Kabarett im Fernsehen

Jan Böhmermann und die Satirespiele ohne Grenzen

Jan Böhmermann

Jan Böhmermann

Foto: Sven Hoppe

Essen.   Böhmermann, „Die Anstalt“, „heute-show“: Fernsehsatire zwischen politischer Realität und kritischem Anspruch. Selbstvermarktung inklusive.

Das Verfahren, das der Fernseh-Komiker Jan Böhmermann in deser Woche gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Berliner Verwaltungsgericht verloren hat, war nur die Nachhut eines Werbefeldzugs. Böhmermann wollte pro forma mit der Gerichtsverhandlung erreichen, dass die Bundeskanzlerin ihre Einschätzung, Böhmermanns berüchtigtes „Schmähgedicht“ auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sei „bewusst verletzend“, wieder zurücknehmen muss und diese Behauptung künftig nicht mehr öffentlich wiederholen darf. Da sie das ohnehin längst verspochen hatte, war der Termin eigentlich hinfällig, aber noch einmal eine willkommene Gelegenheit, den eigenen Namen noch einmal in politischen Schlagzeilen unterzubringen. Satire, Politik, Werbung und Unterhaltung sind nicht nur in diesem Fall unheilvoll miteinander verwoben.

Satire hat doch noch eine Wirkung: Paragraf 103!

Lassen wir die Angelegenheit noch einmal Revue passieren. Nach der Verlesung des besagten Schmähgedichts vor genau drei Jahren wurde gegen den Entertainer Böhmermann nach einer sogenannten Strafverfolgungsermächtigung der Bundesregierung ein Verfahren wegen der „Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts“ eröffnet. Die Staatsanwaltschaft Mainz ermittelte wegen dieses Sonderfalls einer Beleidigung, der seit Kaisers Zeiten ein Bestandteil des Bürgerlichen Gesetzbuchs war. Nach einem halben Jahr, im Oktober 2016, schloss die Mainzer Staatsanwaltschaft das Verfahren ab. Böhmermann konnten keine strafbaren Handlungen nachgewiesen werden. Der umstrittene Paragraf 103 des Strafgesetzbuchs, der die Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes in Deutschland unter Strafe stellte, wurde nach einem einstimmigen (!) Beschluss des Deutschen Bundestages gestrichen, seit dem 1. Januar 2018 ist die Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter nicht mehr strafbar. Das kann man einerseits als Beweis für allgemeine Sittenverrohung und zwischenmenschliche Verwahrlosung von Umgangsformen ansehen. Man könnte daraus aber auch ableiten, dass Satire selbst in Zeiten allgemeiner Sittenverrohung und zwischenmenschlicher Verwahrlosung von Umgangsformen immerhin noch Wirkung haben kann.

Fehlende „Schöpfungshöhe" gerichtlich attestiert

Gleichzeitig war aber auch der türkische Präsident Erdoğan zivilrechtlich gegen Böhmermann vorgegangen. Und in diesem Verfahren entschied das Landgericht Hamburg im Februar 2017 gegen Böhmermann. Nach dessen Urteil darf der Entertainer große Teile seines Gedichts weiterhin nicht öffentlich wiederholen. Kläger war auch hier Recep Tayyip Erdoğan, diesmal als Privatperson. Und das Hamburger Oberlandesgericht wies eine Revision von Jan Böhmermann gegen das Verbotsurteil zurück: „Der Senat hält es für zweifelhaft, dass der angegriffene Beitrag als Kunst im Sinne des Grundgesetzes einzustufen ist“, erklärte das Oberlandesgericht. Es fehle an der nötigen „Schöpfungshöhe“: „Satire kann Kunst sein, muss sie aber nicht“, sagte Richter Andreas Buske in seiner Urteilsbegründung und verhehlte nicht, dass er in Böhmermanns Schmähgedicht keinen Kunstcharakter erkennen könne.

Das bestätigt die Vermutung, dass es Böhmermann ohnehin in erster Linie darum gegangen sein könnte, mit seinem Machwerk ein maximales öffentliches Aufsehen zu erreichen und die von ihm ausgelöste Facebook-, Twitter- und sonstige Aktivität sogenannter sozialer Netzwerke auf ein Höchstmaß emporzutreiben.

Was übrigens weiterhin von Böhmermanns Schmähgedicht verbreitet werden darf, sind die Passagen:

„Sackdoof, feige und verklemmt ist Erdoğan, der Präsident. () Er ist der Mann, der Mädchen schlägt und dabei Gummimasken trägt. (…) und Minderheiten unterdrücken (…) Kurden treten, Christen hauen.“

Das ist etwa ein Viertel des ursprünglichen Textes. Wie er vollständig lautet, kann man Internet nach wie vor nachlesen.

Ganz eindeutig ist das mit der Schmähkritik nicht

Eindeutig ein Fall von Schmähgedicht, von Schmähkritik? Ich wäre mir da nicht so sicher. Vor Gericht müssen nämlich der Aussagekern einer Satire und seine künstlerische Einkleidung getrennt behandelt werden. Beide müssen daraufhin überprüft werden, ob sie das Persönlichkeitsrecht verletzen. Sind unwahre Aussagen nicht als fiktive oder karikaturhafte Darstellung zu erkennen, sind diese Aussagen dann auch nicht durch die Meinungsfreiheit geschützt; die Satire kann dann vor allem als „Schmähkritik“ und damit als üble Nachrede verstanden werden, bei der dann wiederum das Persönlichkeitsrecht greift. Von einer Schmähkritik sei aber immer nur dann zu sprechen, so besagt es ein Urteil des Bundesgerichtshofs, wenn bei der Äußerung nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund stehe, wenn also nicht mehr polemische und überspitzte Kritik zu erkennen ist, sondern nur noch persönliche Herabsetzung, mit der ein Mensch „gleichsam an den Pranger gestellt werden soll“.

Gerade das mehr oder minder satirische Stilmittel der Herabwürdigung, der Beschimpfung von Politikern und der Versuch, sie der Lächerlichkeit preiszugeben, wie es in der Fernseh-Satire gang und gäbe geworden ist, wurde aber jüngst nun zur Zielscheibe des Philosophen und Publizisten Christian Schüle, der im Deutschlandfunk den Niedergang der Satire beklagte: „Einst“, heißt es da, „war Satire Herrschafts- und Gesellschaftskritik auf doppeltem Boden, mutig, aufklärerisch, emanzipatorisch. Heute ist Satire teils platter Boulevard, teils politisierter Gesinnungsmoralismus und oft genug vulgäre Massen-Unterhaltung: Alltags-Schmunzeleien mit Genital-Humor gern unterhalb der Beschämungsgrenze.“ Schüle macht in seinem Rundfunkbeitrag verschiedene Arten von ebenso aktueller wie schlechter Satire aus, die „espritbefreite Alltagsgeschichten-Verlaberung etwa“, mit der die Arbeit einer ganze Reihe von Komikern zwischen Olaf Schubert und Karolin Kebekus gemeint ist. Die Alternative im aktuellen Satire-Hand- und Mundwerk besteht laut Schüle in der „krassen Schmähkritik“, und das sei eher ein eitles Spiel mit der Persönlichkeitsverletzungsgrenze. Wenn Gerichte klären müssen, wo die Grenze der Kunstfreiheit verläuft, ist es schon keine gute Satire mehr.“ Und was sieht Schüle sonst noch? Nun, etwa „Bloßstellungsentertainment wie in der ,heute-show‘. Die heute so leichthändig auf Verletzung, Herabsetzung und Anklage angelegte Polit-Satire ist Teil des Problems, das sie zu attackieren vorgibt. Sie ist selbstgerecht, nicht entlarvend. Sie ist moralisch durchtränkt und ideologisch holzschnittartig, keineswegs aber im Tiefsinn verstörend. Sie regt nicht zum nachhaltigen Nachdenken an, sondern denkt alles flach. Sie ist ein gefälliger Akteur der Abwertung im allgemeinen Boulevard-Spektakel.“

Idealvorstellungen und die Realität der 80er-jahre

Schüle aber sehnt sich nach „klugem Kabarett und kunstvoller Satire“, sie wären „wichtige Mächte einer Kritik, deren steter Tropfen Subversion alle schwerfälligen Steine höhlte.“ Das allerdings ist eine sehr idealistische, ja geradezu idealisierende Vorstellung von Satire, dass sie nämlich wie das berühmte „weiche Wasser den Stein“, also die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie beklagt, tatsächlich auf die Dauer verändert.

Dann gehen wir doch einmal zurück in die 80er-Jahre, zu einem Kabarettisten und Kleinkünstler, der eigentlich genau jene Ideal-Voraussetzungen mitbringt, von denen Christian Schüle heute nur noch zu träumen können glaubt und den er selbst auch beispielhaft nennt, neben Dieter Hildebrandt. Ich erinnere aber daran, dass schon Hanns Dieter Hüsch in seinem wohl besten Programm „Und sie bewegt mich doch“ über den Kleinkünstler als "Missständebeseitiger" gespottet hat.

Volker Pispers und das Kabarett als „Ablass-Handel“

Allerdings, und so weit stimmen Christian Schüles Beobachtungen mit der Wirklichkeit überein, haben ausgerechnet jene Kabarettisten, die Hüsch und Hildebrandt am ehesten das Wasser reichen konnten, also etwa Georg Schramm, Volker Pispers und Bruno Jonas, inzwischen die Segel gestrichen, ihren Rücktritt erklärt oder eine unbefristete Pause eingelegt. Alle drei allerdings, so muss man vielleicht einschränken, hatten ihre stärksten Auftritte in der Regel gerade nicht im Fernsehen, sondern live auf der Bühne. Und sie waren es vielleicht sogar leid, als ein solcher Kleinkünstler, wie Hüsch ihn apostrophiert, einer ganz besonderen Dialektik der Aufklärung unterworfen sind: Als „Ablass-Handel“ bezeichnete etwa Volker Pispers zuletzt das Kabarett, und bot dem Publikum Mal um Mal an, sich die „Kritik am eigenen Lebenswandel mit folgenloser Richtigkeit um die Ohren schlagen“ zu lassen. „Sie wollen nicht vernünftig regiert werden“, wandte er sich an die Zuhörer, „Sie wollen ein bisschen Spaß im Kabarett haben und aufgerüttelt nach Hause gehen, wo dann alles bleibt, wie es ist.“

Gerade das „kluge Kabarett“ und die „kunstvolle Satire“, nach der sich Christian Schüle so ostentativ sehnt, durchschaut sich ja selbst und steht vor einem unlösbarem Dilemma, das aus dem resultiert, was man stets für die Stärke der Satire gehalten hat: dass sie auf unterhaltsame Weise aufzuklären vermag. Wenn aber gerade der Unterhaltungs-Charakter jedes Aufklärungs-Moment konterkariert, entschärft sich Satire mit ihren eigenen Mitteln. Aber war das nicht schon immer so? Der fachkundige Ernst Stein schrieb schon vor über einem halben Jahrhundert: „Der Satiriker, der sich aus innerer Berufung über die Zeiten lustig macht, wird nur zu leicht für einen Lustigmacher von Beruf gehalten und um seine moralische Wirkung geprellt. Und noch kein Spießer wurde durch seinen Wilhelm Busch bekehrt.“

Satire zielt auf Lachen, aber auch auf Einverständnis

Ohnehin ist Satire ja ein zweifelhaftes Ding: Damit sie funktioniert, damit dem allgemeinen Gelächter preisgeben kann, was falsch ist, muss nicht nur der Satiriker, sondern auch das Publikum genau wissen, was falsch ist. Es muss ein intellektuelles, mindestens aber moralisches Einverständnis von maximaler Allgemeinheit herrschen. Denn sonst wird jede Ironie, die ja wörtlich übersetzt nichts anderes als eine „verstellte Rede“ ist, nicht verstanden. Oder falsch verstanden. Dem gemeinsamen, womöglich allgemeinverbindlichen Normen- und Wertehorizont aber wohnt tendenziell ein totalitäres Moment inne, zumal diese Allgemeinverbindlichkeit in totalitären Gesellschaften am ausgeprägtesten ist. Andererseits haben gerade diktatorische Gesellschaften die subtilsten, die feinsten Formen von Satire hervorgebracht. Aus zynischer Sicht muss man vielleicht sogar festhalten, dass die totale Freiheit der Satire nicht unbedingt nur gut bekommt, dass sie in Gesellschaften von weitestmöglicher Freiheit zu dekadenten, maßlosen, ja beinahe sinnbefreiten Ausprägungen tendiert.

„Heutigentags wollen keine Satiren mehr gelingen“

Während andererseits Unterdrückung oder gar Zensur die Satire dazu zwingen, den Witz allein in den Dienst der kritisch-politischen Sache zu stellen, mit seiner Hilfe höchst indirekt deutlich zu machen, was man wirklich denkt und meint, ohne dass es auf den ersten Blick zu erkennen ist. Politische Botschaften mit Camouflage, sozusagen. Was allerdings auch nicht unbedingt bedeutet, dass sie von Zeitgenossen automatisch erkannt werden: Ausgerechnet der preußische Staatsphilosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel stellte in seinen „Vorlesungen zur Ästhetik“ fest: „Heutigentags wollen keine Satiren mehr gelingen.“ Das war, stelle man sich vor, zu Zeiten eines Heinrich Heine!

„Es gehören feste Grundsätze dazu“, fuhr Hegel fort, „mit welchen die Gegenwart in Widerspruch steht, eine Weisheit, die abstrakt bleibt, eine Tugend, die in starrer Energie nur an sich selber festhält und sich mit der Wirklichkeit wohl in Kontrast bringen, die echte poetische Auflösung jedoch des Falschen und Widerwärtigen und die echte Versöhnung im Wahren nicht zustandebringen kann.“

Wenn die politische Wirklichkeit die Satire überholt

Die letzten beiden Jahrzehnte unserer Gegenwart allerdings haben noch eine ganz andere Entwicklung hervorgebracht. Es ist nicht etwa die Satire, die sich auf die Wirklichkeit zubewegt, sondern genau umgekehrt: Die Wirklichkeit, vor allem die politische, nimmt immer groteskere Züge an. Früher bestand die Karikatur, die Satire nicht zuletzt darin, die Wirklichkeit ein Stück weiter zu drehen, zu überdrehen. Das ist heute oft nicht mehr nötig, ja manchmal kaum noch möglich. Früher war es die Aufgabe der Satire, kritikwürdige Seiten der Wirklichkeit zu überzeichnen, auf das sie sichtbar werden – zur Kenntlichkeit entstellen, nannte man das auch. Heute müssen politische Lügen und skandalöse Vorgänge gar nicht mehr enttarnt werden, so dreist geschehen sie in aller Öffentlichkeit. Und das nicht allein auf das Wirken des US-Präsidenten Donald Trump beschränkt, auch wenn er der weithin sichtbarste Exponent dieser Entwicklung sein dürfte. Die politische Wirklichkeit driftet hier wie dort den Extremen zu, sie hat oft jedes Maß, jede Mitte, jede Vernunft verloren.

Dasselbe, dieselbe Maßlosigkeit, derselbe Irrsinn gilt für die Wirtschaft, ich nenne nur das von jeder Verantwortung losgelöste Banker-Casino bis zum Lehman-Domino und den völlig legalen Cum-Ex-Geschäften, den Dieselskandal samt Absprache-Kartell und zuletzt vielleicht auch noch Bayers Monsanto-Deal. Oder die Vorgänge rund um den Brexit: Der alte Ausspruch des römischen Satirikers Juvenal „Difficile est saturam non scribere“ muss doch längst abgewandelt werden in „Impossibile est saturam non scribere“, es ist einfach unmöglich, das alles nicht als Satire aufzuschreiben. Man muss die Dinge nur darstellen, wie sie passieren – und schon glaubt man sich mitten in einer veritablen Satire. In der NDR-Satiresendung „Extra 3“ gibt es eine regelmäßige Rubrik mit dem Titel „Irrsinn der Woche“, für die sich eher zu viel als zu wenig Stoff und Material anbietet.

Martin Sonneborn und DIE PARTEI

Und der Irrsinn geht sogar noch weiter: Ausgerechnet der ehemalige Chefredakteur der Satirezeitschrift „Titanic“, Martin Sonneborn, hat eine Magisterarbeit über die „absolute Wirkungslosigkeit moderner Satire“ geschrieben. Freilich hat er auch genau diese These seiner eigenen Magisterarbeit in der Wirklichkeit widerlegt. Sonneborn ist als Mitbegründer der Partei DIE PARTEI, die wahlweise als Spaß-Partei abqualifiziert oder als Satire-Partei geadelt wird, inzwischen eine Figur, die in den letzten Jahren nicht nur die Geschichte der Gegenwartssatire nachdrücklich mitgeprägt und ihr einen neuen Zug verliehen hat – sondern in einer real-satirischen Wendung von ganz eigener Ironie sogar in die praktische Politik eingegriffen, weil es Sonneborn bei den letzten Europawahlen gelang, einen Sitz im Europäischen Parlament zu bekommen, wo er nun Satire, Ironie und mehr oder minder tiefere Bedeutung in den Parlamentsbetrieb einbringt. Eine Drehung an der Irrsinns-Schraube, möchte man meinen, die nicht weiter zu steigern ist. Aber das hat man vor dem Wahl-Erfolg der Partei „Die Partei“ ja auch geglaubt.

Flucht in eine tiefere, genauere Wahrheit?

Kommen wir von der real existierenden Parlaments-Satire zurück zur Fernseh-Satire: Die im Grunde journalistische Herangehensweise an viele Themen, wie Satire-Sendungen wie „Extra „3 oder „heute-show“ sie praktizieren, hat in den letzten Jahren zu einem Phänomen geführt, das einige Medienkritiker nicht unproblematisch finden. Nämlich: Manche, gerade jüngere Zuschauer fühlen sich in den Satire-Formaten wohler als in den normalen Nachrichtensendungen. Ist das Flucht in die Satire? Sind Nachrichten für diese Menschen nur noch im Unterhaltungsformat zu ertragen? Oder handelt es sich um eine Flucht zur tieferen, genaueren, reflektierteren Wahrheit? Versagt nicht der herkömmliche Nachrichtenjournalismus notwendiger Weise vor dem Irrsinn der Wirklichkeit? Und hängt die Beliebtheit von Satiresendungen vielleicht auch damit zusammen, dass darin der real existierende Irrsinn, der ja auch Gegenstand von Tagesschau, Heute-Journal und Tagesthemen ist, in der Satire auch als Irrsinn bezeichnet wird? Satiresendungen können, dürfen, ja müssen viel stärker zuspitzen – aber sind sie nicht manchmal gerade deshalb näher an der Wahrheit? Ist Satire, wie etwa extra 3 sie betreibt, womöglich sogar authentischer als die alltägliche politische Berichterstattung?

Manche Menschen sehen das genau so, hat der Medienkritiker und ehemalige Leiter des Grimme-Instituts in Marl, Bernd Gäbler, im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung in einer Studie zu den drei Satiresendungen „extra3“, „heute – show“ und „Die Anstalt“ herausgefunden. Gäbler ist allerdings klar in seiner Wertung: „Nein,“ sagt Gäbler, „die Satiresendung kann Journalismus nicht ersetzen, und sie darf auch gar nicht den Anspruch haben, das ist Unterhaltung, soll Unterhaltung sein, man soll darüber lachen.“ Das ist übrigens schon eine ganze Weile so, die Sendung „Extra3“ gibt es tatsächlich seit 40 Jahren, also seit den Hoch-Zeiten von Hüsch, Hildebrandt und Co.

Das Lachen bei den Casting-Shows ausgeliehen

Bernd Gäblers These ist allerdings auch, dass es von den Themensetzungen her wie auch mit dem Setzen von Pointen die Möglichkeit gibt, Kontexte zu sehen und Themen zu vertiefen. Das Lachen darüber ist dann ja nicht allein nur Blödsinn, sondern erfüllt auch eine aufklärerische Funktion, denn hier wird dann wieder zur Kenntlichkeit entstellt. Politiker-Interviews, in denen etwa ein Lutz van der Horst in der „Heute Show“ die Befragten dumm dastehen lässt und der Lächerlichkeit preisgibt, tendieren allerdings gar nicht einmal anders als die weit verbreiteten Casting-Shows dazu, den Zuschauern ein Voyeurs-Vergnügen durch bloßes Beschämen, durch Verlachen um des Verlachens willen zu bieten. Die Frage, wie extrem Satire sein darf, kann allerdings nicht kategorisch entschieden werden, sie muss vielmehr an jedem Einzelfall stets verhandelt werden. Grenzverletzungen, Grenzüberschreitungen müssen zu rechtfertigen sein, und sie sind eigentlich nur dann zu rechtfertigen, wenn es um elementare Dinge von Demokratie und Gesellschaft geht, um politische Vorgänge von großer Relevanz und allgemeiner Wichtigkeit. Also etwa um die Meinungsfreiheit. Oder die Verteidigung anderer demokratischer Rechte.

Aber vielleicht ist es ja sogar das Medium Fernsehen, das durch seine ureigenen Zwänge, Notwendigkeiten und Gewohnheiten die Satire zwangsläufig zur reinen Unterhaltung herunterkommen lässt. Bei Hanns Dieter Hüsch, in einer Zeit, als das Privatfernsehen noch nicht durchgesetzt war, ist von der „polyphonischen Krankheit" die Rede, und Hüsch zeigt, dass im Fernsehen auch das kritische, das ernst Gemeinte, stets zur Unterhaltungsware wird.

Deutschland hat aufgeholt

Das ist sozusagen die Grund-Konstituente für das Fernsehen. Hinzu kommt allerdings noch eine weitere Entwicklung, an der das Fernsehen vorderhand nur mittelbar beteiligt ist: Der Medienforscher Benedikt Porzelt, der seit langem das Thema Satire untersucht, meint wie viele seiner Kollegen, dass heute viele Tabus, die es früher einmal gab, gefallen sind; Deutschland, so Portzelt, habe in dieser Hinsicht aufgeholt, auch im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder USA:

„Das hat aber nicht nur mit dem Humor zu tun oder der Satire, sondern dass sich einfach auch die gesellschaftlichen Normen verändert haben. Also allein, wenn man sich das Thema Sexualität anschaut, da sind wir heute viel weiter als noch vor vierzig Jahren und dementsprechend muss sich der Humor und die Satire anpassen, an die gesellschaftlichen Begebenheiten, um einfach auch aktuell zu bleiben. Denn eine Satire, die sich noch an den Wertevorstellungen der siebziger Jahre orientiert, die trifft heute nicht mehr das Publikum.“ Humor, satirischer zumal, beruht ja fast immer auf dem Bruch einer festen Erwartung, auf einer Form von Unangemessenheit, durch die Komik überhaupt erst zustande kommt. Dazu gehört eben auch der Tabubruch. „Dementsprechend“, sagt der Medienforscher Benedikt Portzelt, müsse „da auch immer ein bisschen mit dem Erlaubten gespielt werden.“ Die Problematik daran liegt auf der Hand: Jedes gebrochene Tabu wandelt sich mit der Zeit zu einer Form von Normalität, aus der eine Erwartung abgeleitet wird. Und der satirische Tabubruch muss sich dann wieder neue, andere, noch verbliebene Tabus suchen. Ich hoffe allerdings trotzdem sehr, diese persönliche Bemerkung sie mir gestattet, dass selbst ein notorischer Andiegrenzengeher wie Harald Schmidt recht behalten wird mit seinem Satz: „Satire darf alles, aber Auschwitz ist tabu.“

Die Vorgeschichte von Böhmermanns „Schmähgedicht“

Darf sie auch beleidigen, um der Aufklärung, um der Meinungsfreiheit willen? Wenn man Jan Böhmermanns Gedicht ohne jeden Kontext liest, stellt sich schnell der Eindruck von Schmähkritik ein. Allerdings steht das Gedicht eben sehr wohl in einem Kontext, denn ihm voraus ging eine andere Satiresendung, das NDR-Magain „Extra3“. Das hatte zuvor ein satirisches Lied über Erdogan mit dem Titel „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ ausgestrahlt. Das enthielt zur Melodie des Nena-Schlagers „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ satirische Verse über den türkischen Staatspräsidenten. Sie lauteten etwa „Ein Journalist, der was verfasst, das Erdoğan nicht passt, ist morgen schon im Knast“ oder „Er denkt nicht lange nach und fährt mit Tränengas und Wasserwerfern durch die Nacht“ oder „Gib ihm dein Geld und er baut dir ein Flüchtlingszelt“. Der Vers „Die Zeit ist reif für sein Groß-Osmanisches Reich“ wird mit Bildern von knüppelnden Polizisten illustriert, die folgende Zeile „Gleiche Rechte für die Frau’n, die werden auch verhau’n“, mit Bildern der Polizei in Istanbul, die eine Frauen-Demonstration gewaltsam auflöst und eine wehrlose Frau mit einem Knüppel schlägt. Ferner heißt es: „Ist das Wahlergebnis schlecht, das ruckelt er zurecht“ zu Bildern von Erdoğan, der an einer Wahlurne rüttelt. Schließlich der Vers: „Kurden hasst er wie die Pest, die bombardiert er auch viel lieber als die Glaubensbrüder drüben beim IS“, kombiniert mit Aufnahmen einer kurdischen Beerdigung und einer Bombardierung.

Das Satire-Video, das eine Staatsaffäre auslöste

Dieses Video, das ja immer noch bei YouTube zu sehen ist, löste eine kleine Staatsaffäre aus, der türkische Präsident war verärgert und ließ den deutschen Botschafter, Martin Erdmann, zweimal ins türkische Außenministerium in Ankara einbestellen. Dort wurde die deutsche Bundesregierung zur Löschung des Liedes in der ARD-Mediathek aufgefordert. Deutsche Medien berichteten ausführlich über die Einbestellung des Botschafters, die Lösch-Forderung und über die teils vehementen Statements deutscher Bundestagsabgeordneter und Außenpolitiker. Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier allerdings mahnte die Türkei als „Partnerland der EU“, sich an die „gemeinsamen europäischen Werte zu halten.“ Bundeskanzlerin Merkel hüllte sich dazu allerdings in Schweigen.

Jan Böhmermanns Gedicht, da hat man inzwischen ja schon fast vergessen, war eine Reaktion auf diese diplomatische Verwicklung, In der Sendung gab Böhmermann an, dem türkischen Staatspräsidenten den Unterschied zwischen erlaubter Satire und nicht erlaubter Schmähkritik vorführen zu wollen – diese Absicht nannte er vor, während und nach der Verlesung des Gedichts. Wörtlich: „Und das was jetzt kommt, darf man nicht machen…. wenn das öffentlich in Deutschland aufgeführt wird, das wäre verboten,… das Gedicht heißt Schmähkritik.“

Nicht das Gedicht, sondern seine Verlesung war Satire

Insofern war die satirische Absicht im Kontext der Sendung eindeutig zu erkennen, zu dieser Einschätzung kam dann ja auch die Mainzer Staatsanwaltschaft. Aus dem Pharisäer-Paradox wurde aber auch eine Grenzbefestigung: Der Vergleich des Videos mit dem „Schmähgedicht" zeigt zweifelsfrei, was Satire ist, und was nicht: Nicht das skandalisierte Gedicht selbst, sondern seine Verlesung im Kontext der durch ein Satirevideo ausgelösten Staatsaffäre.

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