Interview

Klavier-Star Alexander Krichel gibt Konzerte im Revier

Alexander Krichel.

Foto: Henning Ross

Alexander Krichel. Foto: Henning Ross

  Beim Klavierfestival warf ihn eine Grippe aus der Bahn - dafür ist Flügelstürmer Alexander Krichel bald mit vier Konzerten zu Gast an der Ruhr.

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Mathematik-Olympionike, Sprachbegabung, Mediziner-Karriere: Alexander Krichel, 28, standen viele Türen offen. Er hat aufs Klavier gesetzt - und alles richtig gemacht. Im Winter 2018 ist er, nachdem er dem Klavierfestival ‘17 absagen musste, gleich viermal an der Ruhr. Vor den Konzerten in Essen, Dortmund und Mülheim traf Lars von der Gönna den bescheidenen Aufsteiger zum Gespräch.

Manche verändert der Erfolg, ich treffe Sie in der Höflichkeit und Geduld, die Sie in Ihren Anfängen auszeichnete. Ist das Programm: sich vom Erfolg nicht zur zickigen Künstlertype machen zu lassen?

Krichel: Ehrlich gesagt, glaube ich, dass das eher ein Programm mancher Kollegen ist, sich schwierig zu geben, um zu zeigen, dass sie etwas erreicht haben. Für mich ist so eine Selbstdarstellung bloß ein Zeichen von Unsicherheit. Aber wer solche Mätzchen entwickelt, ist nicht mehr natürlich. Das steht für mich sehr weit oben: zu bleiben, der ich bin – mit Ehrlichkeit und Echtheit. Da mache ich zwischen Bühne und Leben keinen Unterschied.

Gilt das auch für soziale Medien? Man hat doch gerade dort den Eindruck, ohne Inszenierung sei Erfolg gar nicht mehr zu haben?

Das mag für einen kurzen Hype gelten. Egal, wie glattpoliert und unterhaltsam etwas ist: Das finden Menschen kurz toll, aber am Ende suchen Fans, Zuschauer, Zuhörer nach etwas Tiefgründigerem. Das muss gar nichts Bewusstes sein. Ich habe die feste Überzeugung, dass alles, was nicht echt ist, auch so wahrgenommen wird.

Alexander Krichel sucht in seinen Konzerten nach Tiefe und Menschlichkeit

Wer Ihr Spiel hört, spürt die Sehnsucht nach der Tiefe...

Und nach Menschlichkeit. Wenn ich ein Stück interpretiere, weiß ich natürlich, dass das schon 386 000-mal vor mir gespielt worden ist. Aber mein Wunsch und mein Glaube ist, dass ich damit etwas sage, was vorher in dieser Form niemand gesagt hat. Kunst ist ja kein Wettlauf von schnell, laut, brillant. Es geht um den Ausdruck.

Neben zartem Mozart geben Sie sich durchaus lustvoll den Tastengewittern Liszts und Rachmaninows hin. Wer solche Seelenreisen macht, braucht vermutlich keinen Ausgleichssport, oder?

Weder Yoga noch Punching-Ball! (lacht) Manche Musik bietet mir das große Drama, einfach nur totale Emotion: Bei Liszt kann ich explodieren. Andere Stücke, zuletzt Ravel, wirken wie ein Detox.

Der Pianist ist auch denen treu, die ganz am Anfang seines Weges standen

Ihre Karriere läuft glänzend: In Tokyo verehrt man Sie, weltweit gibt es ausverkaufte Säle, auch die Elbphilharmonie – alles weit oben. Aber Sie sind eine treue Seele: Alexander Krichel spielte auch heute noch in Meerbusch-Osterath in der kleinen Buchhandlung, die ihm mal ein erstes Podium bot...

Es war immer mein Traum, von dem, was ich liebe, leben zu können. Und das haben mir diese kleinen Veranstalter ermöglicht, als ich 17 war. Das war eine riesige Sache!: Ich werde gebucht, einen ganzen Abend! Ich vergesse nicht, was ich denen verdanke. Mir macht der kleine Rahmen auch richtig Spaß - in der ersten Reihe saßen beim letzten Mal wippende Kinder (lacht).

Das Klavierfestival Ruhr hat Sie 2017 geladen, Sie wurden krank. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie ein Konzert absagen müssen?

Wut, aber mehr noch: Traurigkeit! Ich hatte mich unheimlich auf das Klavierfestival gefreut, aber ich lag völlig flach mit einer Grippe.

Von der Oma „gesegnet“: Vor jedem Konzert ruft Alexander Krichel die 92-Jährige an

Dauernd strömen neue junge Stars auf den Klassik-Markt, nehmen Sie solche Konkurrenz wahr?

Nein. Das sind Gedanken, die zu nichts führen. Ich möchte meinen Weg gehen. Ich habe an Musikhochschulen erlebt, welche Energie in Neid und Hass auf Kollegen fließt. Das war Kindergarten – bitte ohne mich.

Fühlen Sie sich im Glück?

Ich glaube, dass Glück ein Phantom ist. Wenn ich Glück sage, meine ich Zufriedenheit. Ich bin mit mir im Reinen, ich habe das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein. Glück ist der Moment, in dem uns eine bestimmte Sache so erfreut, dass wir den ganzen Rest vergessen. Der glücklichste Mensch bin ich, wenn ich Musik machen darf.

Sie pflegen ein schönes Ritual: Wo immer Sie sind, telefonieren Sie 20 Minuten vor Konzerten mit Ihrer 92-jährigen Großmutter.

Stimmt. Sie stellt sich sogar mitten in der Nacht den Wecker. Ich erzähle ihr, wo und was ich spiele. Wissen Sie, meine Familie ist sehr gläubig. Meine Oma ist unsere „Heilige“. Wenn wir telefonieren, segnet sie mich sozusagen. Sie betet für mich. Bei einem schwierigen Konzert hab’ ich’s mal auf die Spitze getrieben, zwei Stunden vorher angerufen und ihr gesagt: „Fang’ schon mal an zu beten!“

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In Essens Philharmonie ist Krichel mit Ravel zu Gast: 21. Januar, 17 Uhr (28€). Mit Dortmunds Philharmonikern spielt er am 20./ 21. Februar, je 20 Uhr, Rachmaninows Klavierkonzert Nr.4 (ab 19€) im Konzerthaus. Beethovens fünftes Klavierkonzert deutet er am 9. März in Mülheims Stadthalle (ab 12€).

Wir verlosen je 3 x 2 Freikarten, dazu fünfmal die neue Ravel-CD Alexander Krichels (Sony).

Wer gewinnen möchte, schreibt bis diesen Freitag, 12.1., (Stichwort„Essen“, „Dortmund“, „Mülheim“ oder „CD“ angeben) eine Mail an kultur @waz .de. Wir wünschen viel Glück!

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