dem es stammt, in Gänze lesen würde, über acht Buchseiten hinweg.

Die Kunst ist erst beim lauten Lesen zu hören

Denn was gegenwärtig auf dieser und den anderen griechischen Inseln vor sich geht, ist das hässliche Gegenteil jener Menschlichkeit, die Hölderlin auf Patmos ansiedelt: „Gastfreundlich“ sei man dort selbst „im ärmeren Hause“, „wenn vom Schiffbruch oder klagend / Um die Heimat oder / Den abgeschiedenen Freund / Ihr nahet einer / Der Fremden“.

Dass es – nicht heute erst – nicht immer leicht fällt, Hölderlin im Ganzen zu lesen, liegt zum einen an seiner Sprache: Sie sucht den hohen Ton, die ungehemmte Begeisterung, als Ausdruck höchster Ideale; und sie bedient sich der Formen jener Antike, in der Hölderlin die Einheit von Mensch, Natur und Göttern erfüllt sah. Oden und Hymnen in antiken Versmaßen, das erforderte manch verdrehten, aufgeschraubten Satzbau, ergab aber eine in deutscher Sprache selten erreichte Rhythmik und Nähe zum Gesang. Bezeichnend, dass eine der neueren Hölderlin-Ausgaben betont: „Für alle Gedichte Hölderlin gilt, dass ihr Kunstcharakter erst beim lauten Lesen offenbar wird“. Wohlan!

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