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Beautiful Boy: Ein Filmdrama von Felix van GroeningenBeautiful Boy: Ein Filmdrama von Felix van Groeningen

Nicht der Rausch des Jungen steht in „Beatutiful Boy“ im Vordergrund sondern der Kampf der Familie.

Nicht der Rausch des Jungen steht in „Beatutiful Boy“ im Vordergrund sondern der Kampf der Familie.

Foto: AMAZON CONTENT SERVICES LLC. François Duhamel

Im Drama verzweifelt eine Familie an der Drogensucht des Sohnes. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Kampf der Angehörigen

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Normalerweise zeigen Drogenfilme die Lebenswelt süchtiger Menschen, klären die Hintergründe des Konsums, visualisieren Rauscherfahrungen oder Entzugsversuche. „Beautiful Boy“, nach dem gleichnamigen autobiografischen Bestseller von David Sheff sowie dem Erfahrungsbericht „Tweak“ seines abhängigen Sohns Nic, bricht mit der üblichen Sichtweise. Der belgische Regisseur Felix van Groeningen interessiert sich nicht für die Ursachen der Abhängigkeit oder den Rausch als solchen, sondern erzählt vor allem aus der Perspektive des hilflosen Vaters. Dieser tut alles, um sein Kind zu retten, kommt aber nicht gegen die Drogensucht an.

Hilflosigkeit und Schuldgefühle

Seit er 18 ist, nimmt Nic (Timothée Chalamet, Bild links) Drogen, vor allem Crystal Meth. Warum der Sohn aus privilegierten Verhältnissen das tut, bleibt unklar: „Es macht die Realität erträglicher,“ erklärt er einmal ganz allgemein. Frisch aus der Drogentherapie entlassen, könnte der Junge ans College gehen, doch die Sucht ist stärker. Während Nic immer weiter abrutscht und sich von der Familie abkapselt, ringt sein Vater David (Steve Carell, Bild rechts) mit Hilflosigkeit und Schuldgefühlen.

„Beautiful Boy“ entfaltet sich als Kette ineinander verschachtelter Rückblenden, die sich aus Erinnerungen des Vaters zusammensetzen. Felix van Groeningen zeigt die Verzweiflung, Trauer und Wut der nahestehenden Personen, nicht den Ablauf der Suchtkarriere. Erst in der zweiten Hälfte wechselt die Perspektive auch zu Nic, was die dramaturgische Geschlossenheit etwas verwässert.

Mit Bedacht inszeniert

„Rückfälle sind Teil der Genesung“, heißt es in einer Szene. Davon könnte auch Julia Roberts berichten, die im fast zeitgleich startenden Drama „Ben is Back“ ihren Filmsohn Lucas Hedges ebenfalls an die Drogen verliert. Zwischen beiden Filmen bestehen Parallelen, doch wo „Ben is Back“ einen Dreh Richtung Thriller nimmt und die Interaktion von Mutter und Sohn ins Zentrum stellt, bleibt „Beautiful Boy“ ganz Drama und zeigt David und Nic die meiste Zeit über getrennt voneinander. Während Nic irgendwo Meth einschmeißt, trauert David und fragt sich, ob der damals gemeinsam mit dem Sohn gerauchte Joint vielleicht der Anfang allen Übels war.

Felix van Groeningen stellt die wahre Geschichte betont nüchtern und ausgewogen dar. Sein erster amerikanischer Film besteht aus gediegenen, oft vom Stativ gefilmten Bildern und sachlichen Dialogen. Lediglich der an die Handlungszeit in den 1990er-Jahren angepasste Soundtrack mit Stücken von Massive Attack, Nirvana und Sigur Rós setzt stilistische Ausrufungszeichen.

Van Groeningen will das Drogendelirium weder ästhetisieren noch ergründen. Vielleicht liegt es daran, dass man dem aus „Call Me By Your Name“ bekannten Timothée Chalamet die Sucht nicht hundertprozentig abkauft. Unterm Strich fällt das aber kaum ins Gewicht. Die Ursachen für die Sucht sind egal. Der Rausch ist egal. Was zählt, ist die Ohnmacht der Angehörigen.

USA 2018, 120 Min., R: Felix van Groeningen, D: Steve Carell, Timothée Chalamet, Maura Tierney, Christian Convery, Oakley Bul FSK 12, Wertung: 4 von 5 Sternen

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