Kino

„Jojo Rabbit“ entführt die Zuschauer ins Nazi-Ferienlager

„Jojo Rabbit“ (Roman Griffin Davis, rechts) hat einen imaginären Freund: Adolf Hitler (Taika Waititi, links).

„Jojo Rabbit“ (Roman Griffin Davis, rechts) hat einen imaginären Freund: Adolf Hitler (Taika Waititi, links).

Foto: Fox Deutschland

Mit „Jojo Rabbit“ hat Regisseur Taika Waititi eine Mischung aus Nazi-Komödie und liebevoller Coming-of-Age-Story geschaffen.

Man mag ihn eigentlich nicht so recht mögen, diesen aufgeweckten blonden Jungen in der gebügelten HJ-Uniform. Er betet die Worte des Führers herunter, hält Juden für fleischfressende Monster und will unbedingt Soldat werden. Sein bester Freund ist Adolf Hitler (Taika Waititi), der ihn als unsichtbarer Begleiter unterstützt.

Doch eigentlich ist Johannes Betzler (Roman Griffin Davis), den alle Jojo nennen, ein unsicherer Junge, der sich nach seinem Vater sehnt. Im Feriencamp der Hitlerjugend bemüht er sich vergeblich, den großen Jungs nachzueifern. Stattdessen verpassen sie ihm den Spitznamen „Jojo Rabbit“.

Für Jojo bricht eine Welt zusammen

Bei einer Granatenübung wird der Hasenfuß verletzt und landet im Krankenhaus. Damit ist der Traum von der Militärkarriere erst einmal geplatzt. Doch seine liebevolle Mutter (Scarlett Johansson) setzt sich kämpferisch für ihn ein und fortan dient Jojo dem degradierten Captain Klenzendorf (Sam Rockwell) als Botenjunge.

Eines Nachmittags bemerkt er ungewöhnliche Geräusche im Obergeschoss ihrer Wohnung. Er entdeckt ein älteres Mädchen in einem Verschlag hinter der Tapete. Elsa (Thomasin McKenzie) ist Jüdin. Jojos Mutter nahm sie auf und versteckt sie in der Wand. Für ihn bricht eine Welt zusammen, dafür öffnet sich eine ganz neue. Nur seinem imaginären Freund Adolf gefällt das gar nicht.

Mehr als nur alberne Provokation

Der Auftakt von Taika Waititis „Jojo Rabbit“ ist fulminant. Der Zehnjährige springt mit dem Führer durchs Bild und erfreut sich seines Nazilebens. Doch die Adaption des Romans „Caging Skies“ von Christine Leunens ist mehr als eine alberne Nazikomödie, mehr als nur bloße Provokation.

Im Kern ist „Jojo Rabbit“ eine liebevolle Geschichte über das Erwachsenwerden in schwierigen Zeiten und damit wesentlich näher an der humanistischen Erzählweise seines Regisseurs als an der Studie eines verdorbenen Geistes, die den Roman ausmacht.

Eigenwilliger Film mit Oscar-Potenzial

Wunderbar auch die Besetzung: Scarlett Johansson, die gerade noch ihr Familienglück in „Marriage Story“ aufs Spiel setzte, blüht in der Rolle der Mutter auf. Sam Rockwell und Rebel Wilson umarmen ihre Rollen mit Inbrunst. Der kleine Roman Griffin Davis ist eine echte Entdeckung und glänzt unter der Regie von Taika Waititi, der sich selbst die unrühmliche Rolle des Führers verpasste.

„Jojo Rabbit“ ist ein eigenwilliger Film: In einem Moment ist er schreiend komisch, im nächsten bleibt einem das Lachen schlagartig im Hals stecken. Man kann sich die Gesichter bei Disney vorstellen, als sich der Familienkonzern mit der Aneignung von Twentieth Century Fox auch diesem Film stellen musste. Sechs Oscarnominierungen sind der Lohn für den Mut der Produzenten.

USA 2019, 108 Min., R: Taika Waititi, D: Roman. G. Davis, Thomasin McKenzie, Scarlett Johansson,
FSK 12, Wertung:

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