Klavier-Festival Ruhr

Klavier-Festival: Preis für den Unruhestifter Michel Camilo

Pianistische Leidenschaft: Michel Camilo (links) und sein Trio-Partner Ricky Rodrigues am Bass.

Pianistische Leidenschaft: Michel Camilo (links) und sein Trio-Partner Ricky Rodrigues am Bass.

Foto: Georg Lukas / klavier-festival ruhr

Recklinghausen.  Ein Tastenvulkan, der schon 18 Konzerte beim weltgrößten Pianistentreffen gegeben hat: Michel Camilo erhielt den Preis des Klavier-Festivals Ruhr.

So schließen sich die Kreise, auch beim Klavier-Festival Ruhr: Erst erinnerte sich der Stammgast in der Jazz Line des Festivals (18 Auftritte in 15 Jahren) an die Art, wie Altmeister Art Blakey ihn selbst ermutigte, als er 1979 aus

der Dominikanischen Republik nach New York umgesiedelt war. Und dann gab er selbst den Ermutiger: Als Festival-Chef Franz Xaver Ohnesorg ihm nach der Pause des Konzerts im Ruhrfestspielhaus den Preis des Festivals in Gestalt der stählernen Stimmgabel-Plastik „Diapason“ von Friedrich Werthmann überreichte, pries Michel Camilo einen jungen Pianisten, den er zum Stipendiaten des Festivals für das kommende Jahr ernannte: „A Bu ist der erste chinesische Jazz-Pianist, der international bekannt wird. Er erzählt Geschichten am Klavier!“ Der 1999 geborene Dai Liang, der es unter dem Künstlernamen A Bu bereits nach New York geschafft hat und 2015 schon den Solo-Piano-Wettbewerb beim Montreux-Festival gewann, sei ein „hochkreativer, vollendeter Jazzpianist und auch noch ein begabter Komponist“, den er für einen „vielversprechenden jungen Jazzlöwen“ halte. Davon wird sich das Klavier-Festival-Publikum dann im kommenden Jahr überzeugen können.

Mal mit der Bigband, mal mit Tomatito oder solo

Camilo selbst richtete in Recklinghausen einen „Karibik-Gipfel“ aus, weil er sich begleiten ließ von dem unauffällig meisterlichen Ricky Rodriguez aus Puerto Rico am Bass und von dem weit eher vorpreschenden Drummer Ernesto Simpson aus Kuba. Aber das Karibische blieb allzeit eher eine Unterströmung im sprudelnden Jazz-Fluss dieses kurzweiligen Zweieinhalb-Stunden-Abends – wie so vieles. Der so vielseitig virtuose Camilo, der vom Bigband- über Trio-und Solo-Auftritte (etwa mit dem andalusischen Gitarren-Überflieger Tomatito) bis hin zu Solo-Gastspielen schon mit den unterschiedlichsten Formaten beim Klavier-Festival antrat, ist ein begnadeter Verschmelzer. Seine Legierungen aus klassischen Versatzstücken, Swing, Latino- und Blues-Elementen leben von der Impulsivität dieses Tastenmanns. Und nicht von ungefähr bedankte er sich beim Festival dafür, dass es ihn mit Idolen wie Alfred Brendel oder Martha Argerich zusammengebracht habe.

„St. Thomas“ von Sonny Rollins geht auch ohne Saxophon

Und wenn so ein Konzert mit dem grandiosen Sonny-Rollins-Klassiker „St. Thomas“ beginnt, ist es eben keine Anmaßung, wenn Camilo das Saxophon mit der Rechten paraphrasiert, ohne die Tasten-Begleitung zu vernachlässigen. Es war zugleich die erste Bewährungsprobe für Ernesto Simpson, der sich allerdings zunächst noch zurückhielt und seine coole Meisterschaft eher aufblitzen als strahlen ließ. Doch die angezogene Handbremse sollte schon bald einer lust- und klangvollen Überprüfung der Standfestigkeit und Haltbarkeit seines Drum-Sets weichen (was denn zwischendurch auch eine Hi-Hat-Reparatur im laufenden Stück nötig machte).

Simpson blieb auch dank der keineswegs zurückhaltenden Lautstärke eine ebenso stete wie willkommene Herausforderung für Camilo, dessen Hände sich dann zwischenzeitlich auch im Akkord zu überschlagen schienen. Die so angefachte Leidenschaft und Energie lässt Camilo den Jazz weniger spielen als vielmehr leben, pulsierend und feiernd. Die staunenswerte Neigung zu pianistischen Überschlägen findet dann ihren wohltuenden, intensiven Kontrast in Stücken wie dem entspannten, träumerischen „Then And Now“ vom 2011er „Mano a Mano“-Album, das der sorgfältig komponierende Camilo trotzdem immer wieder wie eine Erfindung des Augenblicks wirken zu lassen versteht. Was auch für die einzige Zugabe des Abends gilt, „Sandra’s Serenade“, ein Tribut an seine Ehefrau und Managerin, der Franz Xaver Ohnesorg auch die Hälfte des Klavier-Festival-Preises gewidmet hatte.

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