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Kino: „Der geheime Garten“, im Nebel digitaler Effekte

Der geheime Garten: Dixie Egerickx spielt im Kino die freche Mary.

Der geheime Garten: Dixie Egerickx spielt im Kino die freche Mary.

Foto: Foto / Studiocanal

Charmante Vorlage, überehrgeizige Kino-Umsetzung: „Der geheime Garten“ setzt nicht auf kindliche Fantasie sondern auf animierte Attraktionen.

1947, es ist der Vorabend der Trennung von Indien und Pakistan. Mary, Tochter eines englischen Kolonialbeamten, erwacht nach unruhiger Nacht in leerem Hause. Zwei Soldaten übergeben das Kind den Behörden. Hier erfährt Mary, dass ihre Eltern der grassierenden Choleraepidemie zum Opfer fielen.

Sie wird der Obhut ihres Onkels Archibald Craven in England überantwortet, aber am Bahnhof wartet Cravens Verwalterin Mrs. Medlock, die sofort ein strenges Regelwerk aufstellt. Das Gutshaus Misselthwaite ist ein dunkles Gemäuer inmitten weiter Moorlandschaft. In der Nacht vernimmt Mary wimmernde Laute, ihre Fragen danach werden abgewimmelt.

Da ihr Onkel auf Reisen ist, verbringt Mary die Tage über allein. Sie macht Bekanntschaft mit einem Hund und stößt auf eine Mauer, hinter der sie einen zauberhaften Garten findet. Am nächsten Morgen gerät sie zufällig ins Zimmer von Cravens Sohn Colin. Der ist ein blässlicher Junge, der von sich glaubt, dass er gelähmt ist und das Zimmer nicht verlassen darf. Mary teilt diese Einschätzung nicht.

„Der geheime Garten“ kommt ins Kino, Regie führte Marc Munden

Dies ist der dritte und bislang schwächste Kinofilm nach dem Kinderbuchklassiker von Frances Hodgson Burnett (1849-1924), die vom Zeitgeist beatmete, aber durchaus auch systemkritisch angehauchte Kinder- und Jugendromane verfasste, darunter „Sarah, die kleine Prinzessin“, „Der kleine Lord“ und eben „Der geheime Garten“. Die Entwicklungsgeschichte um eine anfangs verwöhnte und hochnäsige Heldin erzählt von Standesdünkel, Freundschaft und Solidarität, vor allem aber vom reinigenden zauber eines verwilderten Gartens, wo sich Kinder frei von erwachsenen Zwängen austoben und verwirklichen können.

Die vorliegende jüngste Verfilmung drehte Marc Munden, ein Regisseur mit vielseitiger Fernseherfahrung zwischen Kostümopulenz („Jahrmarkt der Eitelkeiten“) und Gesellschaftsparanoia („Utopia“), der hier kläglich scheitert, weil er die Vorlage den Erwartungen heutigen Kinderpublikums mit falschen Attraktionen anzupassen versucht. Statt der Geschichte zu vertrauen, werden ständig Effekte mit Nebelmaschine, Windmaschine und digitalem Zuckerbäckerwerk beschworen, um Geheimnis zu erzeugen, das sich doch eigentlich schon in den Gesichtern der Kinder eröffnen sollte

Digitale Zuckerbäckerei hat der Film zu viel, Vertrauen in kindliche Fantasie zu wenig

Das ist umso ärgerlicher, weil es mit Dixie Egerickx in der Hauptrolle eine wunderbare Rotzgöre zu entdecken gibt, die nicht nur dem verzärtelten Colin (Edan Hayhurst) tüchtig einheizt. Colin Firth als über die Maßen gramgebeugter Craven ist ebenso verschenkt wie Julie Walters als resolute Mrs. Medlock.

Für Gothic-Spannung am Schluss sorgt ein rabiat hinzu erfundenes Feuerfinale wie aus Hitchcocks „Rebecca“. Ein geheimer Garten als Ort für Freiheit und Fantasie ist heute eben nicht mehr genug fürs medial abgebrühte Grundschulpublikum.

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