Klassik

Jonas Kaufmanns neue CD besingt „Wien“

Jonas Kaufmann besingt 2019 „Wien“

Jonas Kaufmann besingt 2019 „Wien“

Foto: Gregor Hohenberg/ Sony

Den Heldentenor kann er nur mit Mühe vor den Prater-Toren lassen. Jonas Kaufmanns Album „Wien“ lässt auch die die heldische Attacke zu.

Die Diskographie Jonas Kaufmanns hat einen Umfang erreicht, der fragen lässt, was da denn eigentlich noch fehlen soll. Es gibt Cover vor südlichem Mauerwerk („Dolce Vita“), solche mit Vintage-Mikro („Du bist die Welt für mich“), verträumte am Brokatbilderrahmen („Die schöne Müllerin“) und seit dieser Woche eines mit Einstecktuch im Frack plus vor Freude in die Luft springendem Kaufmann-Schatten.

Es heißt „Wien“ und versammelt Ohrwürmer einer untergegangenen Zeit. Da war das Schönste am Prater nicht die Kirmes-Sensation „Ejektion Seat“, es waren die blühenden Bäume. Kaufmann singt Robert Stolz und Ralph Benatzky, viel Johann Strauß II, dazu Léhar, Kálmán und am Ende gar Kreislers Einsicht: „Der Tod, das muss ein Wiener sein.“

Prater, Fledermaus, Heuriger: Tenor Jonas Kaufmann besingt auf seiner neuen CD „WIEN“

Fans werden das Album dankbar in ihre Kollektion fügen. Wer Interpreten wie Richard Tauber und (mehr noch) Fritz Wunderlich im Ohr hat, der hört skeptischer zu. Gleich im ersten Lied („Wien wird bei Nacht erst schön“) klingt die Höhe wulstig. An anderen Stellen ist man – trotz brillanter Spitzeneskorte durch Wiens Philharmoniker und Adam Fischer am Pult – hin- und hergerissen: Bei „Heut ist der schönste Tag“ stört Kaufmanns Hang zur heldischen Attacke den luftig-heiteren Ansatz, den der Tenor völlig zu Recht zunächst als Schlüssel zum Werk wählt. Freilich führt der gleiche Effekt bei „Wiener Blut“ zu einem fabelhaft strahlenden Schluss-Coup.

Am meisten zu Hause ist Jonas Kaufmann in „Wien“, wenn er das Schlichte pflegt. Entwaffnend charmant gelingt das, als seine Stimme ganz drucklos die Welt „Draußen in Sievering“ beschwört. Aber aufs Ganze fällt Kaufmann die schwärmende Beiläufigkeit schwer. Etwa bei „Schenkt man sich Rosen in Tirol“: Zellers Naturbursch, den Vogelhändler Adam, verdonnert er in den letzten Takten zur unbescheidenen Fanfare. Vokale Fehlfarben finden sich dagegen zum Glück selten, nur nach Sonnenuntergang. Bei Strauß „Nacht in Venedig“ klingt es nach „Sei mir gegrößt!“.

Kaufmanns Wien-Visite ist kein Album für die Ewigkeit. Aber zum Heurigen, da wird’s scho irgendwie passen.

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